Arbeit RHEINPFALZ Plus Artikel Haben Frauen einen Karrierevorteil?

Saori Dubourg gehört dem sechsköpfigen BASF-Vorstand seit 2017 an.
Saori Dubourg gehört dem sechsköpfigen BASF-Vorstand seit 2017 an.

Die Dominanz von Anzugträgern, wie es sie etwa in der BASF lange gab, ist in vielen Unternehmen vorbei. Die Wirtschaft will in ihren Belegschaften „Diversity“: Vielfalt von Lebensentwürfen und soziokulturellen Hintergründen. Die Erfahrung lehrt, dass solche Teams kreativer sind. Ist die Förderung von Frauen überhaupt noch zeitgemäß?

Im Vorstand hat die BASF die eigenen Ziele hinsichtlich der Geschlechter-Quoten vorzeitig übererfüllt. Mit zwei weiblichen Mitgliedern – der Deutsch-Japanerin Saori Dubourg und der aus Grevenbroich stammenden Melanie Maas-Brunner – ist ein Drittel des sechsköpfigen Vorstands des Chemie-Branchenführers weiblich. Bis 2030, so die aktuelle, nachgeschärfte Zielsetzung des Unternehmens, sollen 30 Prozent der Führungskräfte des Unternehmens Frauen sein.

Das Unternehmen sei auf einem sehr guten Weg, sagt dazu Diana Westrich, Vice President Corporate HR Leadership und Development BASF SE in Ludwigshafen. Zu deutsch: Vize-Chefin des Personalbereichs Führung und Entwicklung bei der BASF SE. Der Zuwachs weiblicher Führungskräfte sei zwar klein, aber stetig, unterstreicht die promovierte Juristin. Und er übersteigt die Zunahme des Frauenanteils bei der BASF: Der legte von 2019 bis 2021 um 0,4 Prozentpunkte auf 25,5 Prozent zu (inzwischen beträgt er 26,1 Prozent), während der Anteil der Frauen in Führungspositionen im selben Zeitraum um 2,6 Prozentpunkte zunahm auf 25,6 Prozent. Anders ausgedrückt: Gut jede vierte Stelle mit Personalverantwortung ist bei der BASF von einer Frau besetzt – im Schnitt. Wie sich dies auf den einzelnen Hierarchiestufen niederschlägt, dazu gibt das Unternehmen allerdings keine Auskunft.

BASF über Durchschnitt

Dabei liegt das Unternehmen etwas besser als die deutsche Wirtschaft insgesamt: Demnach beträgt die Frauenquote in Führungspositionen in Deutschland derzeit 24,1 Prozent. Dies zeigt eine am Montag veröffentlichte Auswertung des Informationsdienstleisters CRIF von knapp 2,5 Millionen Führungspositionen in 1,2 Millionen Unternehmen. Im März 2021 lag diese Quote laut CRIF mit 24,6 Prozent noch etwas höher.

Ob Frauenförderung noch zeitgemäß ist, diese Frage stellt sich für die Personalerin Westrich nicht. Es gehe darum, niemanden zu bevorzugen, aber auch niemanden zu benachteiligen, betont sie. Frauenförderung und Geschlechtergerechtigkeit, sagt die Thüringerin, sei zudem lediglich ein Aspekt von vielen bei Diversity. Angesichts der Diversität der Kunden und Märkte, für die das Unternehmen Produkte herstellt, versuche die BASF, dies auch bei ihren Mitarbeitern abzubilden.

Netzwerken will gelernt sein

Ein spezielles Training nur für Frauen, die Führungspositionen anstreben, gibt es bei der BASF gleichwohl: den Future Female Leaders Workshop. Darin gehe es vor allem um das Netzwerken für weibliche Führungskräfte, erläutert Westrich. Die Werte für die Personalverantwortlichen, die das Unternehmen aus seinen vier Unternehmenswerten – kreativ, offen, verantwortungsvoll, unternehmerisch – abgeleitet habe, gälten selbstverständlich für alle Führungskräfte gleichermaßen. Dasselbe treffe auf die Verhaltensweisen zu, die das Unternehmen von seinen Führungskräften erwartet.

Wie in vielen anderen Industrieunternehmen auch, gab es in der Vergangenheit in den Personalbereichen der BASF einen höheren Frauenanteil als im Durchschnitt des Unternehmens. Grundsätzlich gelte aber, dass der Chemieriese derzeit einen steigenden Anteil von Frauen verzeichne – und zwar auch in Berufsfeldern mit traditionell eher geringerem Frauenanteil, unterstreicht Westrich.

Eine gemeinsame Reise

Die Kandidaten, die Personalverantwortung übernehmen sollen, werden ihr zufolge früh identifiziert, und Anwerbungsveranstaltungen fänden bereits in den Hochschulen statt. Die Nachwuchskräfte würden darüber, welchen Weg sich das Unternehmen von und mit ihnen vorstellt, und darüber, welche Rolle sie einmal einnehmen könnten, von Anfang an transparent informiert, unterstreicht die Personalfachfrau. Als eine gemeinsame Reise umschreibt es Westrich, es sei ein mehrstufiger Prozess, zu dem Coachings – auch auf Ebene der Kandidaten untereinander – Workshops und individuelle Trainings gehörten. Die entsprechenden Wegmarken würden in den jährlichen Entwicklungsgesprächen definiert und gegebenenfalls nachjustiert.

Von der Identifizierung eines Talents bis zur Senior-Executive-Ebene vergingen im Schnitt rund zehn Jahre, berichtet die Personalerin. Entwicklungspläne, betont sie, gebe es für alle Hierarchiestufen. Denn der Weg gehe für jeden Mitarbeitenden immer weiter – und gute Führung höre nie auf.

Work-Life-Balance-Vorbilder

Dabei würden Frauen, die sich das wünschen, durchaus ermutigt, Familie und Beruf gleichermaßen anzustreben. Vorbilder in allen Führungsebenen habe die BASF immer mehr zu bieten. Die nächste Generation – Westrich selbst ist Jahrgang 1981 – habe andere Erwartungen an Arbeitgeber als die Generationen davor, ergänzt sie: Die jungen Menschen arbeiteten bevorzugt in Unternehmen, in denen sie einen positiven Beitrag zu Veränderung leisten könnten. Die Klimaschutz-getriebene industrielle Transformation, in der sich die gesamte Industrie und damit auch die BASF befindet – weg von fossilen Energieträgern und Grundmaterialien hin zu erneuerbaren –, ist dafür ein breites Betätigungsfeld.

Work-Life-Balance-Vorbilder sind bei der BASF in der obersten Führungsebene inzwischen gleich doppelt angekommen. Beiden Frauen im Vorstand, Saori Dubourg und Melanie Maas-Brunner, ist gemeinsam, dass sie eine typische, weil lupenreine BASF-Karriere hingelegt haben – und beide sind Mütter. Die Betriebswirtin und Marketing-Expertin Dubourg, Jahrgang 1971, kam 1996 nach ihrem Studium zur BASF und ist seit Mai 2017 Mitglied des Vorstands. Wie sie, so hat auch die drei Jahre ältere, promovierte Chemikerin Melanie Maas-Brunner im Stab eines Vorstandsmitglieds gearbeitet. Beide haben eine Auslandsstation in Asien absolviert. Maas-Brunner gehört dem Vorstand seit Februar des vergangenen Jahres als Forschungschefin an – eine Position, die zuvor der Vorsitzende des Gremiums, Martin Brudermüller, inne hatte. Seit Mai 2021 ist sie zudem Arbeitsdirektorin und Standortleiterin der BASF SE.

Unterschiedliche Temperamente

So unterschiedlich ihre Fachgebiete sind, so unterschiedlich sind die Temperamente der beiden obersten BASF-Führungsfrauen: Dubourg eher leise und zurückhaltend, aber klar und beharrlich in der Sache, Maas-Brunner extrovertiert und mitreißend. Dubourg hat die längere Phase von beiden in der Top-Führungsebene vorzuweisen. Unter ihrer Ägide erfolgten Zukäufe wie das Saatgutgeschäft von Bayer, aber auch Desinvestitionen wie jene der Bauchemie. Gerade hat sie mit ihrem Vorstandskollegen und dem vormaligen Arbeitsdirektor Michael Heinz, der für die BASF in die USA ging, einen großen Teil der Zuständigkeiten getauscht. Seit Anfang März verantwortet sie die Bereiche Monomere und Performance Materials, Petrochemicals sowie Intermediates, und weiterhin die Region Europa.

Auch diese beiden Wege müssen noch nicht zu Ende sein. Aber noch steht ein Wechsel an der Spitze der BASF nicht an. Vorstandschef Brudermüller, der in wenigen Tagen 61 wird, seit 2006 Vorstandsmitglied, seit 2011 stellvertretender Vorstandsvorsitzender und seit 2018 BASF-Chef ist, ist mindestens noch bis zur Hauptversammlung 2023 als solcher bestellt. Sein Vertrag könnte verlängert werden, denn dass er bereits mit 62 Jahren nach nur fünf Jahren als BASF-Chef ausscheidet, ist eher unwahrscheinlich. Zumal er dann 2025, mit 64 Jahren, nach zweijähriger „Abkühlphase“, für den Aufsichtsrat bereitstehen würde. Den führt sein drei Jahre älterer Vorgänger Kurt Bock aber erst seit 2020. Allein das könnte dafür sprechen, dass Brudermüller noch zwei, drei Jahre länger im Amt bleibt.

Und danach? Ist es nicht unwahrscheinlich, dass eine der beiden Frauen auf Brudermüller folgt und die erste weibliche Spitze der BASF wird – sofern die beiden Frauen der BASF treu bleiben. Ein Top-Job-Anwärter könnte allerdings auch Markus Kamieth sein. Der promovierte Chemiker ist Jahrgang 1970. Wie Dubourg, ist er seit 2017 Vorstandsmitglied der BASF und leitet derzeit von Hongkong aus das Asien-Geschäft.

Melanie Maas-Brunner ist seit 2021 Mitglied des BASF-Vorstands.
Melanie Maas-Brunner ist seit 2021 Mitglied des BASF-Vorstands.
Diana Westrich
Diana Westrich
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