Wirtschaft
Mehr Fahrgäste in Fernzügen der Bahn
In den ICE- und Intercity-Zügen der Deutschen Bahn (DB) ist die Fahrgastzahl auf einen Rekordwert gestiegen. Der operative Gewinn des DB-Konzerns sank dagegen im ersten Halbjahr und die Verschuldung nimmt zu. Besonders schwierig ist weiterhin die Lage im Schienengüterverkehr.
DB-Chef Richard Lutz betonte gestern, mit ihrer neuen Strategie „Starke Schiene“ setze die DB nun voll und ganz auf Ausbau. Im Fernverkehr solle bis 2030 die Anzahl der Reisenden verdoppelt werden und im Nahverkehr eine Milliarde Fahrgäste zusätzlich gewonnen werden. Dafür sollten im Schulterschluss mit dem Bund auf der Schieneninfrastruktur 30 Prozent mehr Kapazität geschaffen werden. Nur mit einer starken Schiene werden Deutschland seine Klimaziele erreichen. Die Betriebsleistung auf dem DB-Netz stieg im ersten Halbjahr um 0,6 Prozent auf den Rekordwert von 543 Millionen Trassenkilometern. Der Anteil DB-externer Unternehmen stieg auf 33,1 (Vorjahr: 31,9) Prozent.
Gemischtes Bild im Fernverkehr
Der DB-Fernverkehr steht besonders im Blick der Öffentlichkeit. Dabei ergab sich im vergangenen Jahr ein widersprüchliches Bild aus schlechten Pünktlichkeitswerten und dennoch steigenden Fahrgastzahlen. Im ersten Halbjahr 2019 war die Lage durch aktuten Fahrzeugmangel geprägt. Im gestern vorgelegten Halbjahresbericht heißt es dazu: „Die Fahrzeugverfügbarkeit war im ersten Halbjahr 2019 stark angespannt.“ Weiter ist die Rede von „einer starken Verknappung der Kapazitäten und einem verschlechterten
Fahrzeugzustand, der sich auch negativ auf die Pünktlichkeit auswirkte.“ Bahnchef Lutz sagte dazu gestern: „Wir sind noch nicht da, wo wir gern wären, und bleiben unseren Kunden noch zu oft die Qualität schuldig, die sie zu Recht von uns erwarten.“ Der Anteil der pünktlichen Fernzüge sank im ersten Halbjahr leicht auf 77,2 (Vorjahreszeit: 77,4) Prozent. Als pünktlich im Sinne dieser Statistik gilt ein Zug, wenn er maximal fünf Minuten Verspätung hat.
Rekord bei Verkehrsleistung
Trotz dieser Probleme stieg die Anzahl der Reisenden in den Fernzügen um 1,3 Prozent auf 72 Millionen. Die DB sieht sich „auf gutem Weg zum neuen Rekord von über 150 Millionen Fernverkehrsreisenden“ im Gesamtjahr 2019, blendet dabei allerdings aus, dass die Anzahl der Fernverkehrsreisenden – beispielsweise mit 152,2 Millionen im Jahr 1997 – schon einmal höher lag, bevor mit dem Programm „Mora“ (Markorientiertes Angebot) ein großer Teil des Interregio-Netzes aufgegeben wurde. Einen echten Rekord gab es dagegen bei der Verkehrsleistung, in die außer der Anzahl der Reisenden auch deren Reiseweite eingeht. Sie stieg im ersten Halbjahr um 1,4 Prozent auf 20,984 Milliarden Personenkilometer. Auffallend ist dabei, dass die DB den Umsatz mit 6,1 Prozent und den Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) mit 8,7 Prozent noch deutlich stärker gesteigert hat als die Verkehrsleistung.
Mehr Reserven durch neue Züge
Ob die Marke von 150 Millionen Fernverkehrsreisenden in diesem Jahr überschritten wird, hängt sicher nicht zuletzt von der Entwicklung bei den Qualitätsproblemen ab. Erhebliche Entlastung könnte bringen, dass nach mehrmonatiger Unterbrechung die Abnahme neuer ICE 4 wieder angelaufen ist. Lutz betonte gestern, jeder neue Zug führe zu mehr Reserven und somit zu mehr Zuverlässigkeit im Gesamtsystem.
Erschwerend wirkt dagegen die baubedingte Sperrung der Schnellstrecke von Göttingen nach Hannover, wegen der sich unter anderem die ICE-Fahrzeiten von Mannheim nach Hamburg und (bei etwa jedem zweiten Zug) von Mannheim nach Berlin deutlich verlängern.
Gewinn sinkt deutlich
In anderen Sparten ist die Geschäftsentwicklung nicht so gut wie im Fernverkehr. Bei der Schienengüterverkehrssparte DB Cargo war das Ebit mit minus 132 Millionen Euro noch schlechter als im Vorjahr mit minus 127 Millionen Euro. Der Betriebsgewinn des DB-Konzerns sank um über ein Fünftel auf 757 (Vorjahr: 974) Millionen Euro ab. Bahnchef Lutz nannte als Grund zusätzliche Anstrengungen für mehr Qualität und Leistung. Nach Abzug von Steuern und Zinszahlungen blieben unterm Strich noch 200 Millionen Euro, ein Minus von über 60 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Die Schulden stiegen auf einen Höchststand von mehr als 20 Milliarden Euro. Aufgrund einer neuen Bilanzierungsmethode (International Financial Reporting Standards 16, kurz IFRS 16), nach der auch das operative Leasing zur Verschuldung hinzugerechnet werden muss, weist die DB nun per 30. Juni 2019 sogar Netto-Finanzschulden von 25,4 Milliarden Euro aus. Vor allem zum Schuldenabbau plant die DB den Verkauf der internationalen Nahverkehrstochter Arriva. Damit könnte der Konzern um geschätzt 3 bis 4 Milliarden Euro entlastet werden. Gespräche mit Investoren werden bereits geführt, eine Entscheidung soll im September fallen.