Sportpolitik RHEINPFALZ Plus Artikel Zur Russland-Wahl: Wie Putin den Sport für seine Zwecke einspannt

Kremlchef Wladimir Putin, hier unter anderem in Begleitung des weißrussischen Diktators Alexander Lukaschenko, macht sich selbst
Kremlchef Wladimir Putin, hier unter anderem in Begleitung des weißrussischen Diktators Alexander Lukaschenko, macht sich selbst ein Bild von den »Games of the Future«.

Russlands Präsident Wladimir Putin nutzt den Sport für seine Wahlkampagne. So will er der Bevölkerung in Kriegszeiten ein Gefühl der Normalität vermitteln. Wer sich dagegen stellt, riskiert viel.

Putins Team. Unter diesem Namen versammeln sich in Russland Politiker, Künstler und Wissenschaftler für die Unterstützung des Präsidenten. Der Sport gehört dabei zu den wichtigsten Feldern. Immer wieder zeigt sich Wladimir Putin bei Kundgebungen mit ehemaligen und aktuellen russischen Athleten. Der Sport ist Teil einer nationalistischen Kampagne, die an diesem Wochenende in die Wiederwahl Putins münden soll.

Da ist zum Beispiel Sergej Kariakin, aufgewachsen in der Ukraine auf der Halbinsel Krim, inzwischen aber stolzer Staatsbürger Russlands, ein echter Botschafter. Der Schachspieler Kariakin hatte sich schon mit zwölf Jahren den Titel des Großmeisters erarbeitet. Er gewann Turniere, reiste in andere Länder, galt als Vorbild für die Schach spielende Jugend. Seit 2022 unterstützt Kariakin die Invasion in der Ukraine mit pathetischen Worten. Seine internationale Laufbahn scheint zu Ende zu sein, doch immer wieder ist er Ehrengast bei russischen Nachwuchswettbewerben – auch in besetzten ukrainischen Gebieten wie dem Donbass.

Wladislaw Larin bei der Eröffnung des „Walk of Fame“.
Wladislaw Larin bei der Eröffnung des »Walk of Fame«.

Oder Wladislaw Larin, groß geworden im äußersten Westen Russlands. Der Taekwondo-Kämpfer gewann bei den Olympischen Spielen 2021 in Tokio Gold. Vor Kurzem veröffentlichte Larin ein Video, in dem er um Spenden für das russische Militär warb. Im Dezember 2023 eröffnete er mit anderen russischen Sporthelden eine Art Walk of Fame des Sports in Moskau – darunter der ehemalige Ringer Buvaisar Saitiev, dreifacher Olympiasieger und mehrfacher Weltmeister, Kickboxweltmeister Artyom Vakhitov oder der ehemalige Judoka Tagir Khaybulaev, der 2012 in London Gold bei Olympia gewann. Mit solchen Aktionen, die aufwendig vom Staatsfernsehen in Szene gesetzt werden, will Putin der Bevölkerung offenbar ein Gefühl von Normalität und Einigkeit vermitteln – während in der Ukraine russische Soldaten kämpfen und sterben.

Die Russen-Frage für Olympia

Svetlana Romashina, die zwischen 2008 und 2021 sieben olympische Goldmedaillen im Synchronschwimmen sammelte, sprach jüngst auf der russischen „Expo“ darüber, wie die Zukunft gestaltet würde. Ehemalige Fußballnationalspieler und der frühere Nationaltrainer Stanislav Cherchesov präsentierten dort das neue Nationaltrikot – umzingelt von Kindern. Der frühere Starspieler Andrej Arschawin wiederum zeigte sich mit Putin auf der Messe „Games of the Future“ in Kasan. Ebenfalls dabei: Eiskunstläuferin Kamila Walijewa. Großformatige Plakate von ihr zieren Hausfassaden in Moskau. Dass sie wegen Dopings mittlerweile gesperrt wurde? Steht nirgendwo.

Das Internationale Olympische Komitee möchte verhindern, dass die anstehenden Sommerspiele in Paris zu einer Plattform für Putins Botschaften werden. Während Mannschaften gänzlich ausgeschlossen sind, dürfen Sportler aus Russland und dem befreundeten Belarus in Einzeldisziplinen höchstens als „neutrale Athleten“ an den Start gehen. Durch diese IOC-Entscheidung ist die Sportwelt gespalten. Für die Spiele von Paris im Sommer gilt: Russische Symbolik mit Hymnen, Wappen und Flaggen ist untersagt. Zudem dürfen die Sportler keine Verbindungen zu Militär und Sicherheitsorganen pflegen. Wer den Krieg in der Ukraine unterstützt hat, soll keine Starterlaubnis erhalten. Trotz dieser Auflagen hat sich Moskau gegen einen Boykott der Spiele ausgesprochen. „Meine Position ist: Wir sollten uns nicht abschotten, verschließen und diese Bewegung boykottieren“, sagte Russlands Sportminister Oleg Matyzin der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Tass zufolge. „Wir sollten die Möglichkeit des Dialogs maximal aufrechterhalten und bei Wettkämpfen antreten.“

Auf Messen können sich Kinder derweil die Fußballtrikots der russischen Nationalmannschaft sichern, die international derzeit au
Auf Messen können sich Kinder derweil die Fußballtrikots der russischen Nationalmannschaft sichern, die international derzeit außen vor ist.

Keine einheitliche Haltung

Nur: Wie lässt sich die Gesinnung prüfen? Gilt die Weiterverbreitung von staatsnahen Inhalten in sozialen Medien bereits als Unterstützung des Krieges? Überdies ist der Spitzensport in Russland eng mit dem Sicherheitsapparat verzahnt. Im Zentralen Sportklub der Armee in Moskau, im ZSKA, trainieren mehr als 10.000 Athleten. Auch Dynamo Moskau mit seiner historischen Nähe zum Geheimdienst spielt eine beachtliche Rolle. Bei den Olympischen Winterspielen 2022 in Peking waren 209 russische Athleten vertreten. 34 davon gehörten den Sicherheitsorganen an, 15 mit Offiziersrang.

Wie in anderen Ländern auch, sind Sportler in Russland aus Mangel an privaten Sponsoren auf den Staat angewiesen. Etliche Athleten, die sich der Armee anschließen, bestreiten dort eine Grundausbildung, interessieren sich aber nicht unbedingt für den Dienst an der Waffe. Von den Teilnehmern in Peking gehörten aber auch 13 der Nationalgarde an, der Rosgwardija. Diese Einheit, die Putin direkt unterstellt ist, ist in der Ukraine im Kriegseinsatz und wurde von der EU mit Sanktionen belegt.

Die Haltung in Russland gegenüber internationalen Sportverbänden oder dem übergeordneten IOC ist nicht einheitlich. Es gibt Sportler wie die Hochspringerin Marija Lassizkene, Olympiasiegerin von Tokio, die für eine Olympia-Teilnahme gern auf Hymne und Flagge verzichten würden. Zugleich bleibt Sebastian Coe, Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes, aber derzeit bei seiner strikten Linie: In der Leichtathletik sind russische Sportler bei internationalen Wettbewerben weiterhin außen vor.

Die Leistungen von Eiskunstläuferin Kamila Walijewa sind großflächig auf Hausfassaden in Moskau zu sehen. Wegen Dopings musste d
Die Leistungen von Eiskunstläuferin Kamila Walijewa sind großflächig auf Hausfassaden in Moskau zu sehen. Wegen Dopings musste die 17-Jährige Olympia-Gold abgeben und ist gesperrt.

Es gibt aber auch Athleten, die die Auflagen für den Start russischer Athleten in Paris in eine antiwestliche Erzählung einbetten. „Ich würde niemals unter diesen Bedingungen nach Paris reisen“, sagte der Schwimmer Jewgeni Rylow, der 2021 in Tokio zweimal Gold gewonnen hatte. Und Irina Viner, die Nationaltrainerin der Rhythmischen Sportgymnastinnen, sagte: „Es wäre eine Schande, wenn wir zu Olympia fahren würden.“

Starke Worte, aber ohne Bedeutung. Mit ihrer deutlichen Positionierung für Putin würden wohl weder Rylow noch Viner eine Zulassung für Paris erhalten. Irina Viner, die mehrere Auszeichnungen des Kremls erhalten hat, hilft derweil bei der Organisation von Propaganda-Veranstaltungen. Vor wenigen Wochen trat sie mit Gymnastinnen beim „Tag des Verteidigers des Vaterlandes“ auf, bei Feierlichkeiten, bei denen regelmäßig auch Diktator Stalin verklärt wird. Die Botschaft von Irina Viner: „Wir brauchen den Westen nicht. Der Westen braucht uns.“

Olympia als Bühne im Staatsfernsehen?

Aussagen wie diese legen nahe, dass sich der russische Sport noch mehr als früher innenpolitischen Zielen unterordnen muss. Der Politikwissenschaftler Jürgen Mittag von der Deutschen Sporthochschule in Köln formuliert es im Deutschlandfunk so: „Die russische Sportdiplomatie war zu einem guten Teil immer noch nach innen ausgerichtet gewesen. Sicherlich auch nach außen, um die Stärke und Leistungsfähigkeit Russlands zu verkörpern und zu verdeutlichen. Aber noch stärker nach innen, um die Legitimität von Putin für sich selbst, für sein Regime, für die autoritären Strukturen und dessen Leistungsfähigkeit zu erzeugen und eben bei Wahlen die grundsätzliche Zustimmung zum Regime zu sichern.“

Es ist wahrscheinlich, dass die „neutralen Athleten“ während der Olympischen Spiele von Paris in wenigen Monaten in russischen Staatsmedien nicht als neutral dargestellt werden, sondern als Botschafter einer aufstrebenden Großmacht. Damit ziehen sie eine Linie bis in die 2010er-Jahre, als Russland mit den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi und der Fußball-Weltmeiserschaft 2018 zu den wichtigsten Gastgebern des Sports zählte.

Aber die Wirklichkeit sieht anders aus. Russische Weltmeister und Olympiasieger sind kaum noch international aktiv, sondern treten meist vor kleiner Kulisse in regionalen Wettbewerben gegeneinander an. Mitunter schauen Minister vorbei und halten Reden. Banner werben für die Rekrutierung von Soldaten.

Putin ordnet „alternative Wettkämpfe“ an

Auch mithilfe des Sports will der Kreml die Sanktionen kontern und die russische Selbstbehauptung betonen. Zehn Jahre nach den Spielen von Sotschi beschreiben Politik und Medien das Olympiagelände am Schwarzen Meer nicht als überteuerte Umweltsünde, sondern als Freizeitareal für die Mittelschicht. Zudem kündigte Putin den Bau von Trainingszentren außerhalb der Metropolregionen an. Ein Schritt, der Lokalpolitik, Oligarchen und Bauunternehmen in der Provinz zugutekommen könnte.

Russen treten aktuell vor allem unter sich an.
Russen treten aktuell vor allem unter sich an.

Putin ordnete auch die Entwicklung von „alternativen Wettkämpfen“ an. So könnten sich Athleten aus Staaten, die von Russland abhängig sind, öffentlichkeitswirksam von westlichen Organisationen abgrenzen. Auch Paraden und Massenübungen, wie man sie aus der Sowjetzeit kennt, sind denkbar.

Der russische Sport hat sich in kurzer Zeit grundlegend verändert. Unter medialer Aufmerksamkeit hat das Nationale Olympische Komitee in Moskau die Sportverwaltungen in den besetzten Regionen der Ukraine an sich gebunden. Fußballklubs auf der annektierten Krim wie der FC Sewastopol und Rubin Jalta spielen nun in der russischen Liga. Viele Sportplätze, Hallen und Schwimmbäder im Osten der Ukraine sind zerstört – oder werden von russischen Soldaten genutzt. Athleten, die sich in diesem gesellschaftlichen Klima kritisch zu Putin äußern, setzen ihre Gehälter, Trainingsplätze und mittlerweile auch ihre Freiheit aufs Spiel.

Einstiges Ido als Verräterin

Seit Kriegsbeginn haben rund 250 Leistungssportler Russland verlassen, etliche von ihnen treten nun für Israel, Serbien oder Deutschland an. Internationale Größen wie der Eishockeyspieler Alexander Owetschkin, der seit fast 20 Jahren in den USA lebt, oder der Tennisprofi Andrey Rublev wählen ihre Worte mit Bedacht, womöglich zum Schutz ihrer Familien und Freunde in Russland. Sie sprechen sich für Frieden aus, ohne Putin direkt zu kritisieren.

Wenige Monate vor der Fußball-EM und den Olympischen Spielen ist der russische Einfluss im Weltsport stark zurückgegangen, aber nicht verschwunden. Die Seilschaften, die über den langjährigen Sportsponsor Gazprom geknüpft wurden, wirken bis heute nach. Der Gasmanager Alexander Djukow sitzt noch immer im Exekutivkomitee des europäischen Fußballverbandes Uefa. Im IOC stammen zwei Mitglieder aus Russland: der einstige Tennisspieler Schamil Tarpischtschew und die frühere Stabhochspringerin Jelena Issinbajewa.

Als Angestellte des Verteidigungsministeriums trägt Issinbajewa den Rang einer Majorin. Sie hatte sich oft mit Putin gezeigt, sie besuchte mit anderen Sportlern russische Soldaten in Syrien und gehörte dem Gremium an, das die Verfassung zugunsten des Präsidenten änderte. Das IOC hat Issinbajewa nicht sanktioniert, doch in der Heimat gilt sie vielen als Verräterin. Denn Issinbajewa lebt statt in Russland auf Teneriffa.

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