Weisenheim am Berg / Kirchheim RHEINPFALZ Plus Artikel Vor Prozess um tödlichen Unfall mit Jaguar: Was ein Hinterbliebener sagt

Kreuze erinnern an der Unfallstelle an jenen verhängnisvollen Tag im September 2020, an dem drei Menschen ihr Leben ließen.
Kreuze erinnern an der Unfallstelle an jenen verhängnisvollen Tag im September 2020, an dem drei Menschen ihr Leben ließen.

In zwei Wochen muss sich ein Jaguar-Fahrer für den Tod zweier Frauen und eines Jungen vor Gericht verantworten. Steffen Kirchner, der bei dem Unfall Sohn und Partnerin verloren hat, sagt: „Egal, was kommt. Es bringt die Drei nicht mehr zurück.“

Fast zwei Jahre nach dem schweren Verkehrsunfall, bei dem drei Menschen ums Leben gekommen sind, beginnt der Prozess gegen einen 29-jährigen Mann aus Biblis. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, am Abend des 19. September 2020 ein „Kraftfahrzeugrennen gegen sich selbst“ gefahren und dadurch fahrlässig den Tod eines kleinen Jungen und zweier junger Frauen verursacht zu haben: „Der Angeklagte soll, um die Strecke vom Ortsausgang Weisenheim am Berg nach Kirchheim in der höchstmöglichen Geschwindigkeit zurückzulegen, seinen Jaguar XF im Sportmodus stark und schließlich auf eine Geschwindigkeit von etwa 150 km/h beschleunigt haben.“ In einer Rechtskurve sei er mit 120 Stundenkilometern auf die linke Spur gedriftet. Der entgegenkommende Mitsubishi habe zunächst nach rechts ausweichen können. Der Jaguarfahrer soll ebenfalls versucht haben, gegenzulenken, habe hierbei aber die Kontrolle über sein Fahrzeug verloren und sei erneut auf die Gegenfahrbahn gekommen. Dort stieß er frontal mit dem Mitsubishi zusammen. Die 31-jährige Fahrerin, ihr einjähriger Sohn und die 27-jährige Beifahrerin verstarben noch am Unfallort. Ein im Kindersitz gesichertes fünf Wochen altes Mädchen wurde bei dem Unfall schwer verletzt.

Der Vater sagt: „Wir sind so froh, dass sie da ist“

Für dieses kleine Mädchen kämpft Steffen Kirchner, der bei dem Unfall seine 31-jährige Verlobte und seinen einjährigen Jungen verloren hat. „Wir sind so froh, dass sie da ist“, sagt er über seine Tochter, die im August zwei Jahre alt wird. Der 35-jährige Weisenheimer will, dass Nora Luna eine gute Kindheit und eine sichere Zukunft hat und möglichst wenig von den Belastungen der Familie mitbekommt: „Sie soll fröhlich bleiben.“

Der Verlust schmerzt. „Man versucht, damit zu leben. Irgendwie. Auch wenn’s schwer ist. Man hat keine Zeit zu trauern. Man darf nicht. Alleine schon wegen der Kleinen“, sagt Kirchner. Der nun anstehende Gerichtsprozess könne nichts wieder gut machen: „Egal, was kommt. Es bringt die Drei nicht mehr zurück.“

Kirchner lenkt sich mit Arbeit ab. Er ist Brennholzhändler und hat im Moment sehr viel zu tun, denn die Nachfrage nach Holz aus der Region ist riesig. Wenn er im Wald ist, kümmert sich seine Mutter um die Kleine.

Der Vater sorgt sich, dass bei dem Kind etwas zurückbleiben könnte, schließlich sei sie bei dem Unfall schwer verletzt worden und danach in Behandlung gewesen. „Aktuell geht es ihr gut, allerdings war sie Anfang des Jahres wieder in Behandlung, weil sie Probleme mit dem Rücken hatte“, berichtet der Weisenheimer.

Er und seine Freundin hatten sich die Zukunft ausgemalt, es war geplant, ihre Hochzeit und die Taufe der beiden Kinder an einem Tag bei einem gemeinsamen Fest zu feiern. „Finn ist einen Tag vor seiner Beerdigung getauft worden“, sagt der Vater.

Die Unfallstelle an der Kreisstraße zwischen Weisenheim am Berg und der B 271 bei Kirchheim.
Die Unfallstelle an der Kreisstraße zwischen Weisenheim am Berg und der B 271 bei Kirchheim.

Kreuze am Straßenrand erinnern an die Verstorbenen

An der Kreisstraße erinnern vier Kreuze, Blumen und Kuscheltiere an die Unfallopfer, in der Erde stecken noch immer Überreste der verunfallten Wagen. Mittlerweile gilt auf einem Teilstück ein Tempolimit von 70 Stundenkilometern, auch jene Stelle, an der der Unfall geschah, zählt dazu. Steffen Kirchner findet: „Eigentlich sollte das Tempo auf der ganzen Strecke auf 70 reduziert werden.“ Die Autofahrer würden immer noch rasen, wenn sie auf der Kreisstraße von Weisenheim in Richtung Bundesstraße 271 fahren. Die Kreisstraße wurde 2019 von vier auf sechs Meter verbreitert, um den Begegnungsverkehr zu erleichtern. Sie ist gut ausgebaut, hat allerdings viele Einmündungen rechts und links.

Der schwere Verkehrsunfall im September 2020 ist nicht der Hauptgrund für das Tempolimit gewesen, hieß es im November 2021 von der Kreisverwaltung Bad Dürkheim, die dieses gut ein Jahr nach dem Unfall angeordnet hatte. Vielmehr habe die Sicherheit der Radfahrer die ausschlaggebende Rolle gespielt: Denn diese müssten die Kreisstraße queren und ein Stück an ihr entlang radeln, um von einem Abschnitt des Radwegs auf den anderen zu kommen.

Für ein Teilstück der Kreisstraße gilt jetzt Tempo 70.
Für ein Teilstück der Kreisstraße gilt jetzt Tempo 70.

Der Jaguar-Fahrer hat sich noch nicht geäußert

Steffen Kirchner erhofft sich vom Prozess auch, dass sich die Versicherung endlich dazu bereit erklärt, ein Doppelgrab für seine Partnerin und seinen Sohn zu bezahlen: „Sie weigert sich“, sagt er.

Der Angeklagte, der bisher noch nicht strafrechtlich in Erscheinung getreten ist, hat sich nach Angaben des Gerichts bislang noch nicht zu den Vorwürfen geäußert. Der Prozess, bei dem er sich vor der II. Großen Strafkammer des Landgerichts Frankenthal wegen fahrlässiger Tötung und wegen eines verbotenen Kraftfahrzeugrennens verantworten muss, beginnt am Dienstag, 21. Juni, 9 Uhr. Die weiteren Termine sind an den Donnerstagen, 23. Juni, 30. Juni und 7. Juli, jeweils 9 Uhr. Wer dem Prozess beiwohnen will, braucht eine Platzkarte. Diese werden am jeweiligen Tag ab 8.30 Uhr ausgegeben, teilt Gerichtssprecherin Britta Hoth mit.

Derzeit gebe es insgesamt 34 Zuschauerplätze, von denen zehn für die Presse reserviert sind. Auf Nachfrage der RHEINPFALZ, ob das angesichts der zu erwartenden Zuhörerzahl nicht zu wenige seien, antwortet Hoth: „Ja, die Bedenken teilen wir. Die niedrige Anzahl von Zuschauerplätzen ist eine Folge der Pandemie. Wir werden prüfen, ob wir nun wieder mehr Stühle stellen können. Der Saal bietet grundsätzlich eine größere Kapazität.“

Die Zuhörer werden vor Beginn des Prozesses am Eingang kontrolliert und müssen Gegenstände wie Flaschen, Bücher, Dosen oder Obst abgeben. Denn diese könnten als Wurfgeschosse missbraucht werden.

Spendenkonto

Bei der Sparkasse Rhein-Haardt gibt es ein Spendenkonto für das Mädchen. Das Konto läuft auf den Namen Nora Luna Kirchner, Iban DE18 5465 1240 0005 7920 56, Bic MALADE51DKH.

Die Strecke, auf der der schwere Unfall passiert ist.
Die Strecke, auf der der schwere Unfall passiert ist.
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