Interview
Medizinische Beratung am Telefon in der Krise stärker gefragt
Herr Ratzlaff, haben Sie für die 2020 gegründete Tochter, die Gesellschaft für telemedizinische Versorgung (GTV), einen Finanz- Partner gesucht oder kam AXA, die sich mit 49,9 Prozent beteiligt hat, auf Sie zu?
Wir sind schon länger für die AXA tätig und betreuen Versicherte auf Reisen oder jene, die medizinischen Rat etwa nach Unfällen benötigen. Die AXA hatte zunächst sehr früh mit einem anderen Anbieter das Thema Digitalisierung und Videosprechstunde begonnen, sich jedoch nunmehr für unseren Service und unser Konzept erschlossen. Die gemeinsamen Schnittmengen von individuellen Betreuungsleistungen für Versicherte in einem Gesundheitssystem der Zukunft waren so groß, dass daraus auch der Wunsch entstanden ist, sich an einer Gesellschaft zu beteiligen, die sich mit den technischen Entwicklungen, dem Ausbau einer ganzheitlichen Betreuung und dem Gesundheitssystem der Zukunft beschäftigt. Wir hatten keinen Investor gesucht.
Wie wirken sich die Aktivitäten der neuen Gesellschaft auf die Arbeitsplätze in Ludwigshafen aus?
Zunächst äußerst positiv, da wir Ärzte unterschiedlichster Fachrichtungen wie auch medizinische Fachangestellte sowie Gesundheits- und Krankenpfleger suchen. Dies ist nicht einfacher geworden, aber unser Vorteil ist, dass wir geregelte und planbare Arbeitszeiten ohne körperliche Belastung und keinerlei Risiken für die eigene Gesundheit bieten, was für viele durch die Pandemie einen nicht zu unterschätzenden Stellenwert eingenommen hat.
Worin liegen die Vorteile?
Die GTV hat sich auf die ganzheitliche Betreuung spezialisiert. Dazu gehören auch die Videosprechstunde, digitales Rezept und vieles mehr. Schwerpunkte sind die technische Entwicklung am Standort Deutschland und die Verknüpfung mit qualifizierten medizinischen Betreuungsleistungen. Die GTV greift auf die Kompetenz von zwei Welten zurück: der medizinischen Spezialisierungen von MD Medicus und der privaten Krankenversicherung. Geplant ist, dies durch eine enge Kooperation mit einer gesetzlichen Krankenversicherung zu ergänzen.
Welches Interesse hat eine Assekuranz an Telemedizin und könnte das nicht auf Versicherte abschreckend wirken?
Nein, das Gegenteil zeichnet sich ab. Es gibt für die unterschiedlichsten Zielgruppen in der Krankenversicherung maßgeschneiderte Zugangswege: Telefon, Video-Chat oder App. Unsere Tochtergesellschaft I42 entwickelt für uns und unsere Kunden und somit für die Versicherten und Patienten einfach bedienbare technische Konzepte und Lösungen. Das Interesse der Krankenversicherung ist seit vielen Jahren, gemeinsam mit uns die Wünsche der Patienten zu erfüllen und ihnen bei medizinischen Fragestellungen, Behandlungen, einer ärztlichen Zweitmeinung oder bei der Unterstützung von Facharzt-Terminen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.
Wie hat sich die Nachfrage in der Corona-Pandemie entwickelt?
Die Menschen sind durch die Pandemie sensibler geworden, was ihre Gesundheit betrifft. Dies führt zu mehr Fragen und dem Wunsch nach Absicherung. Das Internet gibt viele Antworten. Die meisten Versicherten und Patienten, die sich an uns wenden, fühlen sich nach solchen Recherchen zwar besser informiert, aber bezogen auf ihr individuelles Problem oder ihre Fragen nicht schlauer. Aus meiner Sicht ist die künstliche Intelligenz noch Lichtjahre davon entfernt, das individuelle Gespräch zwischen Ärzten und Patienten zu ersetzen.
Wird Telemedizin auf Dauer einen Teil der Arzt-Patienten-Gespräche vor Ort ersetzen?
Zu Zeiten der Pandemie ist die Nachfrage am Telefon drastisch gestiegen, statt der rund 5000 Gespräche waren es bis zu 8000 am Tag. Die Videosprechstunde wurde ebenso stärker genutzt, so dass bis zu 1500 Versicherte im Monat dies genutzt haben. Dies hat sich jedoch schon wieder normalisiert. Der bevorstehende Winter könnte jedoch einen ähnlichen Anstieg bringen, da viele der Ansteckungsgefahr aus dem Weg gehen wollen. In einer Videosprechstunde können, wenn vertretbar, auch Diagnosen gestellt und Rezepte verordnet werden. Eine notwendige physische Untersuchung kann sie jedoch nicht ersetzen. Daher ist die Zusammenarbeit mit niedergelassenen Ärzten für uns auch weiterhin ein wichtiger Bestandteil.
MD Medicus arbeitet schon lange als Dienstleister für vielen Kassen, auch für private. Was ändert sich nun für Versicherte?
Mit der AXA intensivieren wir in das Konzept einer ganzheitlichen Betreuung. Die Betreuung von chronisch kranken Patienten oder Risikopatienten mit telemedizinischen Geräten umfasst einen Service, der letztlich das Gesundheitssystem unterstützt und entlastet. Den Versicherten steht per Telefon oder Video ein medizinisches Kompetenzzentrum zur Verfügung. So können Patienten und Versicherte rund um die Uhr auf den Rat von Ärzten, Fachärzten oder Ernährungsberater zurückgreifen. Dafür gibt es mehrere technische Lösungen, etwa unsere App.
Was bedeutet das konkret?
Wenn etwa ein Herzpatient zu Hause seinen Blutdruck misst und das Ergebnis bedrohlich zu hoch ist, meldet sich sofort der Tele-Arzt von MD Medicus bei ihm. Die App ermöglicht mit Zustimmung der Nutzer, egal wo und wann, sofort eine Verbindung zum Tele-Arzt herzustellen. Diese besondere engmaschige medizinische Betreuung schafft die Voraussetzung dafür, solange als möglich im häuslichen Umfeld zu verbleiben, da auch die Pflegedienste jederzeit auf den Tele-Arzt zurückgreifen können. Der Arzt kann auch bei Bedarf ein Rezept ausstellen und digital in die Apotheke schicken. Auf Wunsch wird dem Patienten das Medikament per Bote nach Hause gebracht. In manchen Bereichen ist Deutschland zwar noch eine Service-Wüste. Wir sind aber seit vielen Jahren beharrlich dabei, dies zu ändern.
Wie sehen ihre weiteren Pläne im Bereich Telemedizin aus?
Mit der GTV wollen wir unter anderem auch einen Beitrag dazu leisten, eine stärkere Vernetzung unter den einzelnen Leistungserbringern zu fördern. Wenn einmal alle Akteure, vom Physiotherapeuten über den Pflegedienst, die niedergelassenen Ärzte und die Krankenhäuser miteinander und insbesondere mit dem Patienten kommunizieren, haben wir einen großen Schritt in die Zukunft und in ein besseres und bezahlbareres Gesundheitswesen getan.
Wie hat sich der Umsatz entwickelt und wie stark trifft sie die Pandemie?
Unser Kerngeschäft hat sich von einst 22 Millionen Euro nahezu halbiert. MD Medicus zählt weltweit zu den führenden Anbietern, die Touristen und Firmenangehörige auf Reisen bei Unfällen oder Erkrankungen betreuen. Wir bemühen uns um eine optimale Versorgung und kooperieren mit mehreren Tausend Kliniken auf allen Kontinenten. Aber auch eine Rückholung nach Deutschland und der weltweite Zahlungsverkehr im Auftrag der Versicherten gehören dazu. Dieser Teil ist schlichtweg derzeit nicht mehr gegeben.
Wie viele Mitarbeiter sind beschäftigt und wie viele Firmen zählt die Gruppe?
Aktuell gehören 19 Gesellschaften zur Unternehmensgruppe, davon zwei von der Ärztekammer anerkannte Ärztegesellschaften. Zudem haben wir in Ludwigshafen-Oppau gemeinsam mit Dr. Hoecker und dem Ärzteehepaar Bieringer in ein medizinisches Versorgungszentrum investiert, wofür auch zusätzliche Ärzte gesucht werden und das demnächst für die Patienten auch außerhalb der Sprechzeiten, nachts und an Wochenenden, per Videosprechstunde oder telefonisch zu erreichen sein wird. Auch wenn wir weltweit tätig sind, wollen wir uns weiterhin in der Region engagieren. Zudem schließen wir nicht aus, in dem einen oder anderen Geschäftsbereich, wie etwa in der Pflegeassistance, Unternehmen hinzuzukaufen. Die Gruppe beschäftigt rund 500 Mitarbeiter, davon rund 350 in Ludwigshafen.
Ihr jüngster Standort in Deutschland ist Zweibrücken. Wie läuft es dort?
Es ist schwer, weitere medizinische Fachangestellte oder Gesundheits- und Krankenpfleger dort zu finden. Wir haben dauerhaft auf Homeoffice umgestellt und hoffen, dass wir damit auch medizinische Fachkräfte aus den angrenzenden Regionen gewinnen können.