Industrie RHEINPFALZ Plus Artikel IG Metall will mehr „Made in Europe“

Die IG-Metall-Vorsitzende Christiane Benner erwartet von der neuen Bunderegierung rasche industriepolitische Maßnahmen
Die IG-Metall-Vorsitzende Christiane Benner erwartet von der neuen Bunderegierung rasche industriepolitische Maßnahmen

Die IG Metall fordert die Europäer auf, bei der Herstellung industrieller Erzeugnisse „lokale“ Komponenten vorzuschreiben.

Die Zukunft der Industrie in Deutschland und Europa treibt die IG Metall um. Um deren Niedergang aufzuhalten, forderte Jürgen Kerner, Zweiter Vorsitzender der Gewerkschaft, am Montag eine „europäische local-content-Strategie“. Deren Ziel müsse es sein, die industrielle Wertschöpfung in Europa zu vergrößern. Um das zu erreichen, sollten alle industriellen Produkte, die in Europa verkauft werden, einen Mindestanteil von in Europa hergestellten Komponenten enthalten. Dabei müsse die Wertschöpfung nicht zu 100 Prozent in Europa erfolgen, „aber 0 Prozent ist genauso falsch“. Für Produkte, die die Vorgaben nicht erfüllten, könnten Zölle eine „Übergangslösung“ sein – „wahrscheinlich“ werde es am Anfang nicht anders gehen, sagte Kerner.

Europa brauche eine Antwort auf die nationalen Industriestrategien der USA und Chinas, forderte Kerner mehr europäische Zusammenarbeit in der Industriepolitik. Der neue US-Präsident Donald Trump verfolgt eine aggressive Politik des „America first“. Trump will Unternehmen, die Geschäfte in den USA machen, dazu zwingen, auch dort zu produzieren.

„Nur noch einen Schuss frei“

Mit Blick auf Befürchtungen, dass sich Unternehmen aus Drittländern bei einer „local-content-Strategie“ der Europäer wegen der dort niedrigeren Lohnkosten vor allem in Osteuropa niederlassen könnten, sagte Kerner, Europa brauche insgesamt mehr industrielle Wertschöpfung – „wir müssen den Kuchen vergrößern“. Wenn chinesische Autohersteller planten, in Deutschland zu produzieren, dann seien sie aus Sicht der IG Metall genauso willkommen wie US-Autobauer – vorausgesetzt, dass sie ausreichend in Europa produzierte Teile in ihren Fahrzeugen verbauten.

Wie dramatisch die IG Metall die Lage einschätzt, machte die Gewerkschaftsvorsitzende Christiane Benner deutlich. „Wir haben nur noch einen Schuss frei“, beschrieb Benner die dringende Notwendigkeit, den Wandel der Industrie in Deutschland zu gestalten und voranzutreiben und damit auch Arbeitsplätze zu sichern. Das dulde keinen Aufschub.

Musks Auftreten „Wahnsinn“

Benner forderte eine „Joboffensive“ und sagte, die neue Bundesregierung müsse ein Sofortprogramm für industrielle Arbeitsplätze vorlegen. Deutschland verfüge über die Fähigkeiten, die notwendigen Veränderungen zu meistern, aber derzeit fehle es an den Voraussetzungen. „Wir haben richtig etwas zu verlieren“, verwies sie darauf, dass der Anteil der Industrie an der Bruttowertschöpfung in Deutschland höher sei als in anderen vergleichbaren Industrieländern.

Benner brachte auch ihre Sorge vor dem Erstarken extremer politischer Kräfte zum Ausdruck. Dem US-Milliardär Elon Musk, der wiederholt zur Wahl der AfD aufgerufen hat, warf sie mit Blick auf dessen Auftreten und Äußerungen „totalitäres Verhalten“ vor. Musks Agieren sei inakzeptabel und überschreite Grenzen. „Das ist schon Wahnsinn“, ließ die Gewerkschaftsvorsitzende erkennen, dass sie so etwas bis vor Kurzem noch für unvorstellbar gehalten hat.

Gewerkschaft verliert Mitglieder

Die Krise der deutschen Industrie bekommt auch die IG Metall zu spüren. Deren Mitgliederzahl sank 2024 auf knapp 2,1 Millionen. Das Minus von 1,9 Prozent sei vor allem durch den Stellenabbau in der Metall- und Elektroindustrie und den demografischen Wandel zu erklären, sagte Jürgen Kerner zu diesen Zahlen. Aber auch der Hinweis des Zweiten Vorsitzenden, dass es sich dabei um einen „moderaten“ Rückgang handele, ändert nichts daran, dass die größte deutsche Einzelgewerkschaft seit 2018, als sie noch gut 2,27 Millionen Mitglieder zählte, mehr als 170.000 Mitglieder verloren hat.

In Rheinland-Pfalz waren Ende 2024 gut 66.760 Frauen und Männer in der IG Metall organisiert, teilte die zuständige Bezirksleitung Mitte mit. Im gesamten Bezirk, der vier Bundesländer umfasst, lag das Mitglieder-Minus demnach ähnlich wie bundesweit bei zwei Prozent.

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