Medizin
Roches Mannheimer Labor-Coup
Eine Revolution in der medizinischen Labordiagnostik, davon ist derzeit bei dem Schweizer Pharmakonzern Roche öfter die Rede, wenn es um ein neues Gerät geht, das erst Anfang dieses Jahres auf den Markt gekommen ist. Ein Gerät, das an den deutschen Roche-Standorten Mannheim, Penzberg und München entwickelt wurde und das dem größten Arbeitgeber in der Quadratestadt mit aktuell rund 8700 Beschäftigten zusätzliche Produktion beschert.
Das neuartige Laborgerät mit dem sperrigen Namen Cobas Mass Spec ist etwa vier Meter lang und sieht aus wie eine etwas überhöhte Küchenzeile. Der Fortschritt verbirgt sich hinter den Deckeln und Türen und im System, das Roche entwickelt hat. Es geht um Massenspektrometrie, eine hochempfindliche, sehr genaue stoffliche Analysemethode, die für verschiedene klinische Anwendungen als bester diagnostischer Standard gilt. Das Problem dabei: Die Massenspektrometrie ist eine hochkomplexe Technologie mit ebenso ausgefeilten Arbeitsabläufen, die bislang wenig automatisiert ist und hochqualifiziertes Laborpersonal erfordert. Deswegen ist die klinische Anwendung seit Jahrzehnten nur Speziallaboren vorbehalten. Laut Roche führt das zu großen Unterschieden in den Messergebnissen zwischen Laboren und zu langen Bearbeitungszeiten.
Doch das soll sich nun ändern. Der Schweizer Konzern hat in zehn Jahren Entwicklungszeit und mit Investitionen von mehreren 100 Millionen Euro Massenspektrometrietests automatisiert und standardisiert. Mit Cobas Mass Spec soll die komplizierte Anwendung nun auch in Routinelabors gebracht und damit breiter verfügbar werden. Das neue Gerät verwandele die hochkomplexe Technologie der Massenspektrometrie in eine leicht zu bedienende Technologie für die Routinetestung, heißt es bei Roche. „Das hat das Potenzial, die Patientenversorgung grundlegend zu verbessern“, sagt Daniela Kahlert, Geschäftsführerin von Roche Diagnostics Deutschland mit Sitz in Mannheim.
100 Tests pro Stunde
In den kommenden Jahren will Roche für Cobas Mass Spec die Analyse von mehr als 60 Substanzen anbieten, etwa Steroidhormone, Vitamin-D-Stoffwechselprodukte, Immunsuppressiva, Drogentests oder bestimmte Medikamente im Blut. Derzeit werden bereits Analysen für mehr als 40 Substanzen angeboten. Das bringt laut Roche Fortschritte für den Patienten beispielsweise beim Einsatz von Antibiotika. Bei einer lebensgefährlichen Blutvergiftung (Sepsis) etwa kann laut Roche eine genaue Bestimmung der Antibiotikakonzentration im Blut sehr wichtig sein. Denn eine Standarddosierung führt hier bei 40 bis 60 Prozent der Schwerkranken nicht zu einer passgenauen Zielkonzentration von Antibiotika im Blut. Einige Antibiotika können demnach nur mit Massenspektrometrie genau gemessen werden. Die Automatisierung der Diagnostik hier könne zudem wertvolle Zeit gewinnen. Mit Cobas Mass Spec könne ein Ergebnis bereits in 34 Minuten vorliegen, das zuvor in Speziallaboren teilweise erst nach Tagen zu erhalten war. Mit dem Gerät könnten auch bis zu 100 Tests pro Stunde durchgeführt werden.
Nach Angaben des Roche-Managers Tobias Franz, verantwortlich für die internationale Vermarktung des neuen Geräts, war die zehn Jahre dauernde Entwicklung der automatisierten Spektrometrietests „absolutes Neuland“. Keinem anderen Unternehmen zuvor sei das gelungen. 400 Roche-Experten seien mit dem Projekt beschäftigt gewesen, für das es ein „sehr hohes Risiko“ des Scheiterns gegeben habe. Jetzt könne es als Leuchtturmprojekt gelten, das für das positive Innovationsklima an den deutschen Standorten Mannheim, Penzberg und München spreche. Inzwischen steht das System bereits in Laboren in acht europäischen Ländern.
Eine wesentliche Entwicklungsleistung dabei waren auch die spezifischen Reagenzien, die in dem Gerät für die automatisierte Massenspektrometrie verwendet werden. Sie werden nun auch im Roche-Werk in Mannheim hergestellt. Der Standort gilt als Drehscheibe des Diagnostik-Geschäfts des Schweizer Konzerns. Der hat hier in sein drittgrößtes Werk weltweit in den vergangenen fünf Jahren zusammen rund 1,4 Milliarden Euro investiert.