Industrie
Heger: Ende für Gießerei-Standort Enkenbach
60 Tonnen – das ist die Menge an Eisenguss, die in einer einzigen Windkraftanlage verbaut wird. Ginge es nach Johannes Heger, könnte sein Unternehmen Tag für Tag die nötigen Gussteile für jeweils ein Windrad liefern.
Heger ist Geschäftsführender Gesellschafter der Heger-Gruppe mit Hauptsitz in Enkenbach-Alsenborn. Sein Unternehmen gehöre, sagt Heger, zu den deutschlandweit fünf Gießereien, die Gussteile für Windkraftanlagen produzieren. Die Anzahl solcher Gießereien nehme ab, die Branche konzentriere sich. Es herrsche international ein starker Wettbewerb, wobei die stärksten Mitbewerber in China und Indien säßen, beschreibt er die Situation in der Branche.
Großteil des Umsatzes mit Teilen für Windräder
Die Heger-Gruppe beliefert Hersteller von Windkraftanlagen in Deutschland und in Skandinavien. Dieses Geschäftsfeld steht für 80 Prozent des Umsatzes in Höhe von 60 Millionen Euro. Die übrigen 20 Prozent entfallen auf Motoren, die Generatoren antreiben, sowie auf Kompressoren. „Fast alle unsere Gussteile haben etwas mit Energieerzeugung zu tun“, sagt Heger. Deshalb sei er davon überzeugt, dass sein Unternehmen langfristig gute Perspektiven habe.
Kurzfristig aber sieht das anders aus. Es sind nicht nur die gestiegenen Kosten für Material und vor allem für Energie, die dem Gießereiunternehmen mit seiner energieintensiven Produktion zu schaffen machen: Allen hehren Worten von der Notwendigkeit und Dringlichkeit einer Wende hin zu mehr erneuerbaren Energien stockt in Deutschland der Ausbau von Windkraftanlagen. So wurden im vergangenen Jahr laut Bundesverband Windenergie bundesweit 484 neue Windkraftanlagen mit einer Leistung von 1925 Megawatt errichtet – im gleichen Zeitraum wurden 230 Anlagen stillgelegt. Und im ersten Quartal 2022 wurde in ganz Rheinland-Pfalz ein einziges neues Windrad in Betrieb genommen.
57 Mitarbeiter von Umstrukturierung betroffen
Die Folgen der schleppenden Entwicklung bekommt auch die Heger-Gruppe zu spüren. Seit Mitte 2018 stecke der Ausbau von Windrädern in der Krise, weshalb die Kapazitäten seines Unternehmens nicht ausgelastet seien, sagt Heger. Diese Kapazitäten verteilen sich derzeit auf zwei Standorte: Auf den Gründungsstandort Enkenbach, wo seit 1902 gegossen wird (Heger-Guss), und auf das Werk in Sembach, das 2009 in Betrieb genommen wurde (Heger-Ferrit). Insgesamt rund 200 festangestellte Mitarbeiter sind in der Produktion tätig. Teile von bis zu 30 Tonnen können bei Heger gegossen werden.
Künftig aber wird es nur noch eine Gießerei geben – die in Sembach. „Wir haben entschieden, in Enkenbach nicht mehr zu gießen“, sagt Johannes Heger. Von dieser Entscheidung seien 57 Mitarbeiter betroffen. Es sei ein Sozialplan ausgearbeitet worden und allen Betroffenen sei angeboten worden, „unter gleichen Bedingungen“ von Enkenbach ins sechs Kilometer entfernte Sembach zu wechseln, erläutert Heger und betont: „Wir müssen keinem Mitarbeiter kündigen“.
Weitere Bearbeitung verbleibt in Enkenbach
Ab September wird Enkenbach, wo auch die Verwaltung der Heger-Gruppe sitzt, nicht mehr gegossen, was aber nicht das Ende des Standorts bedeuten soll. Die gegossenen Teile würden dort auch in Zukunft weiter bearbeitet und und für den Verkauf und Versand fertig gemacht. „Dieser Teil der Wertschöpfungskette bleibt am Standort Enkenbach“, bekräftigt Johannes Heger. 31 in Enkenbach verbleibende Mitarbeiter sollen diese Arbeit erledigen.
Der Standort Sembach sei moderner und produktiver, erläutert Johannes Heger die Gründe für die Entscheidung. Heger-Guss als Firma werde es weiter geben, Heger-Ferrit wachse. In Sembach gebe es auch die Möglichkeit, die Gießerei-Kapazität bei Bedarf zu erhöhen.
Das könnte der Fall sein, wenn der Ausbau von Windenergieanlagen wieder Fahrt aufnimmt. Einige Weichen in diese Richtung hat die Ampel-Koalition in Berlin bereits gestellt. So haben Bundestag und Bundesrat im Juli das „Wind-an-Land-Gesetz“ gebilligt. Ein Ziel des Gesetzes ist es, die Planungs- und Genehmigungsverfahren für Windkraftanlagen zu beschleunigen. Zudem sollen bundesweit bis spätestens 2032 zwei Prozent der Fläche für Windenergie an Land ausgewiesen werden. Um das zu erreichen, werden den Bundesländern verbindliche Flächenziele vorgegeben.
Staat soll Windfarmen betreiben
Gleichwohl, sagt Johannes Heger, bestehe für Investoren an zwei wichtigen Punkten Unsicherheit. Das betreffe zum einen die Frage, zu welchem Preis sie Windkraft-Strom künftig verkaufen können. Zum anderen sei unklar, wie schnell Windkraft-Projekte tatsächlich realisiert werden können.
Zu einer funktionierenden Infrastruktur gehöre aber eine ausreichende und sichere Stromversorgung, sagt Heger, der nicht nur Unternehmer, sondern auch Präsident der pfälzischen Metall-Arbeitgeber (Pfalzmetall) und seit kurzem zudem Präsident der Landesvereinigung Unternehmerverbände Rheinland-Pfalz (LVU) ist. Dafür zu sorgen, sei aber zunächst keine privatwirtschaftliche Aufgabe.
Deshalb spricht sich Heger dafür aus, dass der Staat für „eine Übergangsphase“ als Betreiber von Windkraftanlagen und Windfarmen auftreten solle. Seinen Vorstoß, der aus dem Mund eines privaten Unternehmers überraschen mag, begründet der 56-Jährige kurz und knapp: „Bevor wir 2030 feststellen, dass die Energiewende gescheitert ist, muss der Staat die Energiewende in die Hand nehmen.“