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Papa-PAL ermöglichte das Farbfernsehen in Deutschland
Von Michael Ossenkopp
Als drittes Land der Welt – nach den USA und Japan – startete die Bundesrepublik Deutschland vor 50 Jahren ins farbige Fernsehzeitalter. Außenminister und Vizekanzler Willy Brandt läutete am 25. August 1967 während der Internationalen Funkausstellung in West-Berlin per Knopfdruck die neue TV-Ära ein. Allerdings war der rote Buzzer, den Brandt um 10.57 Uhr drückte, nur eine Attrappe. Er hatte seinen letzten Satz „... gebe ich jetzt gewissermaßen den Startschuss für das deutsche Farbfernsehen“ noch nicht beendet, als ein Sendetechniker schon vor dem symbolischen Akt das Farbsignal freischaltete. Das Missgeschick schlug aber keine hohen Wellen, denn zu diesem Zeitpunkt standen lediglich rund 6000 TV-Geräte mit Farbempfang in deutschen Wohnzimmern.
Der Durchbruch zum Massenmedium ließ noch einige Jahre auf sich warten: Die Empfangsgeräte waren mit einem Preis von etwa 2500 DM anfänglich einfach zu teuer. Zum Vergleich: Ein neuer VW-Käfer kostete damals rund 4500 DM. Dennoch war der Siegeszug des Farbfernsehens nicht mehr aufzuhalten.
Drei Techniken konkurrieren
Seit den Anfangstagen des Fernsehens mussten sich Zuschauer mit schwarz-weißen Bildern zufrieden geben. Zum „Vater“ der bunten Fernsehbilder in Deutschland avancierte der 1908 in Neustadt geborene Elektroingenieur Walter Bruch. Bruch hatte in Berlin die TV-Pioniere Manfred von Ardenne und Dénes von Mihály kennengelernt. Später arbeitete er als Techniker bei Telefunken für Emil Mechau, der für die Olympischen Spiele 1936 eine spezielle Kamera (die „Olympiakanone“) konzipierte. Im Zweiten Weltkrieg war Bruch Techniker der industriellen Fernsehanlage zur Überwachung der V2-Starts in Peenemünde, 1950 kehrte er zu Telefunken zurück.
Eigentlich war Walter Bruch Ende der 1950er Jahre mit Vergleichsstudien der bereits bestehenden Systeme NTSC (der US-amerikanische Standard des „National Television Systems Committee“) und SECAM (Séquentiel couleur à mémoire) beschäftigt, seine Ergebnisse sollten in einen regulären Farbfernsehbetrieb in der Bundesrepublik münden. NTSC wurde bereits Ende 1953 in den USA für Farbfernsehübertragungen in Betrieb genommen. Aber das System wies Schwächen auf: Während der drahtlosen gleichzeitigen Übermittlung verschiedener Farbartsignale über lange Strecken oder durch Reflexionen an Häusern und Bergen kam es zu „Phasenverschiebungen“, die farbliche Verfälschungen nach sich zogen. Daraus folgte auch die spöttische Abwandlung der Abkürzung NTSC: „Never the same color“ („Niemals dieselbe Farbe“).
Millionen für die Entwicklung
Um diesen entscheidenden Nachteil zu beseitigen, hatte der französische Ingenieur Henri de France 1956 ein Patent auf das von ihm entwickelte SECAM-Verfahren angemeldet. Bruch sah im NTSC- wie auch im SECAM-Verfahren jedoch keine Ideallösungen und tüftelte an Verbesserungen. Er übernahm das grundlegende Konzept der Signalübertragung von NTSC, kompensierte jedoch die Störungen, indem er die Farbinformationen von Zeile zu Zeile jeweils um 180 Grad drehte. Das System nannte er PAL (Phase Alternation Line, auf Deutsch Phasenumkehr je Zeile). Am 30. Dezember 1962 wurde es unter der Nummer 1252731 mit Hilfe von Telefunken zum Patent angemeldet, die Firma hatte rund 40 Millionen Euro in die Entwicklung gesteckt. Schon vier Tage später führte der Erfinder sein System erstmals Experten der Europäischen Rundfunkunion (EBU) vor.
Als dann Mitte der 1960er Jahre eine Entscheidung über die künftige europäische Farb-TV-Norm heranrückte, konnte sich die EBU auf keinen einheitlichen Standard einigen. Alle westeuropäischen Staaten – außer Frankreich – entschieden sich für das PAL-System, Frankreich, die Sowjetunion und die Länder des Ostblocks – bis auf Rumänien – setzten auf SECAM. Auch außerhalb Europas ging der Wettstreit weiter. So dauerte es noch einige Jahre, bis schließlich im Sommer 1967 in der Bundesrepublik als erstem europäischen Land bunte Bilder über die TV-Schirme flimmern konnten.
Farbe zunächst Ausnahme
Die bunte Premiere lieferte der französisch-italienische Abenteuerfilm „Cartouche, der Bandit“ (1962, mit Claudia Cardinale und Jean-Paul Belmondo in der Titelrolle); abends folgte, ebenfalls waffenschwingend, „Der Goldene Schuss“ mit Vico Torriani. Die Begeisterung der Käufer fürs Farb-TV hielt sich zunächst dennoch in Grenzen. Großereignisse wie die Olympischen Sommerspiele 1972 und die Fußball-WM 1974 verhalfen dem Medium aber letztlich zum Durchbruch.
In den ersten Jahren wurden längst nicht alle Programme in Farbe ausgestrahlt, in Programmzeitschriften waren die mit einem „F“ besonders gekennzeichnet. Noch jahrelang sendeten ARD und ZDF vor jeder Farbsendung einen kurzen Trailer. Und die Akteure vor der Kamera mussten sich ebenfalls farblich umstellen. Blau war tabu, weil dieser Ton von der Technik eher schlecht wiedergeben werden konnte. „Wir sollten lieber Pastelltöne wählen“, erinnert sich die frühere ARD-Lottofee Karin Tietze-Ludwig.
Im DDR-Fernsehen hielt ab 3. Oktober 1969 neben einem zweiten Fernsehprogramm auch die Farbe Einzug. Am gleichen Tag wurde der Berliner Fernsehturm eröffnet und in Betrieb genommen. Die Codierung des TV-Signals geschah über SECAM, was zur Folge hatte, dass verbotenerweise zwar Westfernsehen geschaut werden konnte, die Sendungen allerdings nur in Schwarz-Weiß empfangen werden konnten. Der erste in der DDR hergestellte Farbfernseher hieß „RFT Color 20“ und kostete 3500 Ost-Mark.
Professor ehrenhalber
Für seine Verdienste erhielt Bruch ehrenhalber die Doktor- und Professorenwürde, als Gründungsvater des bunten TV-Zeitalters gaben ihm Studenten den Spitznamen „Papa PAL“. Auf die Frage, warum er dem unter seiner Leitung entwickelten Verfahren den Namen „PAL“ gegeben habe, antwortete er: „Ein Bruch-System wäre wohl schwer verkäuflich gewesen.“ Der Arbeit Bruchs ist heute ein kleiner Abschnitt in der Dauerausstellung im Stadtmuseum in der Villa Böhm gewidmet, und Neustadt hat auch eine Straße nach
ihm benannt.
In Deutschland wurde der Betrieb terrestrisch analog übertragener Programme 2013 eingestellt, seitdem gab es nur noch hochauflösendes Fernsehen in DVB-T (Digital Video Broadcasting, das „T“ steht für terrestrisch). 2016 begann die Umstellung auf den DVB-T2-Standard.
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