Literatur RHEINPFALZ Plus Artikel Der sanfte Revoluzzer: „Habt Mut zu euch!“

Bürgerschreck: Erich Mühsam entstammt einer jüdischen Familie aus Berlin. Das bürgerliche Leben, das sein strenger Vater für ihn
Bürgerschreck: Erich Mühsam entstammt einer jüdischen Familie aus Berlin. Das bürgerliche Leben, das sein strenger Vater für ihn vorgesehen hat, lehnt er ab. Dafür liebt er zu sehr das Schwabing zu Beginn des 20. Jahrhunderts, in dem die moralischen Zwänge der damaligen Gesellschaft nichts zählen, wo es um Sex und Alkohol – und Freiheit geht.

Freie Liebe, politische Aktionen, Partys – Schriftsteller Erich Mühsam gehört 1918 zu den Revolutionären der Münchner Räterepublik. Dafür werden die Nazis den Anarchisten später in einem KZ töten.

Schon als Kind denkt sich Erich Mühsam Reime aus, da kann er noch gar nicht lesen, und mit elf schreibt er Tierfabeln. Geboren wird er 1878 in Berlin als viertes Kind einer preußisch geprägten, wohlhabenden jüdischen Familie, die bald nach Lübeck zieht, wo Vater Siegfried eine Apotheke betreibt. Der erzieht seine Kinder mit dem Stock. Im Katharineum Gymnasium, das auch die Gebrüder Mann besuchen, schaltet Erich ab, träumt sich, wie er später sagt, mit „freien Flügeln in Wolkenhügel“. Gleich dreimal bleibt er sitzen. Zu Hause schließt der Vater den Bücherschrank vor dem Jungen ab.

Die Liebe zum Dichten bleibt. So schreibt er Ansagen für die Clowns eines Zirkus'. Als er sich mit 17 in einer sozialistischen Zeitschrift über die Phrasen des Rektors lustig macht, wird er mithilfe seines Vaters enttarnt und von der Schule geworfen. Immerhin kann er im mecklenburgischen Parchim die Mittlere Reife nachholen und beginnt anschließend eine Apothekerlehre in Lübeck.

Doch hält es ihn nicht mehr lange in der Hansestadt und dem aufgezwungenen Beruf. Im Berlin der Jahrhundertwende will er vom Schreiben leben und schließt sich den Anarchisten an, lebt in ihren Gemeinschaften, beteiligt sich an Treffen und Aktionen. Es entsteht eine tiefe Verbundenheit mit dem aus Karlsruhe stammenden Philosophen Gustav Landauer. Auch der Begründer der Anthroposophie, Rudolf Steiner, kreuzt seinen Weg.

Wanderleben ohne Geld

Gemeinsam mit seinem besten Freund Johannes Nohl, Großvater des Schauspielers Christian Berkel, nimmt Mühsam für einige Jahre ein Wanderleben auf. Natürlich geht ihnen ihr weniges Geld aus. Gut, dass sie oft Gastfreundschaft erfahren wie auf dem Monte Veritá, dem „Berg der Wahrheit“, einer Kommune im schweizerischen Ascona. Mit den zarten, unpolitischen Hippies dort kommt der junge Mann allerdings nicht gut aus.

„Wir essen Gemüse früh und spat. Und schimpft ihr den Vegetarier einen Tropf, so schmeißen wir euch eine Walnuss an den Kopf“, spottet Mühsam. Zwar probiert er auf Anraten eines Arztes für zwei Wochen die vegane Ernährung aus, flieht dann aber entnervt in eine Gaststätte im Tal, um sich ein Festmahl zu gönnen.

1904 werden „Billys Erdengang, eine Elefantengeschichte für Kinder“ und sein erster Gedichtband „Wüste“ veröffentlicht. Drei Jahre später folgt Mühsams wohl bekanntestes Gedicht „Der Revoluzzer“, mit dem er zahme Sozialdemokraten veralbert. Ab Ende 1908 lebt er in München, will dort Obdachlose, Kleinkriminelle und Prostituierte für die Idee der Anarchie begeistern. In „Kain, Zeitschrift für Menschlichkeit“ schafft er sich ein Sprachrohr gegen die Klassengesellschaft und den drohenden Krieg.

Er schlägt das Erbe des Vaters aus

In den „Bohème“ genannten Kreisen in Berlin, Wien, Paris und nun für zehn Jahre im Münchner Stadtteil Schwabing finden sich Freunde wie Heinrich Mann, Franz Wedekind oder die Gräfin zu Reventlow. Sie lehnen bürgerliche Moral ab. Hier kann Homosexualität genauso gelebt werden wie freie Liebe. So schreibt Mühsam Liebesgedichte, kommt dabei nur schwer von seiner Berliner Verlobten Jenny Brünn los, innig liebt er auch die Puppenmacherin Lotte Prizl, die er „das Puma“ nennt. 1910 beginnt er eine Affäre mit der verheirateten Zenzl Elfinger.

Wie man in Mühsams Tagebüchern verfolgen kann, erwächst aus der Begegnung mit der Gastwirtstochter eine große Liebe und nach der Heirat 1915 auch der Versuch, monogam zu leben. Geld hat Mühsam fast nie, ständig pumpt er Freunde und reiche Verwandte an. Allerdings verleiht er es oder verschenkt es selbst bedenkenlos.

Sein Vater meldet sich 1915 noch einmal vom Sterbebett: Erich solle die Apothekerausbildung abschließen, nur dann und außerdem nur, wenn er eine Jüdin heirate, bekomme er sein Erbe. Der 37-Jährige lehnt ab und erhält lediglich den Pflichtteil.

Zum ersten Mal in Haft

Weil er als ausgemusterter Kriegsgegner jedwede Entwicklungen in seinen Tagebüchern kommentiert, gelten sie als einzigartige Quelle für die geschichtliche Betrachtung des Ersten Weltkriegs. Ab Januar 1918 streiken in deutschen Großstädten bis zu einer Million Arbeiterinnen in den Rüstungsbetrieben gegen den Krieg. Auch in München beteiligen sich viele Bürger an den Protesten. Mühsam, der als Redner auftritt, wird wegen „staatsgefährdender Umtriebe“ inhaftiert und kommt gerade noch rechtzeitig für die Revolution wieder frei.

Nach Massendemonstrationen am 7. November flieht der bayerische König Ludwig III. Die folgenden Wirren fasst der Publizist und Historiker Sebastian Haffner später so zusammen: „Die deutsche Revolution von 1918 war eine sozialdemokratische Revolution, die von den sozialdemokratischen Führern niedergeschlagen wurde – ein Vorgang, der in der Weltgeschichte kaum seinesgleichen hat.“

Mühsam glaubt, mit den neu gebildeten Räten rücken eine herrschaftsfreie Gesellschaft, die Selbstverwaltung und der Sozialismus in greifbare Nähe. Er arbeitet deshalb im 50-köpfigen „Revolutionären Arbeiterrat“ mit.

Die Räterepublik

Der neue Ministerpräsident Kurt Eisner, wie Mühsam Jude und Schriftsteller, ist der einzige Politiker jener Zeit, dem eine Zweikammer-Demokratie vorschwebt – mit einem neu zu bildenden Landtag und mit den Räten. Doch nach Eisners Ermordung durch einen Rechtsextremen bekämpfen sich die linken Kräfte gegenseitig. Dann wird am 7. April 1919 die Münchner Räterepublik ausgerufen.

Schon eine Woche später brechen bewaffnete Kämpfe aus, mit denen die SPD-Führer den „Roten Terror“ stoppen wollen. Die neue Rote Armee Münchens erschießt daraufhin – von den Räten scharf verurteilt, – zehn Gefangene.

Die Sozialdemokraten rufen die Reichswehr und rechten Freikorps zur Hilfe, unter ihnen auch spätere Nazigrößen wie SA-Chef Ernst Röhm und Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß. Eine Woche dürfen sie ungestraft Hunderte Zivilisten ermorden, darunter 21 Mitglieder eines katholischen Vereins, die für Revolutionäre gehalten werden.

Theaterstücke aus dem Gefängnis

Auch Mühsams Freund Gustav Landauer wird getötet. Fliehen kann dagegen der von Mühsam bewunderte Ret Marut, er taucht später als B. Traven in Mexiko wieder auf, wo er literarische Welterfolge wie „Die Baumwollpflücker“, oder „Das Totenschiff“ schreibt. Mühsam selbst kommt nur mit dem Leben davon, weil ihn bereits am 13. April 1919 eine von der SPD angeheuerte Miliz entführt und er abseits der Kämpfe im oberfränkischen Ebrach in Haft sitzt.

Doch das Urteil gegen ihn ist hart: 15 Jahre Zuchthaus. Er reimt sich sein Leben so zusammen: „Ich hab’s mein Lebtag nicht gelernt, mich fremdem Zwang zu fügen. Jetzt haben sie mich einkasernt, von Heim und Weib und Werk entfernt. Doch ob sie mich erschlügen: Sich fügen heißt lügen!“

Seine geliebte Zenzl vergisst ihn nicht, schickt regelmäßig Pakete mit Kostbarkeiten wie Tabak, Kaffeebohnen oder Eiern ins Gefängnis Niederschönenfeld. In der Haft schreibt er weiter, besonders erfolgreich ist das Theaterstück „Judas“.

Helene Weigl in Mannheim

Bei der Uraufführung am 10. März 1921 im Mannheimer Nibelungensaal im Rosengarten, wo zwei Jahre zuvor ebenfalls eine kurzlebige Räterepublik ausgerufen worden war, begeistert die junge Helene Weigl über 5000 Zuschauer. Und mit der Inhaftierung Adolf Hitlers nach dessen Putschversuch 1923 beginnen Diskussionen um die Amnestie der Politischen.

Als Mühsam am 20. Dezember 1924 aus dem Gefängnis entlassen wird, ist er auf einem Ohr taub und kommt sich vor wie „Kaspar Hauser“. Seine geliebte Schwabinger Bohème gibt es nicht mehr, Zenzl und er gehen nach Berlin, wo er Freiheit für politische Gefangene fordert, nicht nur in Deutschland, sondern auch in Russland.

1926 kritisiert er das angebliche sowjetische Arbeiterparadies: „Aus der Räterepublik wurde ein Rätestaat, ein Widerspruch in sich.“ Getreu seinem Motto: „Niemand kann frei sein, solange es nicht alle sind“, reist er für die „Rote Hilfe“ unermüdlich von Stadt zu Stadt, hält Vorträge, besucht Häftlinge. Tatsächlich gelingt es, viele der 7000 Gefangenen freizubekommen, doch kommen immer neue dazu.

Tod im KZ

Seine neue Monatszeitschrift „Fanal“ soll laut Mühsam helfen „die Revolution vorzubereiten, ihr Richtung, Sinn und Ziel geben“. 1931 und 1932 schreibt er anonym unter anderem in der Beilage der Berliner Tageszeitung „Ulk“ und kämpft so mit der Feder gegen die Nazis. Zugleich verteidigt er in seinem einzigen theoretischen Werk „Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat“ Autonomie und gegenseitige Hilfe des Menschen gegen staatliche Eingriffe.

Als Hitler zum Reichskanzler ernannt wird, will Mühsam fliehen. Am Tag des Reichstagsbrands, es ist der 27. Februar 1933, drängt ihn sein Freund Augustin Souchy, nicht in seine Wohnung zurückzukehren. Mühsam hört aber nicht auf ihn. Er wird verhaftet. Es beginnt ein Leidensweg durch Gefängnisse und Konzentrationslager.

Zenzl besucht ihn so oft es geht, mutig protestiert sie gegen Misshandlungen und Folter, wenn sie zum Beispiel seine blutige Wäsche erhält. Die Nazis lassen aber keine Gnade walten: Bayerische SS-Angehörige ermorden den ihnen verhassten Anarchisten Mühsam am 10. Juli 1934 im KZ Oranienburg, nachdem der es ablehnt, sich selbst zu töten.

Zenzl, seine Frau, gibt nicht auf

Zenzl Mühsam flieht nach Prag und macht die Umstände des Mordes öffentlich. Aus Russland kommt das Angebot, Mühsams umfangreichen Nachlass, den sie retten konnte, zu veröffentlichen, 1935 geht sie deshalb nach Moskau. Es ist eine Falle.

Im Frühjahr 1936 wird sie als „konterrevolutionär“ in ein Arbeitslager in Sibirien geschickt. Erst als Diktator Stalin stirbt, kann sie nach Ost-Berlin zurückkehren und setzt sich trotz Überwachung für die Veröffentlichung der Schriften ihres Mannes ein.

Wirklich wiederentdeckt wird Mühsam aber erst einige Jahre nach Zenzls Tod 1962 von der Studentenrevolte in Westdeutschland, als seine radikalen Verse den Nerv der Zeit treffen: „Ich sah der Menschen Angstgehetz; ich hört der Sklaven Frongekeuch. Da rief ich laut: Brecht das Gesetz! Zersprengt den Staat! Habt Mut zu euch!“

Entdeckt von den 68ern

Ab 1970 erscheint eine Vielzahl von Mühsams Schriften. Chris Hirte gelingt es, das Gesamtwerk beim Ost-Berliner Verlag „Volk und Welt“ herauszubringen. Neben einer Biografie stemmt er auch gemeinsam mit Conrad Piens die fast unmöglich erscheinende Herausgabe von Mühsams 7000 Seiten umfassenden Tagebüchern im Verbrecher Verlag (2019), die auch frei im Internet zugänglich gemacht werden. Seit 2001 organisiert der Satiriker Markus Liske regelmäßig Mühsam-Feste in Berlin.

Heute sind über 30 Straßen und Plätze vor allem in Ostdeutschland nach Mühsam benannt. Die 1989 gegründete Erich-Mühsam-Gesellschaft verleiht Preise in seinem Namen. Sicher wäre der von Zeitzeugen als äußerst gutmütig beschriebene Mühsam froh über diese Renaissance.

Bereits 1920 heißt es in seinem Gedichtband „Brennende Erde“: „Drum will ich Mensch sein, um zu dichten, will wecken, die voll Sehnsucht sind, dass ich im Grab den Frieden find des Schlafes nach erfüllten Pflichten.“

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