Politik
Russland und Iran: Das Bündnis der Ausgestoßenen
Die Ankunft eines Güterzugs in einer Kleinstadt ist normalerweise kein Ereignis, das die Anwesenheit hoher Staatsvertreter erfordert. Doch als vor einem Monat ein Zug mit 39 Containern aus Russland in der iranischen Grenzstadt Saracks einlief, war Irans Vizepräsident Mohammed Mokhber zur Stelle, um den Schienentransport als Beginn eines neuen Kapitels in den Beziehungen zwischen seinem Land und Russland zu würdigen.
Der russische Container-Zug erreichte den Iran nach einer 3800 Kilometer langen Fahrt über Kasachstan und Turkmenistan. Ziel der Ladung war Indien: Nach weiteren 1600 Kilometern durch den Iran kam sie im Hafen Bandar Abbas an. Von dort aus ging es per Schiff nach Mumbai. Mit der Lieferung erprobten Russland und der Iran ihren Internationalen Nord-Süd-Transitkorridor (INSTC), der russische Exporte nach Asien mit iranischer Hilfe erleichtern soll.
Bis zu 300 Millionen Tonnen Fracht jährlich
Der INSTC ist kürzer als der 16.000 Kilometer lange Seeweg von St. Petersburg um Europa herum und durch den Suez-Kanal nach Indien. Die Landverbindung hat einen westlichen Strang über Aserbaidschan, einen mittleren über das Kaspische Meer und einen östlichen über Kasachstan. So sollen künftig jährlich bis zu 300 Millionen Tonnen an Fracht über den INSTC rollen. Der Iran verdient dabei an den Transitgebühren.
Geplant wird der INSTC schon seit zwei Jahrzehnten, doch erst die westlichen Sanktionen wegen des Ukraine-Krieges haben Russland dazu bewogen, das Projekt zu beschleunigen. Präsident Wladimir Putin sagte bei einem Besuch in Teheran im Juli, Russland könne den Bau einer 146 Kilometer langen Schienenstrecke im Iran übernehmen, um eine Lücke in dem Transitkorridor zu schließen.
Erfahrung mit Sanktionen
Ihre gemeinsamen Interessen als Länder im Bannstrahl internationaler Sanktionen entdecken der Iran und Russland auch in anderen Bereichen. Das russische Gasunternehmen Gazprom will in den kommenden Jahren bis zu 40 Milliarden Dollar in die Ausbeutung iranischer Gas- und Ölfelder investieren. Vor wenigen Tagen brachte eine russische Trägerrakete einen iranischen Satelliten ins All, der nach Einschätzung westlicher Experten von Russland genutzt werden könnte, um den Kriegsgegner Ukraine zu überwachen. Der Iran dementiert.
Für Russland ist der Iran auch wegen seiner Erfahrung mit Sanktionen ein interessanter Partner. Die Islamische Republik unterliegt seit ihrer Gründung 1979 fast ununterbrochen amerikanischen Strafmaßnahmen. Staat und Privatunternehmen wissen deshalb, wie man trotz Handelsblockaden offiziell gesperrte Güter importiert oder Öl exportiert. So verschifft der Iran laut Regierung trotz des internationalen Öl-Embargos wegen seines Atomprogramms eine Million Barrel (159 Liter) Öl pro Tag. Hauptabnehmer ist China.
Nicht nur Gemeinsamkeiten
Die Reparatur von Verkehrsflugzeugen ist ein weiteres Beispiel dafür, wie die Iraner den Russen helfen können. Russische Unternehmen bekommen wegen der Sanktionen keine Ersatzteile von Boeing oder Airbus mehr und mussten schon einige ihrer Maschinen zerlegen, um an Ersatzteile zu kommen. Nun aber unterzeichneten Teheran und Moskau eine Vereinbarung über die Lieferung von Flugzeugteilen aus dem Iran an Russland. Der Iran könne sich Ersatzteile trotz der Sanktionen aus Drittländern besorgen, meldete die russische Nachrichtenagentur Tass. Zudem sind iranische Techniker geübt im „Reverse Engineering“. Dabei werden fertige Produkte auseinandergebaut und analysiert, um sie nachzubauen.
Die Bäume der neuen iranisch-russischen Freundschaft dürften allerdings nicht in den Himmel wachsen. Denn viele Iraner misstrauen den Russen. Außerdem ergeben sich aus der Zwangslage der Sanktionen nicht nur Gemeinsamkeiten, sondern inzwischen auch Rivalitäten. Seit Russland sein eigenes Öl wegen der Sanktionen mit starken Preisnachlässen anbietet, hat der Iran ebenfalls seine Preise senken müssen.