Energiekrise
Iran als Retter in der Not?
„Der Winter naht.“ Mit dem Zitat aus der Erfolgsserie „Game of Thrones“ entwirft der iranische Regierungsberater Mohammed Marandi ein Horrorszenario für Europa. „Es wird kalt, und sie haben eine große Energiekrise“, sagte Marandi jetzt im Sender Al-Dschasira über die Europäer. Der Iran, der die zweitgrößten Erdgasvorräte der Welt besitzt, bietet sich als Retter in der Not an. Theoretisch könnten die Iraner und andere Gas-Exporteure im Nahen Osten und am östlichen Mittelmeer den Europäern helfen, den Stopp russischer Lieferungen auszugleichen. Technische und politische Probleme machen schnelle Lösungen aber schwierig.
Der Iran will seine Öl- und Gasexporte steigern, sobald er sich mit dem Westen auf ein neues Atomabkommen geeinigt hat und die westlichen Sanktionen abgebaut werden; die Verhandlungen darüber stehen kurz vor dem Abschluss. Weil der Iran in den vergangenen Jahren viel Öl in Tanks und auf Schiffen lagerte, könnte er es schnell auf den Markt bringen.
Kein verlässlicher Exporteur
Beim Gas sieht es anders aus. Wegen veralteter Anlagen und Misswirtschaft kann die Islamische Republik nicht einmal das eigene Land stabil mit Gas versorgen, geschweige denn Europa. Die Mängel der Infrastruktur würden selbst bei einer sofortigen Aufhebung der Sanktionen rasche Gaslieferungen nach Europa unmöglich machen, sagte der frühere iranische Botschafter in Deutschland, Ali Majedi. Fest steht, dass der Iran kein verlässlicher Exporteur ist: Wegen einer Kältewelle im eigenen Land stoppte Teheran im Januar vorübergehend die Gasausfuhr in die Türkei.
Anders als der Iran verfügen Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), die südlichen Nachbarn des Iran am Persischen Golf, nicht nur über viel Gas, sondern auch über eine moderne Infrastruktur. Katar ist einer der führenden Exporteure von Flüssiggas per Schiff und kündigte kürzlich die Erschließung eines riesigen neuen Gasfeldes im Golf an. Westliche Energiekonzerne beteiligen sich an dem Milliardenprojekt, das die Produktion von Flüssiggas in Katar von derzeit 77 Millionen Tonnen im Jahr auf 126 Millionen Tonnen steigern soll – allerdings erst in fünf Jahren. In diesem Winter wird Katar den Europäern kaum helfen können, weil das meiste Gas aus dem Emirat bereits Abnehmern in Asien versprochen ist. Die VAE sagten im Juli die Lieferung von Erdgas an Frankreich zu, doch das reicht nicht, um die europäische Gas-Krise zu entschärfen.
Kein Gas abzugeben
Auch die Ölnation Saudi-Arabien hat große Vorräte an Erdgas: Das Königreich liegt nach Angaben des US-Energieministeriums in der Liste der weltweit größten Produzenten nach Russland, Iran, Katar, den USA und Turkmenistan an sechster Stelle. Allerdings verbraucht Saudi-Arabien sein Gas selbst und exportiert nichts davon. Auch der Irak hat kein Gas abzugeben, im Gegenteil: Er importiert Erdgas aus dem Iran. Kuwait produziert schon seit mehr als zehn Jahren weniger Gas als es verbraucht und muss ebenfalls Gas aus anderen Nahost-Ländern einführen.
Einer der Lieferanten für Kuwait ist das Sultanat Oman, das seine Gasproduktion seit Jahren verstärkt, auch weil die Ölvorräte des Landes an der Südostspitze der Arabischen Halbinsel zur Neige gehen. Allerdings sind die Gasreserven in Oman bei weitem nicht groß genug, um Europa zu retten.
Projekt einer Rohrleitung gescheitert
Auf der Suche nach Ersatz für russisches Gas wendet sich die EU auch an Ägypten und Israel, vor deren Küsten riesige Gasvorräte entdeckt wurden. Beide Länder produzieren bereits Gas und unterzeichneten im Juni mit EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen ein Abkommen über die Lieferung von israelischem Gas an ägyptische Anlagen, wo es für den Schiffstransport nach Europa verflüssigt werden soll. Israel kann Russland als Hauptlieferant für Europa aber nicht ersetzen. Das Land exportierte zuletzt rund sieben Milliarden Kubikmeter Gas im Jahr – das waren 4,5 Prozent der Menge, die Russland 2021 nach Europa schickte.
Ursprünglich hatten Europäer, Israelis und Ägypter wesentlich ehrgeizigere Pläne. Sie wollten eine fast 2000 Kilometer lange und sechs Milliarden Euro teure Pipeline bauen, die Gas aus dem östlichen Mittelmeer zu den europäischen Verbrauchern bringen sollte. Rund 20 Milliarden Kubikmeter Gas im Jahr sollten durch die Rohrleitung „EastMed“ fließen. Doch das Projekt scheiterte an politischen Spannungen mit der Türkei und an den hohen Kosten.