Zweibrücken / Contwig RHEINPFALZ Plus Artikel Amazon lässt auf sich warten

340 Meter lang und 150 Meter breit ist die Logistikhalle.
340 Meter lang und 150 Meter breit ist die Logistikhalle.

Die riesige Logistikhalle am Steitzhof oberhalb von Contwig ist fast fertig. Landrätin Susanne Ganster kann sich aber vorstellen, dass Amazon sie gar nicht nutzen wird.

Seit einigen Wochen bereits geht das Gerücht um, dass Amazon die Halle nicht wie vorgesehen in Betrieb nehmen wird. Ob das stimmt, das weiß auch Landrätin Susanne Ganster nicht, die derzeit an der Spitze des Zweckverbandes Entwicklungsgebiet Flugplatz Zweibrücken (Zef) steht, dem das Gelände gehörte, auf dem die Halle steht. Im Gespräch mit der RHEINPFALZ sagte sie diese Woche: „Wir haben keine offizielle Mitteilung, ob die Gerüchte stimmen.“ Sie ergänzte: „Ich halte mittlerweile alles für möglich. Dass Amazon doch noch kommt, aber auch das neue Mieter einziehen.“ Eine dritte Möglichkeit: dass Amazon einen Mietvertrag hat, den erfüllt, die Halle aber erst einmal leer steht, vielleicht auch länger.

Diese Möglichkeit zieht die Landrätin allerdings nicht in Betracht: „Ich bin nach wie vor zuversichtlich, dass die Halle entsprechend genutzt wird.“ Wer als Ausweichmieter neben Amazon in Frage käme, wollte sie nicht abschätzen. Sie gehe aber davon aus, dass der Eigentümer einen Mieter finden wird. Auch bei den Wirtschaftsförderern des Landkreises und der Stadt gingen wöchentlich Anfragen ein – wenn auch nicht unbedingt nach einer solch riesigen Halle wie auf dem Steitzhof. Wollte ein anderes Unternehmen einziehen, würde dennoch der derzeitige Bebauungsplan gelten. Der sieht vor, dass die Halle als Logistikzentrum genutzt wird. Sie könnte alleine deshalb nicht einfach zu einer Produktionsstätte umgebaut werden – von den Kosten und dem Aufwand ganz zu schweigen. Es wäre zwar nicht unmöglich, den Bebauungsplan anzupassen, aber das würde Zeit kosten, und Bedenken und Widersprüche könnten das Verfahren weiter verzögern.

Amazon schweigt eisern

Amazon wie zuletzt auch Bauherr Scannell ließen alle Anfragen unbeantwortet. Die in London angesiedelte Pressestelle hat die RHEINPFALZ-Anfrage an eine deutsche Agentur weitergeleitet, die sie mit der Pressearbeit beauftragt hat. Von dort kam lediglich zurück: „Wir bitten um Verständnis, dass Scannell zu Ihrer Anfrage keinen Kommentar abgibt.“ Der Versandhändler selbst hatte sich seit Bekanntwerden der Pläne im Herbst 2021 nie öffentlich geäußert, wiederholt eine Standardformulierung gebraucht: „Amazon hat keine Ankündigung eines solchen Standorts gemacht.“ Im Oktober 2021 erläuterte Amazon seine Pläne am Steitzhof aber im Zweibrücker Stadtrat und vor Mitgliedern des Verbandsgemeinderats und des Zweckverbandes. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit, aber persönlich und offen für Nachfragen. Die im Januar verstorbene Stadträtin Ingrid Kaiser machte dann durch einen Versprecher im Rat den Namen Amazon als künftigen Mieter am Steitzhof publik. Was damals Zweibrückens Oberbürgermeister Marold Wosnitza spontan kommentieren ließ: „Frau Kaiser, jetzt ist es raus, die ganze Geheimhaltung dahin.“

Der Zweckverband, Verkäufer des rund 25 Hektar großen Grundstücks an Scannell, betont: Der Geschäftspartner habe sich in allen Punkten vertragstreu verhalten. Was die Pläne von Amazon angehe, sei man nicht informiert. Ein Vertrag besteht allein mit dem US-Immobilienunternehmen.

Eine halbe Million Euro Miete – im Monat

Über die Verträge von Scannell mit Amazon ist nichts öffentlich geworden. Scannell, bei dem es jüngst personelle Veränderungen in der Führungsetage gab, nannte öffentlich auch nie seinen Mieter und war bemüht, jeden Hinweis auf Amazon zu unterlassen. Selbst als schon vor einem Jahr mit der Fassadengestaltung der 340 Meter langen und 150 Meter breiten Halle eindeutig Rückschlüsse auf den Versandhändler zu ziehen waren, schwieg man bei Scannell eisern.

Nach RHEINPFALZ-Information hat Amazon keinen Rückzieher gemacht, den Vertrag mit Scannell also nicht aus irgendwelchen Gründen gekündigt. Auch soll wie im Zeitplan vorgesehen im Juni die Übergabe des Mietobjekts an Amazon angelaufen sein. Der Mietvertrag soll eine Mindestlaufzeit von zehn Jahren haben. Von einem atemberaubend hohen Mietpreis ist die Rede: gut eine halbe Million Euro – im Monat!

Weil die Deutschland-Pressestelle des US-Versandhändlers zuletzt im September überhaupt auf Anfragen reagierte, danach sich einfach tot stellte, kann nur spekuliert werden: Amazon behandelt das dem Vernehmen nach mehr als 60 Millionen teure (mit Geld aus Kuwait finanzierte), ganz nach seinen Vorgaben gebaute und auf seine Abläufe zugeschnittene Logistikzentrum als Option, analysiert wirtschaftliche Rahmenbedingungen (Konjunktur, Arbeitsmarkt, andere bestimmende Faktoren) und entscheidet dann, wann die Option genutzt wird. Ob sie überhaupt genutzt wird. Konsequenz: Mit den gegenüber Stadtrat, Kreistag und Zef-Gemeinden unter Ausschluss der Öffentlichkeit im Herbst 2021 genannten, im Endausbau und Drei-Schichtbetrieb vorgesehenen 350 Mitarbeitern am Steitzhof wird es erst mal nichts. Bis auf Weiteres, ganz wie es Amazon gefällt.

In Rostock hat es Amazon auch so gemacht

Die Situation ist anderen Kommunen auch nicht unbekannt: Bei Rostock, in der Gemeinde Dummerstorf, ließ Amazon 2021 auf vergleichbarer Fläche wie am Steitzhof – auf 200.000 Quadratmetern – ein Warenlager errichten. 2022 fertiggestellt, rätseln beobachtende Journalisten im Schulterschluss mit Kommunalpolitik und Bevölkerung seit Wochen und Monaten: Wann startet endlich der Betrieb? Antwort von Amazon – Fehlanzeige.

Scannell hat die Fläche am Steitzhof für knapp drei Millionen Euro vom Zef gekauft und auf eigene Kosten erschlossen. Landrätin Ganster sagte, sie sei trotz der neuen Entwicklung froh, dass das Gelände verkauft ist, noch dazu an einen Investor, der es auf eigene Kosten entwickelt: „Es war uns über zehn Jahre nicht gelungen, das Gelände zu vermarkten. Es ist nach wie vor absolut richtig, es verkauft zu haben.“ Was dem Zef – und damit Zweibrücken, dem Landkreis und den Dörfern Althornbach, Contwig und Mauschbach – entgeht, wenn die Halle leer steht, ist die Gewerbesteuer. Wie viel das wäre, wollte die Landrätin nicht schätzen, da dies von zu vielen Faktoren abhänge, etwa dem Firmensitz und den Umsätzen. Auch anderen Dörfern und Städten entgehen kleinere Beträge, wenn sie Einwohner gehabt hätten, die auf dem Steitzhof arbeiten: Vom Gehalt, das Amazon den Angestellten bezahlt, zahlen diese Einkommenssteuer, und davon geht ein Anteil an die Kommunen. Auch die Kaufkraft geht verloren – Geld, das die Angestellten zur Verfügung hätten und in der Region ließen.

6 Milliarden Euro Gewinn im Vierteljahr

Am Donnerstag berichtete der als Versender gestartete Tech-Konzern von einem Netto-Quartalsgewinn (April bis Juni 2023) von 6,1 Milliarden Euro. Der Konzernumsatz stieg um elf Prozent. „Kostenstraffungen“ hätten zum starken Ergebnis beigetragen. Im Januar hatte Amazon die Streichung von 18.000 Stellen, im März von weiteren 9000 angekündigt. Weltweit beschäftigt Amazon 1,5 Millionen Menschen.

Ende April noch auf der Baustelle am Steitzhof zu sehen: Ein ausgewiesener Parkplatz für Mitarbeiter von Amazon.
Ende April noch auf der Baustelle am Steitzhof zu sehen: Ein ausgewiesener Parkplatz für Mitarbeiter von Amazon.
Hier sollen einmal Lastwagen an die Halle andocken.
Hier sollen einmal Lastwagen an die Halle andocken.
Der Bauherr hat das abschüssige Gelände komplett eingeebnet.
Der Bauherr hat das abschüssige Gelände komplett eingeebnet.
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