Sonderposten Schneepflug auf dem Sprung: Jaguar stellt den Type 00 vor
Ist das Kunst – oder bald ganz weg? Jaguar – im Rückspiegel der neidvoll Besitzlosen der etwas zahnlos fauchende Untersatz Trachtenjanker tragender Rechtsanwaltskanzleibetreiber mit zuletzt prekär gewordener FDP-Affinität – hat gestern sein neues Auto am Rand der Art Basel Miami vorgestellt. In der Bonbon-City. Bei der Kunstmesse, bei der die Karriere der mit Klebeband an die Wand getapten Banane von Maurizio Cattelan ihren Anfang nahm, die letztens bei Sotheby’s für mehr als sechs Millionen Dollar versteigert worden ist. Und die Konzeptstudie Type 00, was im Deutschen eher, ähm, nicht so gut klingt wie Zero Zero, das heißt: nach Stunde null, ist statt British Race Green roséfarben – sagen wir der Einfachheit halber pink.
U-Schwenk mit 1000 PS
Außerdem ist der neue Jaguar anstatt mit tuckernden acht Zylindern vollelektrisch unterwegs, tankt nicht mal E-Fuel. Nur gut, dass das Auto die Eskalation des Verlustempfindens der Jaguar-Traditionalisten mit seiner Form und 1000 PS-Breitbeinigkeit doch – minimalst – besänftigt. Das bedeutet, die Strategie, die der disruptiven, also zerstörerischen Bewegung des Moments folgt, ist hoch riskant. Heißt: Das Unternehmen, das seit 2008 zum indischen Tata-Konzern gehört, kalkuliert selbst damit, dass ihm mit dem U-Schwenk seiner Markenstrategie 80 Prozent der Ursprungsklientel abhandenkommt. Trotzdem dürfte die Ultimativ-Entfremdung des Produkts von einer eingeübten Marken-Erwartungshaltung ausbleiben, die sich in den vergangenen Wochen Shitstorm-unterströmt angedeutet hatte. Zum Beispiel als das – sozusagen – Veganwerden des namensgebenden Logos bekannt wurde, das zur Marke gehört wie Weinschorle ins Dubbeglas.
Tatsächlich findet sich das fleischfressende Raubtier, das in der Realität zu den bedrohten Arten zählt, auch als Wappentier beim Type 00 nur noch auf einer Plakette aus gebürstetem Messing, die seitlich angebracht worden ist – der Regenwald-Predator auf dem Kühlergrill aber ist gestorben.
Noch mehr allerdings schreckte die eingefleischten (!) Bewunderer ein – Verzeihung – hipper Werbespot, so gar nicht nach dem Gusto eines zum großen Halali im Jaguar anschnurrenden Herrn Prof. Dr. h.c. von Dings.
So imaginierten nahezu alle Befragten einer Umfrage zum Markenimage, dass hinter dem Steuer eines Jaguars ein Mann sitzt, über 50, Bestverdiener, 85 Prozent dachten an den Anhänger einer schwarz-gelben Koalition, grüne Überzeugungen gleich null. Motto: Woke, was soll das denn? Und jetzt sah dieser Mann-Mann, muss Mensch sich vorstellen, eine bunte, diverse Partygesellschaft nach dem Puls der Musik durch leere gelbe Umräume tanzen als sei’s eine Werbung für die Zukunft in einer ortlosen Matrix – oder für Yoga in Kleidern von Prada und Balenciaga.
Werbesprech ist eingeblendet, wie „create exuberant“ (erschaffe überschwänglich), „live vivid“, lebe lebhaft, was übersetzt eher dämlich klingt. Die Bilder kippen, zum Spruch „delete ordinary“ (lösche das Gewöhnliche) streicht ein Mann im roten Anzug, der auf einem Drehteller steht, weiße Farbe mit dem Malerpinsel über die vor ihm angebrachte Glasfläche. Ein gelber Bauarbeiter-Hammer fungiert als Handtaschenersatz. Kein Auto ist zu sehen, nirgends. Zum Schluss, bevor ganz am Ende der Schriftzug „Jaguar“ auftaucht – in einer neuen Groß- und Kleinschreibung vermengenden Typologie – versammelt sich die Gesellschaft zum Imperativ „copy nothing“ (kopiere nichts) in einer rosafarbenen Landschaft, die nach einem Tag danach aussieht. Ungewiss, was sich unter der Plane verbirgt, auf der sie sitzen. Irgendetwas ist wohl untergegangen. Mit der Zukunft der Marke, das Abendland, mutmaßten die Kritiker alsbald. Zumindest, was den bisherigen Markenkern von Jaguar betrifft, könnten sie sogar recht behalten. Die Firma zeigt den rosépinkenen neuen Jaguar vor einem farblich abgestimmten Hintergrund.
Wie ein Hybrid aus dem 1961 beim Genfer Autosalon präsentierten, wunderschönen, legendären E-Type sieht er aus, dem Wagen auf dem Cover des Jerry-Cotton-Bands „Der Tod im roten Jaguar“. Und – von mir aus – dem schwer bewaffneten Chrysler Imperial aus dem Actionfilm „The Green Hornet“, 1965. Oder der Mad-Max-Karre, einem 1973er Ford Falcon XB GT Hardtop. Wer unbedingt will, mag Anklänge des Cypertrucks von Donald Trumps Superheld Elon Musk erkennen. Der monumentale Type 00 ist 5,20 Meter lang, die Reifen 23-Zoll, das Heck massiv. Mit der Frontpartie mit den – also doch – raubtierhaft verengten LED-Sehschlitzen lässt sich jederzeit zum Wintereinsatz als Schneepflug aufbrechen. Dass das kantige Geschoss auch Rundungen hat, ist nur in der Draufsicht zu erkennen. Ein gitterförmiges Raster überzieht den Kühlergrill und findet sich auf dem Dach, am Heck und im Innenraum wieder. Dort, wo eine rätselhafte, schulterhohe Reling den Fahrgastraum mittig durchzieht und in Fahrer- und Beifahrerzone teilt.
Die Sprache der Flügeltüren
Für ein Zukunftsauto, in Serie soll das Auto Ende 2026 herauskommen, herrscht im Innern absichtlich digitales Detox. Es ist neben etwa den Flügeltüren, die das Auto quasi parkplatzuntauglich machen, einer der Hinweise auf die jüngere, diversere, reichere Käuferschaft, die Jaguar in Zukunft umschnurrt. Ein anderer, eine Art Tablet, das in eine Konsole neben dem Lenker eingeschoben wird, um das Auto bis hin zum Dimmgrad der Innenbeleuchtung individuell darauf abzustimmen, wer gerade fährt.
Als Archiv für die Konfigurationstablets ist dabei ein Fach vorgesehen, das seitlich aus der Karosserie klappt. Das heißt, wer es benutzen will, muss aussteigen – entschleunigen mit einem Auto, das abgehen dürfte wie Nachbars Lumpi auf Speed. Für Leute, die Minimum 150.000 Euro für ein Auto ausgeben können, ist Zeit zu haben, sowieso der wahre Luxus.