Russland
Putin und die Bloggerin
Ihre weit auseinander stehenden Augen strahlen wie das Seidenhemd, in dem sie sich per Instagram-Video an den Präsidenten persönlich wendet. „Wladimir Wladimirowitsch, man fürchtet Sie. Das Volk fürchtet Sie, die Blogger fürchten Sie, die Unterhaltungskünstler, die Gouverneure …“ Die Worte, die über die prallen Lippen der russischen Starbloggerin Viktorija Bonja kommen, klingen nach Brandrede.
Am Dienstag versuchte die 46-Jährige, Wladimir Putin über die Schwächen seiner Alleinherrschaft aufzuklären: „Ich habe das Gefühl, zwischen uns, dem einfachen Volk, und Ihnen steht eine gewaltig dicke Mauer. Und ich möchte diese Mauer durchbrechen.“
Glamourfrei und gefährlich
Bonja, 13 Millionen Follower auf Instagram, ist nicht die einzige russische Influencerin, die in den vergangenen Tagen lautstarke Kritik an der Staatsmacht äußerte. Auch Aisa Aj, Teilnehmerin an der Realityshow „Stars in Afrika“, erklärte auf Instagram, sie habe schon keine Kraft mehr, Angst zu haben. „Denken Sie an die Leute, die ohne Haus, ohne Essen leiden müssen. Wie viel geht noch? Wie viel Geld muss gestohlen werden, damit es genügt?“
Noch vor Kurzem plauderten die digitalen Salonlöwinnen über Luxusurlaub oder ihre neuesten Versuche als Popsängerinnen. Die Berufsschönheiten machten Schlagzeilen mit missglückten kosmetischen Operationen oder neuen Boyfriends. Nun riskieren sie „glamourfreie, aber gefährliche Gespräche“, wie die Poppoetin Katja Gordon auf Instagram erklärte.
Die Bloggerinnen beschweren sich über Internetblockaden, über die Hochwasserkatastrophe in Dagestan, über die Heizölpest an den Badestränden von Anapa oder über die Korruption der russischen Beamten und Parlamentarier. Putin aber loben sie als einen starken Präsidenten. „Wir unterstützen Sie!“, verkündet Bonja. Sie solidarisiert sich patriotisch mit den „Jungs, die ihre (jetzt in Dagestan überschwemmten) Häuser verlassen haben, um das Vaterland zu verteidigen.“
Aisa Aj hofft derweil, der Präsident ahne nichts von der Korruption und werde desinformiert. Aber außer Millionen Likes häufen sich auf Instagram auch Zehntausende Kommentare, zum Teil aus dem Exil. Und immer wieder schmähen sie Putin persönlich: „Der Fisch stinkt vom Kopf!“ Oder: „Putin weiß alles. Der Zar ist schlimmer als seine Höflinge.“
Es wird auch über an der Ukrainefront gefallene oder verletzte Männer geklagt. Bonjas Videoblog kommentierte sogar der Instagram-Kanal von „Lecker und Punkt“, Russlands größter Fast-Food-Kette: Auf jetzt verbotenen Portalen würden Hunderte Millionen Rubel für Hochwasseropfer gesammelt, während der Staat Milliarden ausgebe, um sie zu blockieren. „Ein sonderbares Bild.“ Schon schlagen Kolleginnen vor, gemeinsam einen politischen Chat aufzumachen. Fans fordern, die Bloggerinnen sollten für die Staatsduma kandidieren.
Wichtige Themen für Kreml
Dort aber wartet man nicht auf sie. Witalij Mironow, Abgeordneter der Putin-Partei „Einiges Russland“, bezeichnete Bonja als „Edelnutte aus Dubai“. Bonja habe schon mit Rebellion gedroht, denunzierte sie das kremlnahe Boulevardportal life.ru. „Diese Bloggerin zitiert gern die Medien und Kanäle der Opposition und ausländischer Agenten.“
Auch der Kreml hat auf Bonja reagiert. „Tatsächlich hat sie sehr viele Aufrufe und die Aufmerksamkeit des Publikums in den sozialen Netzwerken auf sich gezogen. Das ist wirklich so“, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow. Sie hätten das Video im Kreml selbst gesehen. „Darin werden viele Themen angesprochen, an denen tatsächlich gearbeitet wird.“ Es gehe um brisante Themen.