Umweltverschmutzung RHEINPFALZ Plus Artikel Plastik: Der Feind in unserem Bauch

Faserquelle: In indischem und amerikanischem Trinkwasser wurden zweimal mehr Kunststofffasern gefunden als in europäischen oder
Faserquelle: In indischem und amerikanischem Trinkwasser wurden zweimal mehr Kunststofffasern gefunden als in europäischen oder indonesischen Getränken. Das gilt auch, wenn man keine Plastikflaschen benutzt.

Der Mensch hat die Kontrolle verloren. Er isst den Kunststoff mit und atmet ihn ein. Bioverpackungen machen die Sache nicht besser. Und schaden dem Klima indirekt.

Wenn es um den Müll geht, den wir entsorgen, sind wir eher achtlos. Aus den Augen, aus dem Sinn. Das belegen die 30 Kilogramm Plastik, die jeder Europäer pro Jahr wegwirft. Doch wenn ein Teil dessen, was nicht recycelt oder verbrannt wird, heimlich wieder zu uns zurückkehrt und uns vielleicht irgendwann schadet, wächst die Angst.

 

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Mehrere Studien aus den vergangenen Jahren unter anderem von der australischen University of Newcastle oder der schottischen Heriot Watt University in Edinburgh belegen, dass sich der Kunststoff in der Umwelt anreichert und dann in unserem Körper landet – mitgegessen, eingeatmet, mitgetrunken.

Über 68.000 winzige Kunststofffasern nimmt man im Jahr über die Luft zu sich, sagen die Berechnungen. Im menschlichen Stuhlgang und in der Plazenta wurde Mikroplastik entdeckt. Die größte Quelle ist das Trinkwasser sowohl aus der Leitung als auch aus der Kunststoffflasche. Insgesamt entspricht die Menge pro Woche bis zu 5 Gramm. Das ist in etwa so viel, wie eine Kreditkarte wiegt.

Auch Trinkwasser ist belastet

Allerdings hängt das stark davon ab, wo und wie man lebt. So sind Schalentiere besonders belastet. Und in indischem und amerikanischem Trinkwasser wurden zweimal mehr Fasern gefunden als in europäischen oder indonesischen Getränken.

Vor drei Jahren wies Philipp Schwabl von der Medizinischen Universität Wien bei acht Teilnehmern aus acht europäischen und asiatischen Ländern im Schnitt 20 Mikropartikel pro 10 Gramm Stuhl nach. Neun Kunststoffarten in der Größe zwischen 50 bis 400 Mikrometer wurden gefunden – am häufigsten Polypropylen.

Alle acht Probanden zwischen 33 und 65 Jahren hatten Kontakt mit Lebensmitteln, die in Plastik verpackt waren. Sechs von ihnen hätten in der Testwoche Fisch oder Meeresfrüchte gegessen, sagen die Forscher. Jeder habe täglich einen Dreiviertel Liter Getränk aus PET-Flaschen zu sich genommen. Keiner der Teilnehmer ernährte sich vegetarisch.

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Was passiert mit dem Nanoplastik?

Im Moment ist das nicht mehr als ein erstes Indiz. Denn wegen der kleinen Gruppe könne man keinen Zusammenhang zwischen dem Ernährungsverhalten und der Belastung mit Mikroplastik herstellen, schränken die Wissenschaftler ein.

Ähnlich spärlich ist die Datenlage zu den Auswirkungen auf den Organismus. Größere Partikel kleiner als 5 Millimeter – Mikroplastik – werden wohl wieder ausgeschieden. Was aber mit Teilchen unter 100 Nanometern passiert, die in die Lunge oder in den Darm gelangen, darüber gibt es kaum Erkenntnisse.

Dieses Nanoplastik kann die Zusammensetzung und die Vielfalt der Darmflora verändern und untergräbt möglicherweise die Gesundheit, warnt eine Ende 2020 erschienener Überblicksartikel der Autonomen Universität Barcelona. Effekte zeigten sich bei Wirbellosen wie Krebsen, aber auch bei Wirbeltieren, wenn sie geringen Dosen lange Zeit ausgesetzt sind. Außerdem würden sich mit den Mikroorganismen im Darmtrakt das Immun-, Hormon- und Nervensystem des Körpers verändern, sagen die Umweltwissenschaftler.

Geschwächtes Immunsystem

Zwar scheidet der Körper in der Regel bis zu 90 Prozent der aufgenommenen Plastikmenge wieder aus, schreibt das Team um Mariana Teles und Josep Peñuelas im Fachblatt „Science Bulletin“. Aber ein Teil werde zu Nanoplastik zerkleinert, das so winzig sei, dass es in die Zellen eindringen und dort Schäden anrichten kann. Eine Folge seien Entzündungen.

Entdeckt haben Forscher unter anderem ein geschwächtes Immunsystem bei Zebrafisch-Embryonen, leichte Atemwegsreizungen ab einer bestimmten Plastikkonzentration in der Luft, eine höhere Anfälligkeit bei Meerestieren und eine giftige Wirkung auf Lungen-, Leber- und Gehirnzellen im Reagenzglas.

Einige Plastiksorten enthalten Chemikalien und Zusatzstoffe wie Bisphenol, Farben und Pigmente. Oder die Partikel nehmen in der Stadt schädliche Kohlenwasserstoffe – PAKs – und Metalle aus der Umgebung auf. Deshalb stehen die Teilchen im Verdacht, genauso die Sexualität und Fruchtbarkeit zu beeinflussen oder das Risiko für Mutationen und Krebs zu erhöhen. Zu diesem Ergebnis kommen mehrere Untersuchungen.

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100 Millionen Tonnen in der Natur – jährlich

Längst hat die Menschheit die Kontrolle über die Plastikflut verloren. Seit der Jahrtausendwende wurde weltweit so viel Kunststoff produziert wie in allen Jahren zuvor. Ständig muss Nachschub her, auch weil das Recycling nicht gut funktioniert: Global gesehen, gelangt ein Drittel des Plastikmülls in die Umwelt. Das waren im Jahr 2016 rund 100 Millionen Tonnen. Seit 1950 ist der Kunststoff-Ausstoß um das 200-Fache gestiegen. Wenn wir so weitermachen, dann wird bis 2030 noch einmal 40 Prozent mehr Plastik in der Welt sein als im Moment, befürchten Fachleute.

Das Problem lösen auch die meisten, derzeit auf den Markt geworfenen Biokunststoffe nicht. Zwar kommen sie im besten Fall ganz ohne Erdöl aus und wurden zum Beispiel aus der Stärke von Mais und Zuckerrüben gewonnen, die dann in Polymilchsäure umgewandelt wird. Doch nicht alle dieser biobasierten Kunststoffe sind biologisch abbaubar.

Viele können zudem nur von industriellen Kompostieranlagen zerlegt werden, die für Hitze, Druck und den richtigen pH-Wert sorgen, damit die Mikroben ihre Arbeit tun können. Hier herrschen Bedingungen, mit denen die Natur oder der Komposthaufen daheim nicht dienen kann. Das heißt, dass auch Bioplastik die Umweltverschmutzung antreibt, wenn es in der Landschaft landet.

Bioplastik ist nicht immer nachhaltig

Und es gibt eine weitere Schwierigkeit: Nur weil etwas aus Grünzeug gemacht wird, heißt das noch lange nicht, dass es nachhaltig ist. Das hat eine Studie der Universität Bonn gerade im Fachblatt „Resources, Conservation & Recycling“ bestätigt. Das Weltklima schützen kann man nur, wenn man den richtigen Rohstoff nimmt und die Äcker im richtigen Land anlegt. Denn oft müssen Wälder und andere, ökologisch wichtige Lebensräume den Monokulturen weichen, die für die Biokunststoffproduktion gebraucht werden.

Kommerziell erhältliche Biokunststoffe schaden der Kohlendioxidbilanz viel mehr, als bislang von Forschung und Politik wahrgenommen, kritisieren Agraringenieurin Neus Escobar und ihr Kollege Wolfgang Britz nach 180 Szenarien, die das Geschehen in den verschiedenen Weltregionen simulierten. Und zwar weil der Treibhausgasausstoß, der durch die veränderte Landnutzung entsteht, langfristig das überwiegt, was sich durch den Verzicht auf das Erdöl einsparen lässt.

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Allerdings gibt es eine Ausnahme: Thailand. Das in dem asiatischen Staat hergestellte Bioplastik spart im Schnitt 2 Kilogramm Kohlendioxid pro Tonne ein, selbst wenn noch etwas mehr davon produziert würde. Der Zusammenhang ist kurios: Thailand verbraucht ganz einfach sehr wenig Kunststoff. Die Bioplastik-Plantagen konkurrieren dann nicht mit den Feldern, auf denen Nahrungsmittel für die Bevölkerung angebaut werden, sodass man weniger Flächen zusätzlich abholzen muss.

Die EU hat den größten Treibhausgasausstoß

Insgesamt belegen die Bonner Berechnungen, dass keine Weltgegend bei Bioplastik klar besser aufgestellt ist als eine andere, wenn es um die Nachhaltigkeit geht. Den größten Raubbau an seiner natürlichen Vegetation betreibt demnach China. Die Europäische Union hat den größten CO2-Fußabdruck: Bei grünen Kunststoffen, die hier entstehen, braucht es im Schnitt 232,5 Jahre, bis die globale Bilanz bei den Treibhausgasen wieder ausgeglichen ist.

Und die USA sind die Nation, die ganz vorn ist, wenn es darum geht, klimaschädliche Effekte ins Ausland zu verlagern, sodass in anderen Teilen der Welt entwaldet werden muss, damit die eigene Nachfrage nach Biokunststoffen befriedigt werden kann.

Um die ökologischen Folgen des Nutzpflanzenanbaus in den Griff zu bekommen, arbeitet die Wissenschaft inzwischen an Biokunststoffen der dritten Generation. Gemeint ist Plastik, das aus Resten gewonnen wird, die ohnehin anfallen und die keiner braucht, etwa aus Grünabfällen. Experimentiert wird außerdem mit Algenkulturen, die einfach zu züchten sind und schnell wachsen.

Die Treibhausgase vermindern könnte das höchstwahrscheinlich schon. Aber der Plastikmüll wäre damit noch immer in der Welt. Ihn vermeiden kann man nur mit geschlossenen Recycling-Kreisläufen. Doch für die hat bislang noch niemand ein Rezept gefunden.

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