Wissen RHEINPFALZ Plus Artikel Babymilch: Ärtze warnen vor falscher Rezeptur

60 Prozent der Frauen stillen anfangs voll. Nach zwei Monaten sind es nur noch 41 Prozent.
60 Prozent der Frauen stillen anfangs voll. Nach zwei Monaten sind es nur noch 41 Prozent. Foto: gruberc imago-images/westend61

Die EU lässt ab 2020 eine Fettsäure in der Säuglingsnahrung wegfallen. Das könnte den Babys schaden, kritisieren Pädiater

Von Christian Gruber

Die Muttermilch ist für das Kind in den ersten sechs Monaten das beste. Sie ist gut verdaulich und so aufgebaut, dass sie in dieser Zeit den gesamten Nährstoff- und Flüssigkeitsbedarf deckt. Säuglinge, die vier bis sechs Monate lang voll gestillt wurden, haben ein deutlich geringeres Ansteckungsrisiko etwa bei Atemwegsinfekten. Auch andere Krankheiten können bei Kindern, die ausschließlich an die Brust gelegt wurden, im späteren Leben seltener auftreten, darunter Übergewicht und Altersdiabetes, schreibt das Bundesinstitut für Risikobewertung.

Sogar Babykost-Hersteller weisen auf die segensreiche Wirkung der Muttermilch hin. Das war nicht bei jedem Hersteller immer so: Schließlich ist die Natur der direkte Konkurrent für die eigenen Produkte – die fertigen Ersatzpulver zum Anrühren. Einen Markt dafür gibt es trotzdem. Denn ausschließlich gestillt werden in Deutschland lediglich 60 Prozent der Neugeborenen, und das auch nur in den ersten 14 Tagen.

Nach zwei Monaten sinkt der Wert auf 41 Prozent, nach vier Monaten auf ein Drittel. Von den sechs Monate alten Kindern bekommen bloß noch 9,8 Prozent die Brust. Das ist nachzulesen in der Studie „Stillen- und Säuglingsernährung“ (SuSe), die vor 20 Jahren die Situation bundesweit erfasste. Im kommenden Jahr wird die Nachfolgeuntersuchung SuSe II vorgestellt. Sie soll herausfinden, ob und inwieweit sich die Umstände inzwischen verändert haben im Land.

Zu wenig Milch, Brustprobleme

Die Mütter, die überhaupt nicht stillen, fühlen sich laut eigener Auskunft von der Familie zu sehr beansprucht, oder sie hätten „keine Zeit“ dafür oder „keine Lust“ dazu, sie möchten wieder Rauchen, erwarten Probleme mit der Brust oder den Brustwarzen, hatten schon früher Schwierigkeiten beim Stillen oder müssen zurück in den Job.

Die Frauen, die es mit dem Stillen versuchten und sich zwischen zwei Wochen und vier Monate jeden Tag durchquälten, nannten als Hauptgründe für den Abbruch Probleme mit den Brüsten oder eine zu geringe Menge Muttermilch.

In diese Versorgungslücken stoßen die Hersteller und bieten einen Ausweg an: Fertigmilch, die nicht ganz an die Natur heranreiche, aber „mittlerweile eine sehr hohe Qualität“ habe und „bei richtiger Zusammensetzung eine ungestörte Entwicklung des Babys“ ermögliche, wie die Stiftung Kindergesundheit den Lebensmittelkonzernen bescheinigt.

Doch genau um die richtige Zusammensetzung gibt es jetzt Streit: Der Mensch pfuscht in etwas hinein, was sich evolutionär seit Jahrmillionen bewährt – die Rezeptur der Muttermilch, lautet die Kritik.

EU: Die Omega-6-Fettsäure unnötig

Hintergrund sind neue EU-Standards, die ab Februar 2020 vorschreiben, dass Säuglingsnahrung mit der Omega-3-Fettsäure DHA angereichert werden muss. Das wird sie schon jetzt. Aber die europäische Novelle fordert nun eine zwei- bis dreifach höhere DHA-Konzentration, als in der Muttermilch ist und in den bislang gängigen Baby-Produkten war.

Die Omega-6-Fettsäure AA dagegen braucht der Säuglingsnahrung nicht mehr beigemischt zu werden; bislang ist sie vorgeschrieben. Verboten ist AA zwar nicht, aber man kann sie im Prinzip einsparen. Davor warnen 26 Pädiater aus aller Welt in einem Beitrag für das US-Fachblatt „American Journal of Clinical Nutrition“: Erstes Fertigpulver ohne AA werde bereits im Handel angeboten.

DHA und AA sind langkettige, mehrfach ungesättigte Fettsäuren, die der Körper nur begrenzt aus anderen ungesättigten Fetten herstellen kann. Kinder nehmen sie über die Plazenta und – wenn sie auf der Welt sind – über die Muttermilch auf. In den ersten Wochen werden diese Fettsäuren vor allem im Gehirn gespeichert. So machen etwa AA und einer seiner Abkömmlinge rund 90 Prozent der Omega-6-Fettsäuren im Hirngewebe aus.

Ärzte: Wichtig für das Gehirn

„DHA und AA sind für die Feineinstellung des Gehirns und des Nervensystems sowie des Immunsystems zuständig“, gibt Bertold Koletzko zu bedenken. Der Professor leitet die Abteilung Stoffwechsel und Ernährung an der Universitäts-Kinderklinik München und ist Vorsitzender der Stiftung Kindergesundheit. „Eine unausgewogene Ernährung oder eine fehlerhafte Zusammensetzung der Babynahrung können für die aktuelle Gesundheit der Kinder und sogar für ihr späteres Leben von entscheidender Bedeutung sein“, betont er.

Koletzko, Erstautor des Beitrags im US-Fachblatt, und seine Medizinerkollegen argumentieren, dass natürliche Muttermilch immer fast gleiche AA- und DHA-Gehalte aufweist; die Konzentration der Fettsäure AA in der Muttermilch sei sogar leicht höher als der Anteil von DHA.

Der von der EU jetzt einseitig hochgeschraubte Omega-3-Wert und die Vernachlässigung der Omega-6-Fettsäure AA sei wissenschaftlich nicht fundiert und ein Nutzen nicht belegt. Hier würden die guten Erfahrungen, die man in den letzten 20 Jahren weltweit mit der bewährten, an der Muttermilch orientierten Ersatzpulver-Rezeptur gesammelt habe, einfach ignoriert, ärgern sich die 26 Pädiater.

Die EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit Efsa im italienischen Parma, von der die Empfehlung für die neue Rezeptur stammt, ist anderer Meinung. Die Kombination der Fettsäuren DHA und AA in Babyersatzmilch sei ursprünglich eingeführt worden, weil zwei Studien mit Frühgeborenen positive Effekte auf deren Wachstum festgestellt hatten, sagt Sprecher Edward Bray. Die Entscheidung der Efsa, dass die Omega-6-Fettsäure AA nicht unbedingt nötig sei, beziehe sich deshalb nur auf Kinder, die am errechneten Termin geboren wurden, nicht jedoch auf Frühchen.

Babykost-Hersteller: Keine Experimente

Die anderen sechs Studien, die zum Zeitpunkt der Efsa-Prüfung im Jahr 2014 zur Verfügung standen, hätten keinerlei Auswirkungen auf das Wachstum von ausgereift auf die Welt gekommenen Säuglingen gezeigt, wenn man ihnen nur die Omega-3-Fettsäure DHA fütterte, nicht aber die Omega-6-Fettsäure AA, versichert die Efsa. Immerhin saßen damals 20 renommierte Pädiater und Wissenschaftler in dem Gremium der EU-Lebensmittelbehörde, das über die Fettsäure AA beriet.

Die Kinderärzte um Koletzko plädieren in ihrem aktuellen Positionspapier trotzdem dafür, Babys keine Fertignahrung nach der neuen Formel ohne die Fettsäure AA zu füttern, bis die Vorteile der EU-Regelung tatsächlich von unabhängigen wissenschaftlichen Arbeiten bestätigt seien.

Die großen Hersteller von Babykost gehen lieber auf Nummer sicher. Vom deutschen Sitz des Schweizer Unternehmens Hipp in Pfaffenhofen heißt es, dass man den Empfehlungen der Kinderärzte folgen werde. Hipp produziert die Marken Hipp und Bebivita. „Wir sind uns der Bedeutung von DHA und AA insbesondere am Anfang des Lebens bewusst. In dieser äußerst sensiblen Phase können die Kinder diese Fettsäuren nicht ausreichend selber bilden“, sagt Sprecherin Marion Weinhardt.

Hipp, Danone, Nestlé: Fettsäure bleibt drin

Hipp werde in seinen Anfangsnahrungen „das seit Langem bewährte AA-DHA-Konzept weiterhin beibehalten“, so Weinhardt. Um künftig das gleiche Omega-3-Omega-6-Mischungsverhältnis in der Babymilch zu haben, will Hipp – weil die EU ab 2020 mehr DHA vorschreibt – auch den AA-Gehalt entsprechend erhöhen. Weinhardt: „In unseren Produkten berücksichtigen wir das empfohlene Mengenverhältnis der beiden Fettsäuren.“

Der französische Konzern Danone und der Schweizer Lebensmittel-Multi Nestlé äußern sich ähnlich. Zu Danone gehören die Marken Aptamil, Milumil und Milupa. Nestlé stellt Beba her. „Obwohl der Zusatz von AA nicht notwendig ist, enthalten Beba Säuglingsnahrungen heute DHA und AA und werden auch in Zukunft DHA und AA enthalten“, erklärt Tobias Henritzi von Nestlé Deutschland in Frankfurt. Auch Danone verspricht, dass die Omega-6-Fettsäure AA weiterhin seinen Anfangsmilchpulvern beigemischt wird.

Humana und Alete schweigen

Nur beim Deutschen Milchkontor im niedersächsischen Zeven gibt man sich merkwürdig zugeknöpft. Das Unternehmen steht hinter Humana und Sunval und hat vor Kurzem Alete übernommen. Auf Anfrage gibt es keine Antwort. Dem Etikett auf der Verpackung ist wenig zu entnehmen. Dort heißt es zum Beispiel bei der Humana-Anfangsmilch lediglich „ungesättigte Fettsäuren“ oder „Fischöl“. Fischöl enthält in der Regel Omega-3-Fettsäuren.

Die Diskussion um das, was ins Fläschchen gehört, scheint noch nicht überall durchgedrungen zu sein.

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