Immobilienreport
Wie eine Wohngemeinschaft auch im Alter gelingen kann
Schon die bunt gestalteten Briefkästen am Eingang deuten darauf hin, dass es in dem Gebäude in der Edenkobener Weinstraße anders – besser gesagt: lebhafter – zugeht als in anderen Mehrparteienhäusern. Die Bewohner kennen sich teilweise schon seit Jahren. Früher haben sie nach privaten Treffen am Abend darüber gestöhnt, noch nach Hause fahren zu müssen, wie Susanne Roth berichtet. Heute können sie ihr Gläschen Wein beruhigt genießen. Sie brauchen sich nicht mehr ans Steuer zu setzen und nach Hause zu fahren. Bis zu ihrer Wohnung sind es ja nur noch ein paar Schritte oder Treppenstufen.
Dafür hat der besagte Freundeskreis mit Mitstreitern einem historischen Schmuckstück in der Stadt neues Leben eingehaucht. Mit einer Karlsruher Bauwohnberatung und einem Planungsbüro im Rücken, deren Chefs Alexander Grünenwald und Berta Heyl verheiratet und Teil der Wohngemeinschaft sind. So kommt es, dass in den früheren Unterrichtsräumen heute acht Paare und Alleinstehende ihre eigenen Wohnungen mit Bad, Küche sowie Schlaf- und Wohnzimmern haben. In zwischen 60 und 120 Quadratmeter großen Räumen, die sie voll ausgenutzt haben – nicht nur in der Breite. Die Deckenhöhe ist mit mehr als vier Metern außergewöhnlich. Dadurch ergab sich für die Bewohner die Möglichkeit für eine galerieartige Gestaltung der früheren Klassenzimmer mit Räumen in einer zweiten, höher gelegenen Ebene.
Auch Azubis als Mitbewohner willkommen
Das Gemeinschaftliche Wohnprojekt in Edenkoben erinnert ein wenig an die vor allem bei Studenten beliebten Wohngemeinschaften. Beide Wohnformen haben gemein, dass darin mit- statt nur nebeneinander gelebt werden soll. Mit dem wesentlichen Unterschied, dass die Bewohner der früheren Ludwígsschule in Edenkoben nicht nur ein Zimmer für sich haben und sich alle anderen Räume teilen, sondern gleich eine Wohnung als Rückzugsort haben. Und coronabedingt haben die Bewohner mehr Zeit in ihrer Wohnung verbracht als gedacht. Jutta Grünenwald berichtet von Videogesprächen am PC-Bildschirm während der angespannten Infektionslage. Das soll sich bald ändern.
Die Bewohner sind im Schnitt um die 50 Jahre alt. Das heißt aber nicht, dass das Wohnhaus nur für Menschen älteren Semesters vorgesehen ist. Ganz im Gegenteil. „Es steht für alle Generationen offen“, betont Jutta Grünenwald. Als der Freundeskreis vor zwei Jahren nach Gleichgesinnten suchte, die mit ihm unter einem Dach leben beziehungsweise das Projekt realisieren wollten, meldeten sich auch jüngere Menschen. Alleinstehende mit Kindern beispielsweise konnten sich das Ganze gut vorstellen. „Doch das Problem war, dass sie kurzfristig umziehen wollten“, berichtet Grünenwald. Interessierte brauchten einen längeren Atem, da von der Planung bis zum Einzug in das historische Gebäude zwei Jahre vergingen. Doch die Zusammensetzung der Bewohner kann sich noch ändern.
Knapp drei Millionen Euro teures Projekt
Wenn eine der acht Wohnungen irgendwann frei werden sollte, kann sich jeder bewerben. Aufgenommen wird dann die Person oder das Paar, auf den oder die sich die restliche Wohngemeinschaft einigt. Beziehungsweise die Kommanditisten, die Teil der Ludwigspalast GmbH und Co. KG sind, die wiederum als Eigentümerin des Wohnhauses fungiert. So erklärt es Alexander Grünenwald.
Zusammengerechnet fast drei Millionen Euro haben die Mitwirkenden des Wohnprojektes eingebracht, um das frühere Schulgebäude in der Weinstraße auf Vordermann zu bringen und die Räume den eigenen Wünschen entsprechend zu gestalten. Manche Investoren leben selbst in dem Haus, auch Familienangehörige und eine Stiftung haben das Projekt mitfinanziert. Mit dem Vorteil, dass auch jene Menschen dort einziehen konnten, die nicht so viel Rücklagen hatten oder zur Miete dort leben möchten.
Wohnprojekte auch in anderen Ecken der Südpfalz
Die Arbeiten an dem Wohnhaus sind aber noch nicht abgeschlossen. Der frühere Pausenhof wird in einen Nutz- und Wohngarten umgewandelt. Im Gewölbekeller ist zwar schon Platz geschaffen worden für Veranstaltungen wie Weinproben, Lesungen oder andere Aktionen, die das kulturelle Leben der Stadt bereichern sollen. Das ist auch das Ziel der Bewohner, die sich zum Verein Zammeziehe zusammengeschlossen haben. Hinzu kommt ein weiterer Raum im Erdgeschoss des Hauses, das für interne Treffen dienen, aber auch Vereinen zur Verfügung gestellt werden könnte. Ideen für Aktivitäten gibt es laut Jutta Grünewald schon genügend. Es müsste sich nur noch die Infektionslage entspannen, damit Gäste ohne Bedenken empfangen werden können. Schon vorab haben die Verantwortlichen für ihre Überlegungen einen Förderpreis erhalten, die die Krankenkasse AOK Rheinland-Pfalz/Saarland und das Aktionsbündnis Netzwerk Nachbarschaft erstmals für Projekte ausgelobt haben, welche zu einer gesunden Nachbarschaft beitragen und diese fördern.
In der Südpfalz gab es auch andere Gruppen, die so ein ähnliches Wohnprojekt auf die Beine stellen wollten. Vergangenes Jahr hatte ein Freundeskreis im Immobilienteil ein Inserat geschaltet, um das passende Haus oder Grundstück zu finden, um ihre Ideen dort zu verwirklichen. Allerdings wurde der Gedanke aus verschiedenen Grünen verworfen.
Auch in Godramstein soll eine Wohnanlage entstehen, die ebenso wie in Edenkoben kulturell genutzt werden soll. Im Gegensatz zum dortigen Gemeinschaftlichen Wohnprojekt sollen die geplanten Wohneinheiten im Landauer Stadtdorf, welche in einem denkmalgeschützten Gebäude geschaffen werden sollen, nicht allen Generationen offenstehen, sondern speziell für Menschen ab 55 Jahren.
Der Report
Der Immobilienmarkt in der Südpfalz ist heiß umkämpft. Grundstücke, Häuser und Wohnungen sind begehrt, die Preise hoch. Auch günstiger Wohnraum ist knapp. Der RHEINPFALZ-Report beleuchtet in unregelmäßiger Folge verschiedene Aspekte dieser Entwicklung.