Ein Lob auf Wieso Pflegekräfte wahre Engel sind
Mit breitem Grinsen im Gesicht steht sie auf dem abgewetzten Gang von Station 3. Hinter ihr: der defekte Wasserspender. Neben ihr: der Wagen mit den Resten des Mittagessens. Vor ihr: eine lange Restschicht. Grüner Kittel, grüne Hose, braune Locken, müder Blick: Heißt es nicht immer, Engel tragen Weiß?
Egal. Da steht ein Engel. Als die meisten auf Station 3 noch geschlafen haben, hat sie Medikamente gerichtet. Papierkram erledigt. Pläne geschrieben. Übergabe gemacht. Wie so viele ihrer Kolleginnen und Kollegen ist sie erst vor ein paar Jahren nach Deutschland gekommen, hat in Wochen Deutsch gelernt. Empathie musste sie nicht büffeln, die hatte sie im Gepäck.
Angestrengt versteckt sie an diesem Sommertag ihre Hände hinterm Rücken. Sie weiß, wo der Patient herkommt. Sie kennt die Pläne. Sie weiß immer, wer gerade wo ist beziehungsweise wo sein sollte. Sie fühlt mit, wenn Patientinnen und Patienten bei über 30 Grad von einer Untersuchung zur nächsten laufen müssen.
Es ist 13.03 Uhr. Auf Station 3 liegen Patienten mit straffem Tagesprogramm. In der Nacht hat einer heimlich geraucht – und den Anpfiff seines Lebens bekommen. Rücksicht auf andere ist hier oberste Prämisse. Wer ausschert, darf nach der Schelte trotzdem auf respektvolle Umsorgung setzen.
An diesem Augusttag hat die Heldin einen Schokopudding in der Hand. Leichtfertig hatte ihn der Patient noch morgens abbestellt. Jetzt, nach dem Untersuchungs-Marathon vom Vormittag, könnte er der Pflegerin die braunen Birkenstock-Sandalen vor Dankbarkeit küssen.
Das Aufheben eines Puddings: eine kleine Geste? Vielleicht. Das große Glück in diesem Moment? Ganz bestimmt. In dem Wirtschaftsunternehmen Klinikum, in dem sich so ziemlich alle daran stören, dass das Klinikum ein Wirtschaftsunternehmen sein muss, setzen Pflegekräfte allzu häufig die Mechanismen des Systems außer Kraft. Sie kümmern sich um jene, die nicht hier sein wollen, aber müssen. Menschen, die oft Schmerzen, häufig Sorgen, fast immer Fragen haben.
Nicht jede und jeder benötigt die richtige Süßspeise zur rechten Zeit. Manche brauchen ein offenes Ohr, einen Rat, ein Kissen, ein Pflaster, extra Zeit mit der Familie. All das ist mit der zunehmenden Bürokratisierung und dem Streben nach Effizienz nicht selbstverständlich. Für Pflegende häufig doch.
Pflegekräfte sind selten Ordnungshüter. Pflegekräfte sind oft Möglichmacher. Sie können nicht zaubern, aber versuchen es. Sie kämpfen mit gegen Langeweile und Schmerz. Sie lächeln, wenn jede Regung zählt. Sie sind Sorgenfresser. Sie erklären, was bei der Visite unverstanden geblieben ist. Sie machen den Unterschied.
Wenn Ärzte Götter sind, sind Pflegende mindestens Engel. Können wir bitte noch einmal über unser mit Klatschen auf Balkonen angekündigtes Eintreten für eine Lohnsteigerung im Gesundheitssektor sprechen? Oder auch über den Abbau von Dokumentations-Hürden, die selbst Götter und Engel an ihre Grenzen bringen?
Nahezu jeder Mensch ist irgendwann einmal angewiesen auf Unterstützung von Pflegekräften. Die Wertschätzung sollte sich nicht erst dann zeigen, wenn ein offenes Ohr, ein Rat, ein Kissen, ein Pflaster, extra Zeit mit der Familie oder ein Schokopudding fehlt.