Donnersbergkreis RHEINPFALZ Plus Artikel Von Haus zu Haus – unterwegs mit dem ambulanten Pflegedienst

Immer auf dem Sprung: Die Leiterin der ambulanten Pflege bei der PAW, Iris Schmittinger (vorne links), Pflegerin Veronika Oswald
Immer auf dem Sprung: Die Leiterin der ambulanten Pflege bei der PAW, Iris Schmittinger (vorne links), Pflegerin Veronika Oswald (vorne rechts), Schülerin Sanaty Malachinsky und Pfleger Patrick Bauer.

Strümpfe anziehen, beim Duschen assistieren, Pillen verabreichen: Die Aufgaben im ambulanten Pflegedienst sind vielfältig und oft auch anstrengend. Dennoch würde Veronika Oswald den Job jederzeit wieder erlernen. Wir durften sie bei einer Tour durch den Donnersbergkreis begleiten.

„Das ist mir so unangenehm, ich würde so gerne helfen!“. Frau Reiner sitzt auf ihrem Fernsehsessel, die angeschwollenen Beine auf einem Hocker liegend, ein Sauerstoffgerät pumpt ununterbrochen durch einen Schlauch Luft in ihre Nase. „Es ist alles in Ordnung, Frau Reiner. Ich mache das gerne für Sie“, beschwichtigt Veronika Oswald, die als Pflegerin beim Ambulanten Dienst der Protestantischen Altenhilfe Westpfalz (PAW) täglich bei Anna Reiner vorbeischaut.

Das Herz der alten Dame macht nicht mehr richtig mit. Sie braucht ständige Sauerstoffgaben, und in ihren Beinen sammelt sich Wasser. Das Atmen fällt ihr schwer, das Aufstehen noch mehr. Heute ist die „große Pflege“ dran, gemeint ist Duschen, Haare waschen, eincremen. Das Ganze dauert etwa fünfzehn Minuten, anschließend ist die Patientin völlig erschöpft, aber zufrieden. „Danke“, sagt sie immer wieder. „Danke, dass Sie das alles für mich machen. Was würde ich nur ohne Sie tun?“

Hilflos sein ist schwer

Hilfe annehmen, das erfährt Veronika Oswald immer wieder, das ist für viele Menschen ungeheuer schwer. Besonders für diejenigen, die selbst immer viel gearbeitet und ihr Leben „im Griff“ hatten. Beispielsweise für die ehemalige Landwirtin, der Veronika Oswald heute früh auch einen Besuch abstattet. Sie hatte zusammen mit ihrem Mann einen großen Bauerhof mit Milchvieh. Dazu eine große Familie, die eigenen Eltern im Alter gepflegt. Jetzt, über 90-jährig, lebt sie alleine in dem riesigen Haus, das ebenfalls in die Jahre gekommen ist. Ihre Hilflosigkeit empfindet sie als Demütigung.

Um den Menschen diese Scham zu nehmen, hat Veronika Oswald eine Strategie entwickelt: „Ich erzähle dann etwas von mir selbst, von meiner Familie, von meinen Kindern“, so Oswald. „Schließlich dringen wir ja in intimste Bereiche ein, da sollte man auch etwas zurückgeben.“ Dem Gegenüber zu zeigen, dass auf der anderen Seite eben auch nur ein Mensch steht mit all seiner Verletzbarkeit, das sei für sie der beste Weg, um eine gute Verbindung zu ihren Klienten zu pflegen.

Keine Parkerlaubnis in Sicht

Weiter geht es bei der morgendlichen Tour mit dem PAW-Flitzer. Nächster Halt ist in Marnheim, wo Klara Friedrich mit ihrer Tochter übergangsweise in einer kleinen Wohnung untergebracht ist. „Unser Haus musste ganz dringend renoviert werden, deshalb haben wir uns hier eingemietet“, erzählt die Tochter. Es sei zwar eng, aber „wir leben schon immer zusammen, wir sind ein eingespieltes Team, wir kommen überall klar“, sagt die Frau, die ohne eigene Familie mit Anfang 40 die Versorgung ihrer Mutter zu ihrem wichtigsten Lebensinhalt gemacht hat. „Meine Mutter ist Diabetikerin, ihr musste vor einiger Zeit ein Bein amputiert werden“, erklärt sie. Doch mittlerweile hätten sie sich auf dieses Leben eingestellt, „wir lassen uns nicht unterkriegen, wir fahren sogar noch hin und wieder in Urlaub“. Lediglich die Tatsache, dass sie trotz mehrmaliger Versuche immer noch keine Berechtigungsscheine für einen Behindertenparkplatz bekomme, das mache ihnen manchmal den Alltag ganz schön schwer. „Ich frage mich schon, wer diese Scheine bekommt, wenn selbst eine Beinamputation dafür nicht ausreicht.“

100 Kilometer bei einer Tour

Etwa zwölf Klienten werden bei einer Tour versorgt. Rund 100 Kilometer legen Veronika Oswald und ihre Kolleginnen vom PAW im Schnitt dabei zurück. An Oswalds Seite seit wenigen Tagen Sanaty Malachinsky, die beim PAW ihre Ausbildung zur Pflegehelferin begonnen hat. „Das ist mein Traumberuf, ich will nichts anderes machen“, ist sie sich sicher. Und sie weiß, wovon sie spricht, denn beide Eltern sind ebenfalls im Pflegeberuf, da hat sie schon einiges mitgekriegt. Heute ist ein ganz besonderer Tag für sie, denn bei der nächsten Patientin darf sie zum ersten Mal Insulin verabreichen. „Natürlich läuft während der Ausbildung alles unter Kontrolle, aber es ist uns wichtig, dass unsere Azubis ziemlich schnell Eigenverantwortung übernehmen“, sagt Oswald. Denn das sei das A und O im ambulanten Dienst: „Man ist in der Regel alleine unterwegs, und ganz gleich, was einen bei den Patientenbesuchen erwartet, zunächst muss man selbst sehen, wie man klarkommt“, sagt sie. Auch der Anblick eines überraschend Verstorbenen bleibe kaum einer Pflegerin dauerhaft erspart.

Eine stolze Schülerin

Eine halbe Stunde später ist das Insulin „subkutan verabreicht“, wie es in der Fachsprache heißt, die Patientin ist zufrieden und Azubi Sanaty überglücklich. Kaum wieder auf dem Beifahrersitz, schreibt sie stolz eine WhatsApp an die Eltern. „Ich freue mich, wenn Sie beim nächsten Mal wieder mitkommen“, hatte eine Patientin kürzlich zu ihr gesagt. Das habe sie sehr glücklich gemacht, und das sei es, was sie an diesem Beruf begeistere, erzählt sie. „Man hat immer mit Menschen zu tun, man kann helfen, für jemanden da sein“, sagt sie. Kaum ein anderer Beruf biete das so. „Außerdem liebe ich ältere Menschen“ – sicherlich die beste Voraussetzung für diesen Job.

In den meisten Häusern, in die sie kommt, läuft es gut, sagt Oswald. Oft würden die älteren Menschen von ihren Angehörigen versorgt, manchmal lebt auch jemand bei ihnen im Haus. Das sei für sie als Pflegerin ein beruhigendes Gefühl. Kein gutes Gefühl hat Veronika Oswald dagegen bei ihrem nächsten Besuch bei einem Ehepaar. Der Ehemann hat eine Demenz entwickelt, er verwahrlost zunehmend. Seine Frau ist ebenfalls in schlechtem körperlichen Zustand und dazu fast blind. „Das Problem hier ist, dass wir lediglich medizinische Leistungen anbieten, also bei der Tabletteneinnahme helfen dürfen oder Blutdruck messen“, sagt Oswald. Nur dazu haben die beiden ihr Einverständnis gegeben, weitere Hilfe nehmen sie nicht an. Und diese Bereitschaft dazu sei nun mal Voraussetzung. „Ohne dieses Einverständnis sind uns die Hände gebunden, und das ist manchmal wirklich schwer auszuhalten“, so Oswald.

Dokumentation auf Pfälzisch

Nach jedem Besuch gibt es im Auto einen kurzen Boxenstopp, Zeit für die Dokumentation. „Wir haben hier alles umgestellt auf digitale Dokumentation mit KI-Hilfe“, erläutert am Ende der Tour Iris Schmittinger, die Leiterin der Ambulanten PAW-Hilfe, die in Albisheim neben dem Seniorenheim angesiedelt ist. Dieses Künstliche-Intelligenz-Programm setzt die mündlichen Angaben der Pflegerinnen in einer speziellen Tabelle ein. „Dienstag, 10.30 Uhr, große Pflege bei der Frau Riemer beendet. Die Patientin klagt über Schmerzen in den Beinen“ – so oder so ähnlich könnten die dann klingen.

„Diese neuen Programme vereinfachen die Dokumentationen und sparen viel Zeit, die wir wirklich lieber für unsere Patienten einsetzen“, sagt Schmittinger. Auch dass es unter den Pflegerinnen welche gibt, die womöglich nicht akzentfrei Deutsch sprechen, sei dabei kein Problem. „Diese KI-Programme sind erstaunlich lernfähig“, berichtet Schmittinger. „Unsere verstehen mittlerweile sogar Pfälzisch!“

Im Team füreinander da

Immer wieder ploppen während des Vormittags Textnachrichten von Kolleginnen – der Männeranteil in diesem Beruf ist auch bei der PAW gering – auf. „Wir sind vernetzt, und die Kolleginnen sehen, dass ich zeitlich im Verzug bin und bieten mir ihre Unterstützung an“, erklärt Veronika Oswald. Im Verzug sei sie heute, weil ihre beiden Begleitpersonen – Schülerin Sanaty und RHEINPFALZ-Vertreterin – sie etwas ausbremsen. Aber natürlich komme es auch immer mal wieder vor, dass sie bei einem Patienten länger brauche als üblich. Dann könne sie auch mit der Unterstützung der Kolleginnen rechnen. Dieser Zusammenhalt im Team sei für sie ein unschätzbarer Vorteil.

Und auch Chefin Iris Schmittinger sieht in dieser Teamarbeit nur Vorteile. „Natürlich müssen wir auch die Uhr im Blick behalten, aber durch die Vernetzung unserer Mitarbeiterinnen schaffen wir Spielräume. Wenn also jemand merkt, dass ein Patient einmal mehr Zuwendung oder Zeit braucht, wenn vielleicht etwas vorgefallen ist oder es jemandem nicht gut geht, dann können wir darauf reagieren. Wir rennen nicht aus dem Haus, weil wir bis zur letzten Minute verplant sind“, sagt sie. Natürlich könne eine Pflegekraft nicht ständig zusätzliche Hausarbeiten erledigen wie Mülleimer ausleeren, die Katze füttern oder Rollläden hochziehen. Aber ein wenig flexibel müsse man in diesem Beruf schon bleiben. Schließlich habe man es mit Menschen zu tun.

Personalnot auch spürbar

Acht Klienten und rund 70 Kilometer später kehren Veronika Oswald und Sanaty Malachinsky zurück zum PAW-Stützpunkt Albisheim, wo um 5.30 Uhr ihre Schicht anfing. „Natürlich ist man danach gebügelt, aber ich wollte nichts anderes machen“, sagt Oswald unter großer Zustimmung ihrer künftigen Kollegin. Allerdings kennt man auch hier das Problem der fehlenden Nachwuchskräfte, räumt Schmittinger ein. „Wenn jemand aus Altersgründen ausscheidet, dann bleibt diese Stelle oft lange unbesetzt. Das zieht zwangsläufig eine Überforderung der anderen nach sich und so entsteht leicht ein Teufelskreis“, so Schmittinger.

Wer sich aber für diesen Beruf entschieden hat, der bereut es nach ihrer Erfahrung dennoch nicht. „Diejenigen, die hier arbeiten, die tun das gerne.“ Das Problem sei vielmehr, dass die hohe Nachfrage dennoch nicht gedeckt werden kann. „Wenn jemand hier anruft und händeringend einen Pflegedienst sucht, und ich kann nicht helfen, das bricht mir das Herz“. Denn meist sei klar, dass die Anrufer auch bei anderen Diensten wohl kein Glück haben werden.

Teil 1: Begleitung bis zum Lebensende: Eine pflegende Angehörige schildert ihre Erfahrungen

Aus dem DAK-Pflegereport

Die Zahl der Erwerbstätigen in der beruflichen Pflege ist stabil. Es gibt keine Hinweise darauf, dass eine coronabedingte Flucht aus dem Pflegeberuf stattgefunden hat.

Der Pflegeberuf ist nicht unattraktiv: 2020/2021 wurden so viele Pflegende ausgebildet wie noch nie. Die Ausbildungszahlen halten sich auch nach Einführung der generalistischen Ausbildung stabil – dabei spielen allerdings Zugewanderte regional eine zum Teil dominante Rolle.

Beruflich Pflegende sind sektoren- und ortstreu: Ein Sog ins Krankenhaus wegen besserer Bezahlung oder Arbeitsbedingungen lässt sich nicht nachweisen.

2023 gab es über 1.140.300 professionell Pflegende in Deutschland. Mehr als 249.500 von ihnen erreichen in den nächsten zehn Jahren das Renteneintrittsalter, das sind 21,9 Prozent. Das Missverhältnis von Pflegekräften, die altersbedingt aus dem Beruf ausscheiden, und nachrückenden Pflegeschulabsolventinnen und -absolventen wird bundesweit in den nächsten Jahren dramatisch zunehmen.

Die Serie

Immer mehr Menschen sind in Deutschland von Pflegebedürftigkeit betroffen. Das liegt vor allem daran, dass sich die Lebenserwartung stetig erhöht und sich das Risiko für Pflegebedürftigkeit im Alter erhöht. Laut statistischem Bundesamt waren im Dezember 1999 es 2,02 Millionen, im Dezember 2021 waren es 4,96 Millionen. Im Donnersbergkreis gibt es 4335 Pflegebedürftige.

Die meisten Menschen werden zu Hause von ihren Angehörigen oder von einem ambulanten Pflegedienst. Jeder sechste ist in einem Heim zur vollstationären Pflege untergebracht. In einer Serie wollen wir die unterschiedlichsten Aspekte von Pflegebedürftigkeit und Pflege aufgreifen. Wir schauen uns die Formen der Versorgung an, sprechen mit Betroffenen und deren Angehörigen. Wir klären darüber auf, wo es Rat und Hilfe in Sache Pflege gibt und stellen neue Konzepte vor. Im ersten Teil der Serie erzählte eine RHEINPFALZ-Mitarbeiterin über ihre eigenen Erfahrungen als Pflegende Angehörige. Wer zu deisem Thema Kontakt mit der Redaktion wünscht, kann uns schreiben unter reddonn@rheinpfalz.de oder per Post in die Schlossstraße 8 in Kirchheimbolanden.

Helmut Hunger aus Bolanden ist durch ein Rückenleiden auf den Rollstuhl angewiesen. Er freut sich über den Besuch von Schülerin
Helmut Hunger aus Bolanden ist durch ein Rückenleiden auf den Rollstuhl angewiesen. Er freut sich über den Besuch von Schülerin Sanaty Malachinsky.
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