Beweger RHEINPFALZ Plus Artikel Der Mann, der die Litfaß-Säule erfand

An einer Litfaßsäule wird mit Plakaten der verschiedenen Parteien für die Stadtratswahlen 1946 in der amerikanischen Zone im bes
An einer Litfaßsäule wird mit Plakaten der verschiedenen Parteien für die Stadtratswahlen 1946 in der amerikanischen Zone im besetzten Deutschland geworben. Die Litfaßsäule ist das Fossil unter den Reklamemachern. Immer mehr werden abgebaut. Dennoch gibt es nach wie vor noch rund 67.000 Stück.

Vor über 160 Jahren wird in Berlin der erste Reklamerundling aufgestellt – benannt nach dem Verleger Ernst Litfaß. Er verändert die Werbung. Und hält sich bis heute. Trotz Digitalisierung.

Am 1. Juli 1855 kommen die Berliner nicht mehr aus dem Staunen heraus – im ganzen Stadtgebiet stehen plötzlich meterhohe Säulen, die mit einem Sammelsurium von Werbeplakaten, Kleinanzeigen und offiziellen Verlautbarungen beklebt sind.

Es sind nicht weniger als 100 dieser neuartigen Stadtmöbel, wobei das erste Exemplar schon am 15. April an der „Ziegenbockswache“ in der Münzstraße in Berlin-Mitte platziert wurde. Hinzu kommen 50 öffentliche Brunnen und Pissoirs, die mit Holz ummantelt werden und ebenfalls Plakate tragen.

Die merkwürdigen Objekte heißen „Annoncier-Säulen“, und dahinter steht der Buchdrucker und Verleger Ernst Theodor Amandus Litfaß, der an diesem 1. Juli alle Register der Reklame zieht. Er führt die Säulen mit einem Festakt ein und hat eigens für diesen Tag eine „Annoncier-Polka“ komponieren lassen. Leierkastenspieler intonieren sie in den Straßen, Litfaß sorgt dafür, dass seine Rundlinge in aller Munde sind.

Buchdrucker, Weltenbummler

Der 1816 in Berlin geborene Litfaß wurde durch das väterliche Familienunternehmen geprägt, die Litfaßsche Buchdruckerei. Nach dem Besuch der Schule absolviert er eine Lehre als Buchhändler und gönnt sich dann ausgedehnte Bildungsreisen in ganz Europa. Er versucht sich in der Schauspielerei, gründet gar ein Theater.

Erst 1846 übernimmt er das elterliche Geschäft und wird ein erfolgreicher Verleger. So gibt er das Declamatorium heraus, eine fortlaufend erscheinende „Auswahl ernster und heiterer Dichtungen zum Vortrage in öffentlichen und Privat-Gesellschaften“. Damit gewinnt er viele Leser und erschließt sich eine Goldgrube.

Während der Revolution von 1848 steht Litfaß auf Seiten derer, die für die Demokratie streiten und gibt systemkritische Flugschriften wie den „Berliner Krakehler“ heraus, der prompt ein halbes Jahr später von der preußischen Obrigkeit verboten wird.

Der Ex-Revoluzzer arangiert sich

Litfaß gründet unbeirrt immer neue Zeitungen und Zeitschriften. Dazu zählt ab 1851 der „Berliner Tagestelegraph“, der das Publikum über Konzerte und Theateraufführungen informiert, aber auch darüber, was die Gastronomie der preußischen Hauptstadt zu bieten hat.

Litfaß ist ein kreativer, vielseitig begabter Kopf, immer auf der Suche nach neuen Ideen. Im Verlag führt er Schnellpressen und den Buntdruck nach französisch-englischem Muster ein, er druckt als Erster Riesenplakate im Format 6,28 mal 9,42 Meter.

Der Legende nach ärgert sich Litfaß eines Tages über das wilde Plakatieren in Berlin. Überall, an Hauswänden und Mauern oder an Zäunen, hängen Plakate und Zettel mit Werbung und Ankündigungen. Vor allem aber wittert er ein Geschäft.

Vorläufer in London und Paris

Von seinen Reisen kennt er London, wo er schon früher einen mit Werbung beklebten Zylinder, die sogenannte Harrissäule, gesehen hatte. Sie war mobil und wurde mit einem Pferdewagen durch die Stadt gezogen. Auch in Paris und Brüssel gibt es feststehende Vorläufer.

Das muss doch auch in Berlin möglich sein, denkt sich Litfaß und macht sich daran, seine Annoncier-Säule zu konzipieren. Allerdings benötigt er für das Aufstellen die Unterstützung der Stadtverwaltung, handelt es sich bei Straßen und Plätzen doch um öffentlichen Raum.

Dem findigen Unternehmer gelingt es, die Stadt zu überzeugen, denn er bietet an, Bekanntmachungen der Behörden auf seinen Säulen kostenlos zu veröffentlichen. Im Gegenzug erlaubt ihm die Stadt, auch gewerbliche Anzeigen plakatieren zu dürfen. Und die bringen natürlich Geld.

Die ersten 100 Anoncier-Säulen

1854 erhält Litfaß vom Berliner Polizeipräsidenten von Hinckeldey die Konzession zur Errichtung von zunächst 100 Annoncier-Säulen, außerdem darf er 50 bereits existierende Brunnen und Pissoirs für seine Zwecke umgestalten. Die Säulen bestehen aus einem Betonfundament, das einen meterhohen Blechzylinder trägt, der oben ein gusseisernes Fries aus stilisierten Palmblättern hat.

Die ersten Zylinder sind vom Start weg ein Erfolg, die Leute sind begeistert. Anfänglich dominieren Plakate zu Kulturveranstaltungen oder Einladungen in den Zirkus. Doch bald kommen kleine Gewerbetreibende dazu, denn die Kosten für eine Annonce sind niedrig. Später tauchen auch die Werbeplakate der großen Hersteller auf, die gerade ihre Marken für Konsumgüter entwickeln.

Schlau sichert sich Litfaß für lange Zeit das Privileg, als Einziger in Berlin werben zu dürfen. Weitere Säulen wachsen aus dem Boden, während sich der Name „Litfaßsäule“ in der Hauptstadt einbürgert. Innerhalb weniger Jahre breitet sich die Litfaßsäule in vielen Metropolen und kleineren Städten Europas aus, wobei Berlin auf Dauer die weitaus meisten hat.

Der Säulenheilige wird reich

Ernst Litfaß wird richtig reich, die Berliner nennen ihn ebenso spöttisch wie anerkennend den „Säulenheiligen“. „Er baut sich ein Denkmal von Säulen! Na, Litfaß, was willst du noch mehr?“, heißt es in einem Gassenhauer, der in den 1850er Jahren in den Straßen der Stadt populär wird.

Kritisch sehen nur einige Alt-1848er den Siegeszug der Zylinder. Sie stören sich daran, dass der verhassten Obrigkeit mit ihren Verlautbarungen eine zusätzliche Bühne geboten wird. Die Säule ist für sie nicht nur ein städtisches, sondern auch ein autoritäres Element. Weshalb der Philosoph Paul Scheerbart zum Sturm auf die Säulen aufruft: „Zerschlagt sie!“

Ernst Litfaß stört das wenig, er hat sich wie viele im Bürgertum mit dem System arrangiert. Vom preußischen Hof wird er 1861 zum „Commissions-Rath“ und 1863 zum Königlichen Hof-Buchdrucker ernannt, es regnet außerdem Orden.

Es regnet Orden und Privilegien

Später erhält Litfaß vom preußischen König das alleinige Recht zur Veröffentlichung der Kriegsdepeschen und Siegesmeldungen aus den Einigungskriegen 1864, 1866 und 1870/71. Bei der Plakatierung der neuesten Frontnachrichten ist Litfaß mit seinen Säulen viel schneller als jede Zeitung.

In seinen letzten Jahren zeigt Litfaß nicht nur Geschäftssinn, sondern auch Herz. Viele der verwundeten Soldaten und die Hinterbliebenen der Gefallenen geraten in finanzielles Elend. Der Unternehmer engagiert sich mit Spenden, er organisiert für die Kriegsopfer Konzerte, Feuerwerke und Bootsfahrten.

Während einer Kur in Wiesbaden stirbt Litfaß am 27. Dezember 1874. Das Geschäft wird an seine minderjährigen Erben übergeben und existiert noch bis in die 1920er Jahre. Als „König der Reklame“ findet er in einem Ehrengrab auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin-Mitte seine letzte Ruhe.

Massenmedium der Moderne

Die Litfaßsäule hat er nicht originär erfunden, aber er ist mit seinen Säulen der Begründer der Außenwerbung. Sein Konzept nimmt nach seinem Tod weiter Fahrt auf, die Säule wird zum Massenmedium der Moderne, sie fungiert als Amtsblatt, Zeitung und Illustrierte zugleich.

Eine wichtige Rolle spielt die Litfaßsäule im späten 19. Jahrhundert als Kulturträger. Sie beflügelt einen Kunst- und Literaturbegriff, der nicht mehr vom Adel, sondern vom Bürgertum ausgeht. Vor allem in den Großstädten schießen immer mehr Theater und Revuehäuser aus dem Boden, dazu Kunstgalerien. Dabei wetteifern sie um das Publikum, die Litfaßsäulen machen mit Plakaten und Anschlägen viele Angebote. Berühmte Künstler wie Henri Toulouse-Lautrec entwerfen in Paris Plakate, die heute in den Museen zu sehen sind.

Die Litfaßsäule begleitet die Menschen über die Kaiserzeit in die Weimarer Republik. Auf den Rundlingen wechseln sich Wahlaufrufe, Streikankündigungen, die Werbung für Persil oder Maggi und für die monatlichen UFA-Filmpremieren ab. Im Zweiten Weltkrieg dröhnt die NS-Propaganda mit Durchhalteparolen wie „Unsere Mauern brachen, aber unsere Herzen nicht“. Und in den ersten Jahren nach 1945 finden sich die Suchmeldungen des Deutschen Roten Kreuzes nach den vielen Vermissten.

67 000 stehen noch

Heute gibt es in Deutschland immer noch rund 67.000 Litfaßsäulen, wobei die Mehrzahl für die Ankündigung kultureller Veranstaltungen genutzt wird. Die Säule mag im Digital-Zeitalter wirken wie ein Reklame-Dinosaurier, aber sie behauptet weitgehend ihren Platz.

Vor allem für Parteien im Wahlkampf, für Theater- und Konzertveranstalter und kleine Unternehmen eignet sich die Litfaßsäule weiterhin. So kostet eine Werbung im A1-Format pro Tag und Säule lediglich einen Euro. Auch marktbeherrschende Anbieter setzen als Teil großer Werbekampagnen auf die Säulen – und nutzen dafür gerne die neuen Versionen mit Verglasung, Beleuchtung und digitalen Werbefenstern.

Die gute alte Litfaßsäule hat sich von der Konstruktion her im Prinzip seit den Zeiten des Ernst Litfaß kaum verändert. Nach wie vor ist Handarbeit gefragt, wenn zum Beispiel alle paar Jahre die geklebten Schichten zu einer „Schwarte“ gewachsen sind, wie es in der Branche heißt. Dann rückt man dem Hüftgold der Säule mit der Motorsäge zu Leibe.

Analoger Charme

Die Litfaßsäule hat weiter ihre Freunde, auch in Zeiten der modernen City-Light-Poster, also der elektrischen Werbetafeln, und der Videoleinwände. Die Außenwerbe-GmbH Ströer feiert sie auf ihrer Internetseite: „Litfaßsäulen sind Kult. Ihr analoger Charme macht sie in unserer digitalen Welt zum beliebten und glaubwürdigen Medium“.

Berlin ist bis heute Hauptstadt der Litfaßsäule. 2019 werden viele der rund 2500 Exemplare von einem neuen Betreiber ausrangiert. Einige Säulen sind ins Abseits geraten und stehen in Hinterhöfen, wo sie vom Grün überwuchert werden. Andere haben einen asbestbelasteten Kern und sind daher reif für die Entsorgung. Dennoch regt sich heftiger Protest, und die Abreißfirma kann nur mühsam die Wogen glätten. Immerhin bleibt es künftig bei rund 1500 Litfaßsäulen-Standorten. Und rund 50 sollen nach dem Willen des Berliner Senats unter Denkmalschutz gestellt werden.

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