Einzelhandel Handelsverband: Verbote werden nicht ordentlich überwacht

Die vor Monaten bestellte Ware werden Modehändler wohl nur mit hohen Preisnachlässen verkaufen können.
Die vor Monaten bestellte Ware werden Modehändler wohl nur mit hohen Preisnachlässen verkaufen können.

Die Lager sind voll, die Läden zu. Gerade die Modehändler haben derzeit am meisten unter der Schließung zu leiden. Der Online-Vertrieb ist nach Einschätzung des Handels- und des Textilverbands für die meisten kleineren Geschäfte kein geeignetes Rezept.

Kleider- und Schuhgeschäfte, aber auch Blumen- und Schmuckläden haben nach Einschätzung des rheinland-pfälzischen Handelsverbands in der Branche am meisten unter der erneuten Verlängerung des Corona-Lockdowns zu leiden. Die Textilgeschäfte würden ihre Winterware nicht los, sagte Hauptgeschäftsführer Thomas Scherer. Einmotten der Ware oder der Weg über Großaufkäufer und Online-Verkäufe seien keine praktikablen Alternativen. Nach Einschätzung von Steffen Jost, Präsident des Bundesverbands Textil, stehen Modehändler noch vor einem weiteren Problem. Angesichts der branchenüblichen sehr langen Vorlaufzeit träfen jetzt die vor über einem halben Jahr verbindlich bestellten Sommerkollektionen ein. Viele Händler seien aber finanziell ausgezehrt, sagt Jost, geschäftsführender Gesellschafter des gleichnamigen Grünstadter Modehauses, zu dem Geschäfte in Frankenthal, Landau, Worms und Bruchsal gehören.

Floristen im Land sauer

„Die Floristen in Rheinland-Pfalz sind sauer, weil in Hessen und anderen Bundesländern die Läden geöffnet haben dürfen“, berichtete Scherer. Zudem werde in SB-Märkten oder Discountern, die geöffnet haben dürfen, derzeit stark für Blumen und Pflanzen geworben. „Das bringt die inhabergeführten Floristikläden auf die Palme“, sagte er. In einigen großen SB-Warenhäusern, die früher eigentlich keine oder nur ganz wenige derartige Waren in ihrem Sortiment geführt hätten, gebe es nun „ganze Regalreihen voll mit Blumensträußen, wo früher Obst und Gemüsen standen“. Laut Verordnung dürfte es eigentlich keine Sortimentserweiterung geben, „doch das wird anscheinend nicht ordentlich überwacht“, kritisierte Scherer.

Auch für Juweliere und Schmuckgeschäfte sehe es schlecht aus, sagte er. „Da geht es um emotionale Einkäufe, Kunden wollen intensiv beraten werden und die Halskette oder Armbanduhr auch einmal anprobieren.“ Und das gehe nicht, weil die Geschäfte derzeit nur Reparaturen annehmen dürften.

Textilhändler und Schuhgeschäfte werden es nach Scherers und Josts Einschätzung schwer haben, Wintermode loszuwerden. Wenn die Läden im Frühjahr wieder öffnen dürften, werde kaum Nachfrage nach Skijacken, Mänteln oder Pullis bestehen. Kaum ein Laden habe genug Lagerfläche, um die Ware für die nächste Wintersaison aufzuheben – vom ständigen Wandel der Mode ganz abgesehen. „Das wird man auch in der nächsten Saison kaum noch verkaufen können oder wenn, dann nur mit hohen Preisnachlässen.“ Zudem könne auch der Online-Verkauf die dramatische Lage kaum abmildern. Zum einen seien die Kundenfrequenzen des stationären Handels nicht aufzufangen. „Mit dem Online-Handel ist das stationäre Geschäft nicht zu retten“, ergänzte Jost.

Die versprochenen staatlichen Hilfen funktionieren nach Angaben von Thomas Scherer nicht. „Das fängt schon damit an, dass die Schließungszeiträume nicht deckungsgleich mit den Entschädigungszeiträumen sind. Das heißt, dass für die Berechnung von Ansprüchen der komplette Dezember-Umsatz herangezogen wird und nicht erst die zweite Hälfte, als die Läden schließen mussten.“ Viele Betriebe kämen daher nicht auf den Mindestumsatzverlust von 30 Prozent, den sie brauchten, um die Hilfen zu erhalten. Auch große Unternehmen mit ihren Filialen hätten Probleme, denn sie bekämen keine Unterstützung, wenn sie mehr als 750 Millionen Euro Jahresumsatz hätten.

Unzureichende Förderung

Der Online-Verkauf ist nach Einschätzung des Verbands für die meisten kleinen Einzelhändler kein Rezept gegen den Lockdown. „Im Internet müssen kleine Läden erst einmal gefunden werden, da liegen die großen Versandhändler und Plattformen bei den Suchergebnissen immer auf den ersten Seiten.“ Gleichzeitig können die höheren Kosten wegen Retouren oder durchs Verschicken den Gewinn deutlich schmälern. Er wisse etwa von einem Ladeninhaber, der wegen des Lockdowns versucht habe, seine Textilien über eine große Online-Plattform zu vertreiben, berichtete Scherer. Unterm Strich habe der Händler wegen hoher Versandkosten nicht einmal den Einkaufspreis erzielen können. Unter Umständen gehen diese Händler sogar bei den Unterstützungsleistungen leer aus. Denn wenn ihr Umsatzverlust nicht groß genug ist, fielen sie durchs Raster. „Solchen Händlern fällt dann auf die Füße, dass sie fleißig und innovativ waren“, kritisiert Scherer.

Der Hauptgeschäftsführer bemängelte auch eine unzureichende Förderung kleiner Einzelhändler in Rheinland-Pfalz beim Aufbau eines Online-Vertriebs. In den Nachbarländern Hessen, Baden-Württemberg und dem Saarland sei das besser gewesen. „Die Innovationsförderung des Landes hat sich nicht auf die Digitalisierung der Prozesse bezogen, was für den Handel wichtig gewesen wäre und von uns gefordert wurde“, sagte Scherer. Das in Aussicht gestellte Förderprogramm „Digi-Booster“ des Landes ab 1. März hätte es schon vor zwei, drei Jahren geben müssen.

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