35 Jahre Mauerfall
„Borni“ – Brücke der Einheit in Berlin
An der Bornholmer Straße, beginnend an der mächtigen Bösebrücke, steht noch ein längeres Stück Mauer. Es ist nicht nur eine Erinnerung an die Teilung Berlins, sondern auch willkommener Lärmschutz für die dahinter liegenden Kleingärten. Denn über die Stahlfachwerkbrücke, die Berlin vereint wie keine zweite, fließt dichter Autoverkehr, rumpelt die Straßenbahn. Die 138 Meter lange Bösebrücke verbindet über die Gleise der S- und Fernbahn hinweg die Stadtteile Prenzlauer Berg im Ostteil und Wedding im Westteil der Stadt. In der Mitte befinden sich die Zugänge zum S-Bahnhof Bornholmer Straße.
Die „Borni-Brücke“, wie sie hier oft genannt wird, war Symbol der innerstädtischen Teilung und zugleich als Grenzübergangsstelle einseitig passierbar. An diesem wichtigen Knotenpunkt des Nahverkehrs waren schon früh die Trennungsabsichten der DDR-Führung erkennbar. Bereits in den 50er Jahren wurde die Straßenbahnlinie in eine westliche sowie eine östliche Betriebsstrecke geteilt und führte nicht mehr über die Bösebrücke. Die S-Bahn-Züge in Richtung Pankow wurden am Bahnhof Bornholmer Straße vorbeigeleitet, damit sie nicht mehr West-Berliner Gebiet durchfahren mussten. Dafür wurden die Gleise deutlich Richtung Osten verschwenkt, es entstand eine Kurve, die später im Volksmund nach dem Mauerbauer und SED-Chef (Walter) „Ulbricht-Kurve“ hieß.
Sprung aus der S-Bahn
Mit der Abriegelung West-Berlins am 13. August 1961 wurde der S-Bahnhof geschlossen, Züge im West-Berliner S-Bahn-Netz durchfuhren ihn ohne Halt. Vor der Bösebrücke entstand eine weiträumig gesicherte und immer größer werdende Grenzübergangsstelle. Unterhalb der Brücke wurden die Gleisanlagen mit mehreren Mauern getrennt. Obwohl die Ost-Berliner Züge in der engen Passage besonders schnell fuhren, sprangen immer wieder Flüchtlinge aus den Waggons, um die Grenze zu überwinden. Die letzte Mauer zwischen den Ost- und West-Gleisen wurde deshalb zuletzt auf rund fünf Meter aufgestockt. Unter der Brücke glückten trotzdem einige Fluchtversuche, vier junge Männer starben hier nach Erkenntnissen des Zentrums für Zeithistorische Forschung beim Versuch, die Grenzanlagen zu überwinden. Zuletzt sprang im Januar 1989 der 24-jährige Ingolf Diederichs aus einer fahrenden S-Bahn und verletzte sich dabei tödlich.
Der junge Ingenieur konnte damals nicht ahnen, dass nur einige Monate später hier Geschichte geschrieben werden würde, dass er nur noch ein paar Monate hätte warten müssen. Am Morgen des 9. November 1989 wendeten die Straßenbahnen wie üblich vor der Brücke, im Westteil fuhren schon lange keine mehr. Am nahen Kiosk erschien die „Berliner Zeitung“, das Organ der SED-Bezirksleitung Berlin, mit der unerhörten Schlagzeile „Tausende verließen wieder die DDR“. Ein paar Tage zuvor hatten über eine Million Menschen auf dem Alexanderplatz Reformen und freie Wahlen in der DDR gefordert.
Schabowskis legendäre Pressekonferenz
Am Abend dann, kurz vor 19 Uhr, verlas SED-Politbüromitglied Günter Schabowski auf einer internationalen Pressekonferenz eine Sensation: Reisefreiheit für alle DDR-Bürger. Die rund 200 Journalisten trauten ihren Ohren nicht. Ein italienischer Korrespondent fragte nach und Schabowski antwortete eher gelangweilt: „Es tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich …“ Eine folgenschwere Aussage, wurde doch die Pressekonferenz live von DDR-Fernsehen und -Hörfunk übertragen. Keine Stunde später bildeten sich Menschentrauben vor der Grenzübergangsstelle, denen bewaffnete Soldaten gegenüberstanden. Einige Wenige wurden auf die andere Seite gelassen. Die Staatssicherheit gab, wie später bekannt wurde, die Anweisung, die größten Krakeeler herauszugreifen und in den Westen zu lassen, ihre Ausweise auf dem Passbild zu stempeln und ihnen die Wiedereinreise zu verweigern. Als die Ost-Berliner dann von ihrem Kurzbesuch im Wedding zurückkamen, wurde der perfide Befehl glücklicherweise ignoriert.
Die Menschenmenge wurde unterdessen immer größer, die Stimmung blieb friedlich. Die DDR-Grenzer sahen sich von ihren Vorgesetzten zunehmend im Stich gelassen, weil Befehle ausblieben. Der damalige Major Manfred Sens, diensthabender Vorgesetzter der Grenztruppen an der Bornholmer Straße, fühlte sich gar verraten, wie er später erklärte: „Wir sollten einer wütenden Menge serviert werden, um ein Ablassventil zu schaffen.“ Gegen 22 Uhr drängten sich schon Tausende vor den Absperrungen, von hinten wurde geschoben, so dass der Druck immer größer wurde. Wenig später entschieden Sens und die anderen Offiziere eigenverantwortlich, die Waffenkammern verschlossen zu lassen und die Schlagbäume hochzuziehen. „Wir fluten jetzt. Wir machen alles auf“, meldeten sie der Stasi-Zentrale.
Berlin schläft nicht
Jubelnd strömten die Menschen ungehindert von Ost nach West und vom Prenzlauer Berg in den Wedding. 28 Jahre nach dem Bau der Mauer ging die Teilung Berlins hier im Freudentaumel unter. In der Nacht zum 10. November wurden auch alle anderen Grenzübergänge geöffnet, Berlin schlief nicht in dieser Nacht.
An der Bösebrücke erinnert heute eine Tafel daran, dass sich hier „erstmals seit dem 13. August 1961“ die Mauer öffnete. „Die Berliner kamen wieder zusammen“, heißt es weiter an der kleinen Gedenkstätte. Unterhalb der Brücke, wo sich einst der lebensgefährliche Grenzstreifen befand, blüht im Frühjahr eine Kirschbaumallee. Der kleine Park ist ein Geschenk Japans an die Stadt zur Erinnerung an den Mauerfall. Jedes Jahr ist der heutige Mauerweg von einem rosa Blütendach überzogen, das die internationale Generation Instagram magisch anzieht. Es gibt kaum einen anderen Ort in der Stadt, an dem Pärchen und ganze Gruppen von Jugendlichen in April und Mai so viele Selfies machen. Auf dem ehemaligen Todesstreifen können sich die jungen Menschen heute ihren Träumen überlassen, ohne ihr Leben zu lassen.