Vorderpfalz
Zum Tag der Pflege: Sozialstationen gehen auf die Straße
Mit einem Hupkonzert machen sich rund 30 Autos der Sozialstationen aus der Vorderpfalz am Donnerstagvormittag auf den Weg durch Limburgerhof. „Die Pflege ist Gold wert – wir sind es auch“, lautet das Motto, mit dem sie zum diesjährigen Tag der Pflege auf die Situation der ambulanten Pflege aufmerksam machen wollen. Die Mitarbeiter der sieben Einrichtungen des Kooperationsverbunds Vorderpfalz in Limburgerhof, Schifferstadt, Böhl-Iggelheim, Ludwigshafen, Frankenthal, Neustadt und Bad Dürkheim betreuen nach eigenen Angaben 3000 Patienten in der Region – und schlagen Alarm.
„Es ist eine Frage der Zeit, bis die ersten Sozialstationen in Rheinland-Pfalz vor der Insolvenz stehen“, sagt Manuela Orlik, Geschäftsführerin der Sozialstation Frankenthal. Die Vergütung durch die Krankenkassen reiche nämlich nicht für das, was die Mitarbeiter der Sozialstationen leisten. „Ich weiß nicht, wer unsere Patienten im Fall einer Insolvenz versorgen würde“, sagt Orliks Ludwigshafener Kollegin Sabine Pfirrmann. 80 Prozent der Pflegebedürftigen werden nach ihren Angaben zu Hause gepflegt.
Ganzheitliche Pflege zu Hause
Die Mitarbeiter – überwiegend ausgebildete Pflegekräfte, aber auch Hauswirtschafter oder Familienpfleger – seien oft die einzigen, die regelmäßig zu den Patienten nach Hause kommen. Daher legen die Stationen Wert auf eine möglichst ganzheitliche Pflege – die in der Form nicht vorgesehen ist. „Wenn nur die Medikamentengabe auf dem Plan steht, kann man nicht einfach nur reinkommen, dem Patienten die Tabletten geben und wieder gehen“, sagt Martina Meinel, Vorsitzende des Kooperationsverbands und stellvertretende Pflegedienstleiterin der Sozialstation Limburgerhof.
Die Pflegekraft müsse sich auch vergewissern, dass der Patient etwas gegessen hat und ob ärztliche Hilfe nötig ist, oder sie müsse im Fall von dementen Patienten oft zuerst einmal erklären, warum sie eigentlich vor der Tür steht. All das sei in den fünf Minuten, die für die eigentliche Leistung angesetzt werden, nicht zu schaffen. Dazu kommt die Organisations- und Dokumentationsarbeit, die laut dem Kooperationsverbund etwa ein Viertel des Arbeitstages in Anspruch nimmt, aber im Leistungskatalog, den das Sozialgesetzbuch vorgibt, nicht berücksichtigt wird. „Die Leistungen entsprechen in keiner Weise dem Personal- und Materialaufwand“, sagt Pfirrmann.
Die Sozialstationen seien diejenigen, die oft spontan reagieren und die weitere Pflege organisieren müssen, wenn ein pflegebedürftiger Patient aus dem Krankenhaus entlassen wird. „Es gibt Situationen, wo man einen Patienten auf der Couch versorgen muss, weil kein geeignetes Bett da ist“, sagt Meinel. Dazu kommt, dass bestimmte Tätigkeiten wie die Versorgung von Wunden, psychiatrische oder Palliativpflege seit Oktober vergangenen Jahres nur noch von Pflegekräften mit einer Sonderqualifikation ausgeübt werden dürfen. Eine solche Schulung kostet laut Sören Vitic, Geschäftsführer der Sozialstation Bad Dürkheim, 8000 Euro pro Person. Wie die Leistungen künftig abgerechnet werden, stehe dagegen jetzt, in der Übergangszeit, noch nicht fest.
Hoher Krankenstand
Dabei sind die Stationen selbst vom Pflegenotstand betroffen. Sie berichten von einem hohen Krankenstand mit überdurchschnittlich vielen psychosomatischen Erkrankungen oder Muskel-Skelett-Beschwerden. „Die Auswirkungen von Corona bekommen wir jetzt erst zu spüren“, sagt Orlik. Nachdem der Corona-Schutzschirm, der bis zum Sommer vergangenen Jahres Ausgaben von Pflegediensten für zusätzliche Schutzkleidung übernommen hat, ausgelaufen ist, habe es zeitweise Krankenstände von 25 Prozent gegeben. Dazu kommen Mitarbeiter, die sich entschieden haben, aus der Pflege in andere Berufe zu wechseln, und ein Mangel an Auszubildenden.
„Die Pflege ist kein angesehener Beruf, das spüren auch junge Leute bei der Jobauswahl“, sagt Katrin Winter, Verwaltungsleiterin der Sozialstation Böhl-Iggelheim. Die Aussicht auf bis zu zwölf Arbeitstage am Stück mit Wochenend- und Feiertagsschichten schrecke viele ab. „Dabei haben wir in den Sozialstationen die Möglichkeit, die Dienstpläne zum Beispiel für alleinerziehende Eltern anzupassen“, sagt Pfirrmann. Trotzdem würden etwa zwei Drittel der Azubis ihre Ausbildung ohne einen Abschluss abbrechen. Nach dem neuen, generalistischen Ausbildungssystem in der Pflege könnten Pflegeschüler in Rheinland-Pfalz nach der Zwischenprüfung nicht mehr eigenständig als Pflegehelfer arbeiten, wie es beispielsweise im Saarland immer noch der Fall sei.