Wirtschaft
Wie ein Mainzer Start-up Taschen aus Meeresplastik herstellt
Naturschutzorganisationen schätzen, dass jedes Jahr rund 10 Millionen Tonnen Plastikmüll in den Weltmeeren entsorgt werden. Zahlreiche Tierarten gelten dadurch als bedroht. „Warum sollen wir nicht das Plastik aus dem Meer holen und recyceln?“, beschreibt Benjamin Mandos, Gründer und Geschäftsführer von Got Bag, die Idee, die er und ein Schulfreund auf einer langen Autofahrt hatten. Durch ihre Hobbys Segeln und Surfen sei ihnen die Problematik aufgefallen. 2016 gründete der 34-Jährige das Unternehmen Got Bag, das sich zunächst über eine Crowdfunding-Kampagne finanzierte, bei der Kaufinteressierte über das Internet Geld spenden. Im November 2018 kam der erste Rucksack auf den Markt – nach Unternehmensangaben der weltweit einzige seiner Art aus Meeresplastik.
Got Bag arbeitet mit einem Netzwerk aus rund 2500 Fischern in Indonesien zusammen, die Plastikmüll aus dem Meer bergen. Dafür werden sie pro Kilo bezahlt. Auf diese Art und Weise haben sie im vergangenen Jahr nach eigenen Angaben 350 Tonnen Müll aus dem Meer gefischt, im Januar dieses Jahres bereits 80 Tonnen. Laut Mandos sind 30 Prozent des Plastiks wiederverwertbar, der Rest nicht, etwa weil das Material schon zu lange im Meer lag oder aus mehreren Schichten verschiedener Kunststoffe besteht.
Per Zug oder Schiff nach Deutschland
Bei 11 bis 15 Prozent handelt es sich um PET, wie es vor allem für Plastikflaschen verwendet wird. Dieses Material wird zunächst in Indonesien zu Granulat, dann in China oder Taiwan zu Garn für die Rucksäcke verarbeitet. Der Rest wird anderweitig wiederverwertet oder, falls das nicht möglich ist, zur Energiegewinnung thermisch verwertet. „So landet der Kunststoff nicht wieder auf einer Mülldeponie“, erklärt Mandos. Per Schiff oder Zug werden die Taschen von den Produktionsstätten in China und Vietnam nach Deutschland transportiert und vom Lager in Bischofsheim nahe Mainz an die Kunden verschickt.
Mittlerweile bietet Got Bag neben dem ursprünglichen Rolltop-Rucksack – ein Modell, das verschlossen wird, indem man das obere Ende zusammenrollt – auch andere Taschenvarianten sowie Kleidung und Trinkflaschen an. Der Umsatz lag laut dem Gründer im vergangenen Jahr „im zweistelligen Millionenbereich“. Schätzungsweise 90 Prozent davon entfielen auf Kunden aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Im deutschsprachigen Raum sind die Produkte neben dem firmeneigenen Online-Shop auch in 360 Einzelhandelsgeschäften erhältlich.
70 Mitarbeiter beschäftigt Got Bag am Firmensitz in Mainz, dazu kommen sechs „Clean-up-Manager“, die sich vor Ort in Indonesien um den Kontakt zu den Fischern und um die Logistik kümmern. Seit dem vergangenen Jahr besteht die Tochterfirma Got Bag LLC, die sich von Portland aus um den US-amerikanischen Markt kümmert und weitere drei Mitarbeiter beschäftigt. „Wir hatten dort ein paar erfolgreiche Messen, wo wir Retail-Kunden gewinnen konnten“, sagt Mandos. In den USA wolle das Unternehmen den Fokus stärker auf den stationären Handel legen.
Segelboot zu gewinnen
Ein Weg, die Marke Got Bag bekannt zu machen, sind ungewöhnliche Gewinnspiele, mit denen die Firma die Anzahl ihrer Instagram-Follower – zur Zeit rund 343.000 – erhöhen will. Im Sommer 2021 war unter anderem ein Segelboot im Wert von 15.000 Euro dabei – bei Bedarf auch mit dem dazugehörigen Segelschein. Im Gegenzug teilen die Gewinner, die das Boot Ende vergangenen Jahres erhalten haben, Berichte über ihre Erfahrungen auf der Got-Bag-Webseite.
Eine besondere Bedeutung hat der Firmenname Got Bag übrigens nicht. „Wir haben einen internen Witz, dass wir nachträglich einen tieferen Sinn finden müssen“, sagt Mandos. Die beste Idee, die er bisher gehört habe, sei „Global Ocean Transformation“ – „aber es wäre gelogen zu sagen, dass der Name eine besondere Bedeutung hat“.