Entdeckung des Uranus
Die erste bezahlte Astronomin der Welt
Das Schicksal meint es zunächst nicht gut mit Caroline Lucretia Herschel. 1750 kommt sie als achtes von zehn Kindern in Hannover in einer Musikerfamilie auf die Welt. Mit zehn Jahren erkrankt sie an Typhus, der Körper wächst nicht weiter, sie bleibt 1,40 Meter groß. Und von den Pocken, mit denen sie sich später infiziert, bleiben auffällige Narben zurück.
Ein Lichtblick ist ihr Vater Isaak Herschel, ein angesehener Militärmusiker mit vielseitigen Interessen, die er auch seinen Kindern zu vermitteln versucht. In der Familie werden nicht nur Instrumente gespielt, sondern es wird auch philosophiert, man übt sich im Französischen, in Mathematik und Astronomie.
Caroline erhält ein paar Jahre lang zusammen mit ihren Brüdern Unterricht von den Lehrern der Garnisonsschule Hannover, sie lernt Lesen und Schreiben, was damals auch für ein Mädchen aus ihrer Schicht nicht selbstverständlich ist. Ansonsten muss Caroline täglich zu Hause helfen. Ihre Mutter Anna weist sie an, zu stricken und zu sticken, sie soll später Näherin werden. Die Mutter ist eine bornierte Analphabetin, für die Frauen ihren Platz im Haushalt haben und nirgendwo sonst.
Die Mutter bremst
Wann immer Caroline sagt, etwas darüber hinaus tun zu wollen, wird sie von der Mutter gebremst. Caroline leidet schwer unter ihr, sie sucht ein Leben, das sie geistig fordert.
Der Vater merkt immerhin, dass Caroline talentiert Violine spielt und eine gute Singstimme hat. Er fördert sie, so gut er kann. Er freut sich auch darüber, dass sich die Tochter für das Geschehen am Himmel interessiert. Caroline erinnert sich später: „Mein Vater war ein großer Bewunderer der Astronomie und besaß einige Kenntnisse in der Wissenschaft. Ich erinnere mich, daß er mich in einer kalten Nacht auf die Straße führte, um mich mit einigen unserer schönsten Sternbilder bekannt zu machen, nachdem wir vorher einen Kometen, der eben sichtbar war, beobachtet hatten.“
Doch der Vater stirbt, als sie 17 ist. Familienoberhaupt wird ihr Bruder Jacob, der ebenso engstirnig ist wie die Mutter. Für Carolines Ambitionen hat er nur Spott übrig. Ihr dämmert, dass sie ihr Leben damit verbringen soll, für die Familie Socken zu stopfen.
Zum Bruder nach England
Dann öffnet sich eine Tür. Ihr Bruder Wilhelm Herschel, den sie verehrt, lebt mittlerweile als Organist und Konzertleiter im englischen Bath. Das ist ein mondäner Kurort der englischen Oberschicht mit einem reichen Kulturleben. Er lädt die Schwester 1772 nach Bath ein. Dort soll sie für ihn im Haushalt sorgen, aber auch die Chance erhalten, ihre musikalische Ausbildung fortzuführen und als Solistin in seinen Konzerten mitzuspielen.
Caroline sagt sofort zu und verlässt gegen den Willen der restlichen Familie Hannover. Nach einer abenteuerlichen Reise erwartet sie in Bath nicht nur die Musik, denn der vielfältig begabte Bruder will auch Astronomie betreiben, und zwar auf höchstem Niveau. Er richtet in seinem Haus eine Werkstatt ein, um neue Spiegelteleskope zu bauen. Mit den herkömmlichen ist er nicht zufrieden, „weil sie ihm nicht weit genug sahen, da er sehen wollte, was vor ihm noch niemand gesehen hatte“, schreibt Caroline im Rückblick.
Die Schwester wird ihm eine unermüdliche Helferin. Der Bruder verbeißt sich wie besessen in sein Metier, ist manchmal 16 Stunden am Stück dabei, Linsen zu schleifen. Auch Caroline schleift und poliert die Spiegel, wobei es auf höchste Genauigkeit ankommt. Daneben vertieft sie sich in astronomische Theorie.
Eine Frau vom Fach
Sie erlernt die algebraischen Formeln für die Berechnungen, die man zum Durchmustern des Himmels braucht. Bald ist sie keine engagierte Amateurin mehr, sondern eine Frau vom Fach.
Der Bruder fordert sie außerordentlich, er nutzt jede klare Nacht, um die Himmelskörper zu beobachten, die Ergebnisse zu notieren und mit Zeichnungen zu versehen. Caroline ist stets dabei und atmet bisweilen auf, wenn es in Nächten mit bedecktem Himmel nichts zu tun gibt.
Parallel zur Astronomie lernt sie rasch Englisch und treibt ihre Musik voran. 1777 hat sie in Bath ihr Debüt als Sängerin mit dem Oratorium „Samson“ von Georg Friedrich Händel. Weitere Auftritte in großen Rollen folgen, die ersten Angebote auch von außerhalb kommen herein. Aber sie bleibt bei gelegentlichen Auftritten, die Beschäftigung mit den Sternen wird ihr wichtiger.
Der siebte Planet
Wilhelm Herschels Aktivitäten werden in Bath bekannt und bald weit darüber hinaus. Der Königliche Astronom Nevil Maskelyne besucht ihn und ermuntert ihn dazu, seine Forschungen in wissenschaftlichen Fachblättern zu publizieren.
Dann kommt der 13. März 1781. In dieser Nacht sichert sich Herschel seinen Platz unter den Großen der Astronomie. Er entdeckt am Himmel eine blassgrüne Scheibe, die er zunächst für einen neuen Kometen hält. Doch es ist der siebte Planet in unserem Sonnensystem, der später den Namen Uranus erhält.
Herschel weckt das Interesse des englischen Königs und Sternenguckers Georg III. und wird persönlicher Astronom des Herrschers auf Schloss Windsor. Dafür erhält er ein Jahresgehalt von 200 Pfund Sterling. Mit von der Partie ist Caroline, die als seine Assistentin 50 Pfund bekommt. Das ist wohl das erste Gehalt, das einer Frau jemals für eine wissenschaftliche Tätigkeit zuerkannt wird.
Der König geht ein und aus
Die Herschels siedeln in die Nähe von Schloss Windsor nach Dartnet um, wo sie in ein etwas abgewohntes Haus mit einem verwilderten Garten einziehen. Wilhelm Herschel ist mittlerweile verheiratet, Caroline bleibt zeitlebens alleine, aber immer im Familienverbund mit dem Bruder.
Sie bringt das Anwesen auf Vordermann, denn die Königsfamilie macht es sich zur Gewohnheit, das Haus der Herschels öfter aufzusuchen. Herschel hat nun beruflich mit der Musik kaum noch zu tun, er verlegt sich ganz auf die Astronomie und fertigt Teleskope auch für andere. Der König zählt zu seinen Kunden, zahlt aber nur widerstrebend.
Caroline beginnt mit einem kleinen Newtonteleskop, den Sternenhimmel selbstständig zu erforschen. Sie schaut nach Galaxien und Sternhaufen, sie sucht nach Kometen, verbessert ihre Fähigkeiten. Am 1. August 1786 entdeckt sie ihren ersten Kometen, sie gibt ihre Entdeckung bekannt.
Neider schmähen sie als Sternensekretärin
Die Fachwelt ist begeistert, Nevil Maskelyne bewertet den Kometenfund als „Triumph für die britische Astronomie“. Bis 1797 folgen sieben weitere Schweifsterne wie der Enckesche Komet, den sie als Erste sieht. Nun wird sie auch von der Gesellschaft mit Lob überschüttet.
Ein paar neidische Männer in der Wissenschaftsgemeinde bezeichnen sie abschätzig als „Sternensekretärin“, doch das kann ihren wachsenden Ruhm nicht mindern. Caroline Herschel wird die erste Frau, die ihre wissenschaftlichen Entdeckungen im Journal der Königlichen Astronomischen Gesellschaft, den „Philosophical Transactions“, unter eigenem Namen veröffentlichen darf.
Caroline Herschel entdeckt trotz der zu jener Zeit wenig entwickelten Technik neben den Kometen mindestens eine bis dahin unbekannte Galaxie, sie klassifiziert Hunderte von Sternhaufen – Gebiete, die im Vergleich zu ihrer Umgebung eine sehr hohe Dichte an Sternen haben. Sie macht sich einen Namen als Spezialistin für astronomische Berechnungen und kann präzise die Bewegung verschiedenster Himmelskörper vorhersagen. Auf diesem Gebiet übertrifft sie sogar ihren Bruder und die meisten anderen Astronomen der damaligen Zeit.
Zurück nach Hannover
1822 stirbt William. Wenige Wochen nach seinem Tod zieht Caroline Herschel zurück in ihre Heimatstadt Hannover, die sie fast 50 Jahre zuvor verlassen hatte. Hier setzt sie ihre astronomischen Studien fort und ordnet das umfangreiche Material, das der Bruder hinterlassen hat. So ermöglicht sie es auch ihrem Neffen John Herschel, die Arbeit seines Vaters systematisch fortzusetzen.
Dabei bleibt sie bescheiden wie all die Jahrzehnte zuvor. Ihre Biografin Renate Feyl schreibt: „Bis an das Ende ihres Lebens versucht sie jeglichen Hinweis auf eine eigene Leistung lediglich als das Verdienst ihres berühmten Bruders herauszustellen.“
Das sehen die vielen Besucher, die ihr in Hannover ihre Aufwartung machen, anders. Es sind bedeutende Gelehrte aus Mathematik, Physik und Astronomie, die das Gespräch suchen. Die Ehrungen häufen sich. Als erste Frau erhält sie 1828 die Goldene Medaille der Royal Astronomical Society, 1838 nimmt sie die Königliche Irische Akademie der Wissenschaften auf, 1846 wird sie mit der Goldenen Medaille der Preußischen Akademie der Wissenschaften ausgezeichnet.
Komet und Krater sind nach ihr benannt
Caroline Herschel bleibt bis ins hohe Alter vital. An ihrem 97. Geburtstag trifft sie das preußische Kronprinzenpaar. Man unterhält sich einige Stunden, dann trägt sie ein Lied vor, das ihr Bruder 70 Jahre zuvor komponiert hat. Wenig später, am 9. Januar 1848, geht Carolines langes Leben zu Ende.
Am Himmel bleibt sie. Der Komet 35P/Herschel-Rigollet wurde nach Caroline Herschel benannt, ebenso der Mondkrater C. Herschel im Sinus Iridum (Regenbogenbucht) und der Planetoid (281) Lucretia.