Interview
„Akzeptanz digitaler Gesundheitsangebote sprunghaft gestiegen“
Herr Ratzlaff, die Corona-Pandemie hat viele Branchen und Unternehmen teils hart getroffen. In welchem Bereich war die MD Medicus-Gruppe am stärksten belastet?
Die Auswirkungen der Pandemie haben auch Servicebereiche in unserer Unternehmensgruppe getroffen. Als größter Anbieter von sogenannten Assistance-Hilfeleistungen für Urlauber und Geschäftsreisende, die weltweit einen Unfall hatten oder erkrankt sind, ging mit der Einstellung der Urlaubsreisen auch dieser Geschäftszweig von heute auf morgen um mehr als 90 Prozent zurück. Statt der früher rund 30.000 Fälle, werden es dieses Jahr ab Beginn der Pandemie nur noch wenige Hundert sein. Wir hoffen, wie die Touristikbranche auch, dass nächstes Jahr die Urlaubsziele wieder sorglos bereist werden können.
Die Gruppe betreibt auch einen Standort auf der Ferieninsel Mallorca. Wie war die Situation dort in den vergangenen Monaten?
Wir haben vermutlich als erstes Unternehmen in Rheinland-Pfalz und damit für alle unsere Standorte mit nur wenigen Ausnahmen die Tätigkeit in Home-Office ermöglicht. Für unsere Mitarbeiter auf der Baleareninsel hätte es durch die zum Teil deutlich höheren Beschränkungen keine Alternative gegeben. Auf Grund der deutlich höheren Auflagen zum Datenschutz, dem wir als medizinisches Unternehmen im Umgang mit Sozialdaten unterliegen, sahen zum Glück unsere Evakuierungspläne zum Teil bereits solche Szenarien vor. Wir wissen von vielen Unternehmen, die Vorkehrungen dieser Art nicht getroffen hatten, dass über längere Zeit die hierfür erforderliche IT-Ausstattung kaum noch zu beschaffen war. Diese Situation hätte uns ohne Vorsorge jede Möglichkeit genommen, von zu Hause zu arbeiten, was auf Mallorca wegen der Ausgangssperren einer Schließung gleich gekommen wäre.
Am Wochenende haben in Palma feierwütige Touristen alle Corona-Regeln ignoriert und für Verärgerung gesorgt. Sorgt Sie solches Verhalten mit Blick auf Ihre Mitarbeiter?
Grundsätzlich arbeiten ja bei uns ausschließlich medizinisch ausgebildete Mitarbeiter und Ärzte, die ein hohes Verständnis für die Gefahren von Covid-19 und für die Sinnhaftigkeit der meisten Schutzmaßnahmen haben. Daher mussten wir uns dahingehend weniger Sorgen machen. Aber ebenso hoffe ich natürlich, dass es zu keiner zweiten Welle mit einem neuerlichen Lockdown kommt, was nicht nur die Mitarbeiter, sondern alle stark belasten und auch das Wiederaufleben dieses Geschäftsbereiches weiter verzögern würde.
Die Gruppe beschäftigt inzwischen rund 450 Mitarbeiter, davon 420 am Stammsitz in Ludwigshafen. Mussten Sie Kurzarbeit beantragen?
Durch den Zusammenbruch im Reisebereich mussten bis auf einige Mitarbeiter leider viel zu viele in Kurzarbeit gehen, es gab einfach von heute auf morgen nichts mehr im Auslandsbereich zu tun. Wir konnten jedoch viele Maßnahmen zu weiteren Einsparungen ergreifen und haben viel Verständnis und Hilfen von den meisten unserer langjährigen Kunden erfahren. Deshalb mussten wir keine Kündigungen aussprechen und werden dies auch weiterhin nicht tun. Hilfreich ist dabei, dass die Unternehmens-Gruppe über mehrere Standbeine verfügt.
Wie hat sich der Umsatze in der Gruppe entwickelt und mit welchen Einbußen rechnen Sie durch die jetzige Krise?
Wir hatten in den vergangenen Jahren den Umsatz auf über 22 Millionen Euro gesteigert, aber Gesetzesänderungen und die Pandemie werden uns einen Umsatzverlust von deutlich mehr als die Hälfte bringen. Wegen der Datenschutzgrundverordnung können Kassen einige Leistungen, etwa für chronisch Kranke, nicht mehr anbieten. Da ist uns einiges an Umsatz weggebrochen.
Wie wird sich die Anzahl der Arbeitsplätze entwickeln?
Unsere Mitarbeiter sind seit jeher unser besonderes Gut. Gerade in den medizinischen Bereichen ist es schwer, verlässliche und innovative Mitarbeiter zu finden. Täglich müssen für das Inland zum Teil über 6000, in den vergangenen Wochen sogar bis zu 9000 Anrufe und Beratungen bewältigt werden. Die Gespräche benötigen zudem bis heute deutlich mehr Zeit, was einen höheren Personalaufwand verursacht. Unter der Annahme, dass sich die Pandemie und deren Auswirkungen spätestens im Frühjahr 2021 begrenzen, rechnen wir mittel- und langfristig sogar mit einer positiven Mitarbeiterentwicklung. Nicht nur im Inland, sondern auch weltweit. In allem Schlechten gibt es ja auch das Gute und das Gute in der Pandemie ist sicher die sprunghaft gestiegene Akzeptanz digitaler Gesundheitsangebote. Waren früher die Patienten noch skeptisch und nutzten die digitalen Angebote nur zögerlich, so hat sich dies praktisch über Nacht deutlich gewandelt. Zusammen mit den neuen Möglichkeiten wie digitales Rezept, digitale Krankenakte, ärztliche Videosprechstunde und der telemedizinischen Betreuung, eröffnet dies ganz neue Chancen für die Gesundheitsversorgung der Zukunft. Und gerade hier sind wir sehr gut aufgestellt. Wir verfügten schon 2016 über die modernsten telemedizinischen Arbeitsplätze zur ärztlichen Videosprechstunde. Wir waren damals der Zeit voraus. Im Übrigen auch die DAK Gesundheit, die damals als erste Kasse die Videosprechstunde angeboten hat.
Zur Gruppe gehören von vormals 11 inzwischen 18 Gesellschaften, darunter die MD Medicus Reiseservice GmbH. Ist diese genauso betroffen wie Reisebüros?
Ja, auch die Mitarbeiter des Reisebüros, das ja eng mit dem Auslandsbereich verzahnt ist, mussten wegen Arbeitsmangels in Kurzarbeit.
Ihrer Einschätzung nach zählt MD Medicus zu den führenden und besonders innovativen Unternehmen in der Branche. Welches sind die jüngsten Neuerungen?
Zu den jüngsten Neuerungen zählen sicher unsere Gesundheits-Apps und die vielfältigen, digitalen Lösungen und Angebote, die wir in den letzten Jahren mit unserer Tochtergesellschaft I 42 entwickelt haben und die jetzt mit der allgemeinen Modernisierung des Gesundheitswesens erst richtig ihre Wirkung entfalten können. Wir haben – und das wurde ja in der Pandemie sehr deutlich – ein hervorragendes Gesundheitssystem, das durch die neuen, digitalen Angebote wieder ein Stück besser wird und wir freuen uns darauf, hierbei eine Rolle spielen zu können. Und dies nicht nur wie viele Start-ups ohne Erfahrung und auf Deutschland begrenzt, sondern mit der Kompetenz aus nahezu drei Jahrzehnten weltweit.
Hätte eine dieser Apps nicht auch jetzt in der Corona-Krise eingesetzt werden können?
Aus Sicht unserer technischen Entwickler hat eine App aus unserem Haus bereits den Großteil der hierfür erforderlichen Funktionalität erfüllt. Wir haben daraufhin den Ludwigshafener CDU-Bundestagsabgeordneten Torbjörn Kartes davon in Kenntnis gesetzt. Wir haben es als selbstverständlich angesehen, die App kostenlos zur Verfügung zu stellen. Natürlich hätten wir auch die Kosten der Anpassungen getragen, die unsere Entwickler innerhalb von 14 Tagen hätten erledigen können. Herr Kartes hat uns informiert, dass er unser schriftliches Angebot an das Bundesgesundheitsministerium weiterleitet. Dies war am 28. März. Eine Antwort von Gesundheitsminister Jens Spahn oder seinem Ministerium ist hinsichtlich der Tatsache, dass nun endlich vor einigen Wochen die von der Regierung in Auftrag gegebene App zumindest einem Teil der Bevölkerung mit moderneren Endgeräten zugänglich gemacht wurde, auch nicht mehr zu erwarten.