30 Jahre Erfahrung
Pflegedienst-Chefin aus der Westpfalz hat Rezept gegen den Fachkräftemangel
Nein, Kerstin Schmidt zählt nicht zur Riege der ständig wehklagenden, erbsenzählenden Manager, die das deutsche Pflege- und Gesundheitswesen kurz vor dem Untergang sehen.
Im Gegenteil, Kerstin Schmidt (57) beweist tagtäglich, dass das geht: gute Pflege, zufriedene Patienten und ebensolche Mitarbeiterinnen. Seit bald 30 Jahren führt sie das kleine Unternehmen Mobilitas. Inzwischen 33 Mitarbeiterinnen betreuen pflegebedürftige Menschen in deren Zuhause.
Während Krankenhäuser händeringend Pflegepersonal suchen und auf Anwerbereise ins Ausland gehen, kennt Schmidt dieses Problem nicht. „Wer eine Stelle sucht, hört sich um und erfährt, dass bei uns einige seit 28 Jahren dabei sind. Das beeindruckt. Dann wird die Bewerbung abgeschickt.“ Demnächst kehre eine Mitarbeiterin zurück, die vor zehn Jahren ging, um sich beruflich noch etwas umzusehen. „Die kommt jetzt wieder zu uns, auch weil sie hier mehr verdient wie im Krankenhaus.“
Kerstin Schmidt bezahlt Tariflohn und Zulagen für die Rufbereitschaft. Jeden Mittwoch gibt’s Fitnesssport in der Firma, das zählt als Arbeitszeit. Schmidt ermöglicht es Müttern, zeitlich so zu arbeiten, dass sie sich vor und nach der Schule um die Kinder kümmern können. „Bei mir dürfen sich die Leute ihre Arbeitszeiten selbst aussuchen, auch die Rufbereitschaften. Jede trägt sich selbst ein. Das funktioniert. Ich musste noch nie einen Dienst selbst übernehmen, weil ihn keiner machen wollte.“
Die einzige Chiffre-Anzeige im ganzen Leben
Sie arbeitet nicht mit Hilfskräften, stellt nur examinierte Pflegerinnen ein. Trotzdem ist Personalmangel für sie ein Fremdwort, „gerade neulich habe ich zwei Bewerberinnen abgesagt“. Ähnliches gilt für die Patienten. Die rege Nachfrage führe dazu, dass sie nicht alle nehmen könne.
Das war 1995, als Schmidt in Schönenberg-Kübelberg im Kreis Kusel loslegte, noch ganz anders. „Wir hatten im ersten halben Jahr keinen einzigen Patienten. Die Ärzte wollten uns nicht und die benachbarte Sozialstation erst recht nicht.“ Kerstin Schmidt hatte nach der Schule im Krankenhaus Kusel eine Ausbildung zur Krankenschwester, wie das damals noch hieß, gemacht und anschießend in der Klinik gearbeitet. „Aber ich hatte Bock auf Selbstständigkeit und da habe ich zum ersten und einzigen Mal im Leben auf eine Chiffre-Anzeige in der RHEINPFALZ geantwortet.“ Da suchte eine Krankenschwester eine zweite, um einen privaten Pflegedienst zu eröffnen. So kam’s, das Duo investierte, stellte Personal ein, doch niemand nahm die Dienste in Anspruch. Beide mussten auf Erspartes zurückgreifen, um die Firma am Leben zu halten. Dann platzte der Knoten, und seither ist das kleine Unternehmen stetig gewachsen. Längst führt Schmidt den Pflegedienst allein und will das noch zehn Jahre lang weiter tun. Schon heute hat sie eine Nachfolgerin im Blick.
Auf einem Bauernhof wuchs Schmidt auf und wurde Krankenschwester, „weil mir Pflege einfach Spaß macht“. Belastet es sie, dass alle ihre Patienten irgendwann sterben? „Nein, das nicht. Wir wollen die uns anvertrauten Menschen auch auf dem Weg ins Sterben gut begleiten. Und ich glaube, das gelingt uns auch.“
Was sie tatsächlich belastet, das sei etwas anderes: Bürokratie, Zoll und Krankenkassen. Der Zoll zum Beispiel verfolge Schwarzarbeit. „Das sieht dann so aus, dass aus heiterem Himmel sieben bewaffnete Männer unser Büro stürmen.“ Das passiere im Schnitt alle drei Jahre. „Ich habe ja Verständnis für deren Arbeit, aber die Art und Weise, wie die hier reinkommen, das ist schon sehr unangenehm. Manche Mitarbeiterinnen bekommen es da mit der Angst zu tun.“
„Ich bin nicht die Mafia. Bei mir ist noch nie etwas festgestellt worden.“
Hat Schmidt schon mal daran gedacht alles hinzuschmeißen? „Ja, das war damals, als die Krankenkassen angefangen haben, uns scharf zu prüfen.“ Laut Schmidt hatten in Berlin russische und polnische Pflegedienste die Krankenkassen massiv betrogen, indem sie nicht erbrachte Leistungen abgerechnet hatten. Seither prüften die Krankenkassen alle privaten Pflegedienste einmal im Jahr unangemeldet bis ins Detail. Das bringt Schmidt auf die Palme: „Ich bin doch kein Schwerverbrecher. Ich bin nicht die Mafia. Ich will nicht permanent im Verdacht stehen zu betrügen. Bei mir ist noch nie etwas festgestellt worden. Ich habe noch nie einen Cent zurückzahlen müssen. Und trotzdem kommen die jedes Jahr wieder.“
Pflege zu Hause „für den Patienten besser“ als Heim
Zu Hause pflegen oder im Heim? Schmidts Meinung ist eindeutig: „Für den Patienten ist zu Hause besser. Der Umzug in ein Heim ist eine große Belastung für einen alten Menschen. Neue Umgebung, neue Gerüche, ständig wechselnde Personen um sie herum, anderer Tagesablauf.“ Nur dann plädiert sie fürs Heim: bei schwer dementen und aggressiven Patienten.
Azubis nicht verheizen
Der Firma Mobilitas mangelt es nicht an Personal, aber den Krankenhäusern. Was empfiehlt Schmidt? „Die Qualität der Ausbildung muss besser werden. Die jungen Frauen und Männer gehen mit Begeisterung in den Beruf. Und dann werden sie im Krankenhaus verheizt, werden ins kalte Wasser geworfen, werden auf Station geschickt, müssen Lücken füllen und keiner hat Zeit, sie anzuleiten oder etwas zu erklären. Kein Wunder, dass von 100, die anfangen, am Ende zwei übrig bleiben.“
Schmidt plädiert dafür, die Ausbildung deutlich attraktiver zu machen und als Lehr- und Lernzeit zu gestalten, nicht als Maloche. Das sei erfolgversprechender „als auf ausländische Hilfskräfte zu hoffen“. Die kämen meist aus einer völlig anderen Umgebung hierher, sähen sich alles an und kehrten über kurz oder lang wieder nach Hause, auch weil das enorme Arbeitspensum sie auf Dauer überfordere.
Hier geht’s zu einer Meinung über Pflegekräfte.