Nachruf RHEINPFALZ Plus Artikel Kapitalismuskritiker Jean Ziegler gestorben

Er war Soziologe, Bestsellerautor, UN-Funktionär und einer der bekanntesten Kapitalismuskritiker Europas. Mit seinen Büchern, Vo
Er war Soziologe, Bestsellerautor, UN-Funktionär und einer der bekanntesten Kapitalismuskritiker Europas. Mit seinen Büchern, Vorträgen und Provokationen machte Jean Ziegler die Schweiz und die globale Wirtschaftsordnung zum Gegenstand heftiger Debatten.

Mit scharfen Attacken auf die Ungleichheit der Weltwirtschaft wurde Jean Ziegler weit über die Schweiz hinaus bekannt. Jetzt ist er im Alter von 92 Jahren gestorben.

Zum Abschied herrschte Che Guevara den erwartungsfrohen Jean Ziegler an: „Du bleibst hier in Europa. Im Hirn des kapitalistischen Monsters musst du kämpfen.“ Der junge Schweizer hatte davon geträumt, an der Seite des berühmten Revolutionärs den Kapitalismus in Lateinamerika zu Fall zu bringen. Doch Che, der 1964 als Regierungsmitglied Kubas an einer UN-Konferenz teilgenommen hatte, blieb hart. Er stieg alleine in den Zug am Genfer Bahnhof und fuhr davon. Die Geschichte gehörte zu Zieglers Standardrepertoire, wann immer er aus seinem turbulenten Leben berichtete. „An Che denke ich jeden Tag“, sagte Ziegler dann mit einem Hauch von Melancholie.

Von Hans zu Jean

Nun ist der frühere Soziologieprofessor, Bestsellerautor, UN-Funktionär und Selbstdarsteller gestorben. Der stets höflich und humorvoll auftretende Ziegler galt als einer der erfolgreichsten Kapitalismuskritiker weltweit; seine Bücher werden noch immer in Deutschland, den USA, Afrika und selbst Korea verkauft. Lehrtätigkeit und Verlagseinkünfte erlaubten Ziegler selbst ein sorgenfreies Leben: Sein Hang zu feinem Zwirn und ein Anwesen in den Genfer Weinbergen bezeugten eine Affinität zur Bourgeoisie, die er öffentlich geißelte. Die Bilanz des eigenen Schaffens fiel selbstbewusst aus: „Ich glaube, dass ich einige Leute zum Nachdenken gebracht habe.“ Vor allem aber brachte Ziegler etliche Menschen in Rage.

Geboren wurde er 1934 als Sohn eines Richters und Armeeoberst im beschaulichen Thun. Er erhielt den Namen Hans. Nach dem Abitur flüchtete Hans aus dem bürgerlich-muffigen Elternhaus. In Paris ließ er sich von Kommunisten inspirieren und bewunderte während des Studiums den Philosophen Jean-Paul Sartre. Der junge Ziegler konvertierte gleich mehrdimensional: vom Protestanten zum Katholiken zum Agnostiker, von der Jurisprudenz zur Soziologie, von der gemäßigten Linken zum harten Sozialismus, vom Deutschen als Arbeitssprache zum Französischen – und von Hans zu Jean.

Seinen ersten großen Coup landete der frühere sozialdemokratische Abgeordnete 1976 mit dem Buch „Eine Schweiz, über jeden Verdacht erhaben“. Ziegler zeichnete nach, wie Helvetiens Konzerne sich auf Kosten der Ärmsten bereichern. Zieglers Landsleute reagierten empört – nicht über die Firmen, sondern über Ziegler. Der Gescholtene legte 1990 nach. In „Die Schweiz wäscht weißer“ prangerte er die eidgenössischen Banken als „Finanzdrehscheibe des internationalen Verbrechens“ an. Im Jahr 1997 veröffentlichte Ziegler „Die Schweiz, das Gold und die Toten“. Sätze wie „Hitler war ein Traumkunde für unsere Banken“ brachten Ziegler endgültig den Ruf des Nestbeschmutzers ein.

„Blutsaugende Konzerne“

Ziegler teilte auch auf der großen Bühne aus: Als UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung bezichtigte er in den 2000er Jahren Israel, aus dem Gaza-Streifen ein „Konzentrationslager“ für Palästinenser gemacht zu haben. Während des jüngsten Gaza-Kriegs prangerte der Eidgenosse den israelischen „Staatsterror“ an, er verurteilte aber auch den verheerenden Hamas-Überfall.

Doch Zieglers überspitzte Rhetorik und seine ständigen Attacken gegen die „blutsaugenden Konzerne“ verloren in seinen letzten Lebensjahren an Wirkung. Seine Bücher glichen einem Fortsetzungsroman, in dem ein selbstloser Ziegler unentwegt für das Gute kämpft. Kopfschütteln löste Ziegler auch mit seiner Nähe zu Diktatoren wie Libyens Muammar al-Gaddafi und Kubas Fidel Castro aus. „Ich stehe uneingeschränkt hinter dem kubanischen Modell“, beharrte Ziegler bis ins hohe Alter. In einem Nachruf schrieb nun die Neue Zürcher Zeitung, die sich immer wieder an Ziegler rieb: „Auch wenn er es mit der Wahrheit nicht immer so genau nahm und ein Faible für Autokraten hatte: Er behielt in vielem recht.“

x