Speyer
Frauen im Stadtvorstand: „Keine Frage des Geschlechts, sondern der Diversity“
Frau Reckow, muss ich ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich als Mann Sie als Frau nun frage, warum immer noch nicht selbstverständlich ist, was selbstverständlich sein sollte: dass ein Stadtvorstand auch aus vier Frauen bestehen kann …
Sie müssen sich nicht schämen. Politische Führungsposition waren jahrhundertelang ausschließlich männlich besetzt und sind es heute noch mehrheitlich. Dabei ist die Aufgabe völlig geschlechtsunspezifisch. Dass die Zahlen so sind, wie sie sind, ist eine Generationenfrage, denn in der aktiven Politik haben wir es mit mehreren Generationen im soziologischen Sinn zu tun. Das reicht von den Traditionalisten, den Nachkriegskindern wie Horst Seehofer, über die Babyboomer bis hin zu den Generationen X, Y, Z und Alpha. Denken die beiden ältesten Generationen noch sehr hierarchisch und patriarchalisch, wird etwa keine heute 21-Jährige sagen, dass sie sich je in irgendeinem Lebensbereich benachteiligt gefühlt hat.
Wird die Zusammensetzung des Stadtvorstands der Stadt nützen?
Das kann man natürlich nicht mit Sicherheit sagen, aber es gibt Indizien. Heute verlassen mehr Frauen die Uni als Männer. Frauen sind nachweislich besser ausgebildet. Letztlich ist gute Führung aber keine Frage des Geschlechts, sondern der Diversity. Da geht es um weitaus mehr Merkmale. Wünschenswert wäre, dass Menschen mit unterschiedlicher sexueller Orientierung im Stadtvorstand und Stadtrat vertreten sind, aus mehreren Generationen, mit verschiedenen religiösen Zugehörigkeiten und Hintergründen. Nur so kann Politik unserer Gesellschaft und allen Bürgern gerecht werden. In der Wirtschaft hat sich eindeutig gezeigt: Unternehmen, die Diversity leben, sind erfolgreicher.
Ob Mann oder Frau: Ist es in dieser Hinsicht ein Risiko, wenn die vier Personen dasselbe Geschlecht haben?
Nein, das ist kein Risiko. Aber es wäre eines, wenn die Personen keine oder nicht die richtige Kompetenz haben. Wenn also zum Beispiel Frau Selg als neue Beigeordnete mit dem Geschäftsbereich Digitalisierung keine Ahnung von Digitalisierung hätte.
Sie ist als Projektleiterin für den IT-Konzern IBM tätig …
Na, dann ist es doch super. Und dann macht sie es auch noch ehrenamtlich. Dafür müssen wir dankbar sein. Sie müssen also nicht nach dem Geschlecht, sondern nach der Kompetenz fragen. Wenn Sie fragen würden, ob es ein Risiko ist, dass vor Frau Seiler ein Arbeitsrechtsanwalt Oberbürgermeister der Stadt war, müsste ich ja sagen. In einem solchen Amt muss man Ahnung von Politik, Verwaltung und den Bürgern haben.
Wo liegen die Chancen mit einer 36-jährigen OB und den drei weiteren Frauen an der Spitze der Stadt?
Die Konstellation bietet die Chance, sich aus alten Mustern zu lösen und eröffnet ein neues Bild auf Speyer. Speyer darf auch weiblich sein. Frauen sind erfolgreicher, weil sie weniger in risikobehaftete und mehr in langfristige, nachhaltige Lösungen investieren. Das ist eine Chance für Speyer auch in Anbetracht der aktuellen finanziellen Situation. Und was Diversity betrifft: In der Stadtverwaltung sind längst nicht nur Frauen tätig. Und im Stadtvorstand sind vier Parteien vertreten. Das ist doch großartig!
Haben es Frauen in der Wirtschaft oder in der Politik schwerer, nach oben zu kommen?
In der Wirtschaft gibt es auf jeden Fall immer noch die „gläserne Decke“. Ich bin der Meinung, dass es zu spät ist, jetzt mit der Frauenquote zu kommen. Gut ausgebildete Frauen haben längst die Wahl, geben sich mit alten Unternehmenskulturen nicht mehr ab. Leider ist auch die öffentliche Hand noch sehr hierarchisch, verkrustet in ihren Strukturen und beim Thema Diversity. Letztlich ist es auch da eine Frage des Alters.
Ist nicht auch die Position einer Oberbürgermeisterin hierarchisch weit hervorgehoben?
Macht übe ich auch im Agieren aus. Ich kann prozessorientiert Handlungsspielräume geben, ich kann den evolutionären Ansatz wählen und zum Beispiel Arbeitskreise einrichten. So schätze ich Frau Seiler auch ein. Sie ist dazu bereit, neue Entscheidungswege zu gehen und die Kompetenzen ihrer Organisation zu nutzen. Sie glaubt nicht, dass sie die Einzige ist, die etwas zu sagen hat.
Coachen Sie eigentlich auch Politikerinnen?
Wir sind überwiegend in der Wirtschaft tätig. Die Processline begleitet Unternehmen in Veränderungsprozessen. Das Coaching ist nur ein Nebenprodukt.
Schon vor Jahren hatten Sie mit „Spiradonna“ ein lokales Unternehmerinnennetzwerk in Speyer geleitet, das es heute so nicht mehr gibt. Wäre eine Neuauflage wünschenswert?
Es ist immer notwendig, Unternehmerinnen zusammenzubringen, um zu zeigen, dass es mehr als eine gibt, um Vorbild zu sein für junge Frauen. Wir hatten damals bei „Spiradonna“ 40 Teilnehmerinnen, und das war nur ein Bruchteil der Zielgruppe. Leider hat das der Vorgänger von Frau Seiler unterbunden. Ihnen wieder eine Plattform zu geben, würde Speyer nicht schaden. Ich kann das der Stadt nur empfehlen, aber das müsste jetzt von ihr kommen.
Daten & Fakten: Frauen mit Amtskette unterrepräsentiert
Ein Stadt- oder Gemeindevorstand, der aus vier Frauen besteht, gibt’s das noch irgendwo in Deutschland außer in Speyer? Ob das für die mehr als 11.000 Kommunen schon jemand ermittelt hat, ist nicht bekannt. Auch für die rheinland-pfälzische Ebene hat das Statistische Landesamt diese Informationen nicht vorliegen.
Was aus den Zahlen der Statistiker hervorgeht, ist, dass Frauen in Bürgermeisterämtern immer noch deutlich unterrepräsentiert sind. „Im Januar 2020 standen in insgesamt 14 hauptamtlich geführten Kommunalverwaltungen Frauen an der Spitze, das waren 7,3 Prozent aller 193 Verwaltungen“, so Pressesprecher Jürgen Hammerl auf Anfrage. Von den 2233 Ortsgemeinden, in denen Stand März dieses Jahres der Posten des ehrenamtlichen Ortsbürgermeisters oder der ehrenamtlichen Ortsbürgermeisterin besetzt ist, würden 287 von Frauen geführt. Das sei ein Anteil von 12,9 Prozent. Rechnerisch höher sei der Anteil der Frauen allein in den Oberbürgermeisterämtern. Zwölf solcher Posten gibt es in den kreisfreien Städten, zwei davon bekleiden Frauen, macht 16,7 Prozent. Die Zweite neben der Speyererin Stefanie Seiler ist Jutta Steinruck in Ludwigshafen.