Donnersbergkreis
Begleitung bis zum Lebensende: Eine pflegende Angehörige schildert ihre Erfahrungen
Plötzlich und unerwartet, so kann man es immer wieder auf den hinteren Seiten der Zeitung lesen. Die Anzeigen mit den schwarzen Rändern informieren über das Lebensende. Wenn es jedoch Menschen über 80 oder gar 90 Jahre sind, die gestorben sind, kann man schon mal stutzig werden. Wie kann bei so einem stolzen Alter von „plötzlich und unerwartet“ gesprochen werden? Was mag da geschehen sein, fragt man sich? War der Senior noch fit und ist möglicherweise deshalb plötzlich und unerwartet verstorben, oder waren die letzten Jahre von Krankheit und Pflegebedürftigkeit geprägt?
Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Über 90 Jahre alt, und dennoch kommt der Tod plötzlich und unerwartet – das geht tatsächlich. Als mein Vater mit fast 94 Jahren starb, fühlte es sich auch für mich „plötzlich und unerwartet“ an, denn von jetzt auf gleich war der vertraute Mensch nicht mehr da. Doch dem endgültigen Abschied waren viele Jahre vorausgegangen, in denen die Endlichkeit des Lebens immer wieder spürbar geworden war. Die „gesundheitlichen Einschläge“, von denen man in diesem Zusammenhang gerne spricht, kamen in immer kürzeren Abständen. Immer mehr wurde die Unterstützung durch den Pflegedienst und Ärzte benötigt.
Unterstützung nötig
Meine beiden lieben „Alten“ hatten ihr Leben, bis sie 84 waren, zusammen mit relativ geringer Unterstützung gemeistert. Als dann meine Mutter starb, kam natürlich die Frage auf, wie es für den Vater weitergehen kann. Wäre für ihn, den Familienmenschen mit Leib und Seele, der als früherer Schlossermeister und Ausbilder stets mit vielen, auch jüngeren Menschen zu tun hatte, ein Seniorenheim möglich?
Das konnte sich unsere Familie nicht vorstellen. Dass er alleine in der Wohnung bleibt, allerdings ebenfalls nicht. Also zog er zu uns. Doch schnell zeigte sich: Wie überall, wo Charakterköpfe aufeinandertreffen, flogen oftmals die Funken. Da musste Unterstützung her, für alle Beteiligten! Noch hatte mein Vater ein eigenes Netzwerk von alten Freunden und Bekannten, in der ersten Zeit waren diese Begegnungen noch möglich und bereicherten den Alltag.
Kurzzeitpflege als Urlaub für Opa
Doch dann nagte auch hier der Zahn der Zeit, und die alten Kontakte verabschiedeten sich in die Ewigkeit. Zwar besuchten unsere Freunde und Bekannten den geselligen Großvater gerne, auch die Enkel sorgten für Abwechslung im Alltag. Doch die gesundheitlichen Baustellen wurden nach und nach immer größer – und für ihn und uns alle anstrengender.
Ihn allein zu lassen, wenn wir in Urlaub fahren wollten, war zunächst mit Unterstützung der schon erwachsenen Kinder noch möglich. Doch dann ging auch das nicht mehr. Wir meldeten ihn also zur Kurzzeitpflege in einem der umliegenden Seniorenheime an, verpackt als 14 Tage Urlaub für den Opa. Wir waren beruhigt, wussten ihn gut aufgehoben und versorgt, zumal er auch dort Besuch bekam.
Vertrauen in die Familie
Dennoch: Beim ersten Mal war ihm das Ganze nicht ganz geheuer. Das zeigte der stets mitgeführte Kalender, in dem jeder Tag abgestrichen wurde, bis er wieder nach Hause konnte, zu seiner Familie ins Haus, auf den Hof, zu den Hunden. Dass er wieder abgeholt wird, davon war er felsenfest überzeugt. Und das mancher Unkenrufe zum Trotz, die ihm glauben machen wollten, dass er sicher niemals abgeholt würde und von jetzt an im Heim bleiben müsse.
Da er in dieser Hinsicht nicht enttäuscht wurde, konnten wir dieses Modell der Kurzzeitpflege über einige Jahre in Anspruch nehmen. Mein Vater vertraute darauf, dass alles in Ordnung gehen würde. Als die körperlichen Gebrechen weiter zunahmen und sich auch eine Alterssturheit einstellte, die vor allem mir, der Tochter, zu schaffen machte, kam die Sozialstation für uns ins Spiel.
Ständiges Wechselbad der Gefühle
Zum einen zur Pflege, zum Beispiel duschen, waschen, Gummistrümpfe anziehen und vieles mehr – denn das ließ sich mein Vater von seiner Tochter nicht so einfach gefallen. Zum anderen gab es regelmäßige Besuche von freundlichen Damen, die mit ihm spazieren fuhren, Kaffeetrinken gingen und einfach Zeit mit ihm verbrachten.
Diese wöchentlichen Termine wurden für meinen Vater zu Höhepunkten im Alltag und für uns als Familie willkommene Verschnaufpausen im Kümmern um den geschätzten Opa, der doch durchaus äußerst anstrengend den engsten Verwandten gegenüber sein konnte. Im Rückblick war die Pflegezeit für und mit meinem Vater ein ständiges Wechselbad der Gefühle, doch ich denke, wir haben es gemeistert.
„Wir haben es geschafft“
Kurz vor seinem 94. Geburtstag bekam er eine Lungenentzündung, von der er sich nicht mehr erholte. Nach nur wenigen Tagen im Krankenbett und nur einer Nacht im Krankenhaus, wo ihm das Atmen erleichtert wurde, starb er. Er ging heim, wie er es immer nannte. Im festen Glauben daran, seine Ehefrau wiederzusehen und in einem im Alter wieder sehr wichtig gewordenen Gottvertrauen.
Manchmal stellen wir uns bis heute die Fragen: Haben wir alles richtig gemacht? Hätten wir mehr tun können? Doch wir sind sicher, wir haben uns bemüht und sind dankbar, dass wir dazu die Kraft und die Möglichkeit hatten. Es war beileibe nicht immer leicht, letztendlich aber haben wir es geschafft. Und das reicht mir und meiner Familie im Rückblick aus.
Die Serie
Immer mehr Menschen sind in Deutschland von Pflegebedürftigkeit betroffen. Das liegt vor allem daran, dass sich die Lebenserwartung stetig erhöht und sich das Risiko für Pflegebedürftigkeit im Alter erhöht. Laut statistischem Bundesamt waren im Dezember 1999 gab es 2,02 Millionen, im Dezember 2021 waren es 4,96 Millionen. Im Donnersbergkreis gibt es 4335 Pflegebedürftige. Die meisten Menschen werden zu Hause von ihren Angehörigen oder von einem ambulanten Pflegedienst. Jeder sechste ist in einem Heim zur vollstationären Pflege untergebracht. In einer Serie wollen wir die unterschiedlichsten Aspekte von Pflegebedürftigkeit und Pflege aufgreifen. Wir schauen uns die Formen der Versorgung an, sprechen mit Betroffenen und deren Angehörigen. Wir klären darüber auf, wo es Rat und Hilfe in Sache Pflege gibt und stellen Konzepte vor, die zu diesem Thema Kontakt mit der Redaktion wünscht, kann uns schreiben unter reddonn@rheinpfalz.de oder per Post in die Schlossstraße 8 in Kirchheimbolanden.