E-Mobilität RHEINPFALZ Plus Artikel „Die Zukunft fährt elektrisch“: Warum die Autoindustrie weiter ist als die Politik

ID.3-Produktion im VW-Werk Zwickau.
ID.3-Produktion im VW-Werk Zwickau.

Deutschlands Autobauer gelten als Bremser. Eine aktuelle Studie sieht das anders: Transformationsforscherin Karoline Rogge erklärt, warum die Branche gespalten ist.

Frau Rogge, Ihre Studie legt nahe, dass die Debatte über die Autoindustrie ein verzerrtes Bild zeichnet. Diskutiert Deutschland womöglich noch über die Vergangenheit – während große Teile der Branche längst weiter sind?
Ja, diesen Eindruck habe ich tatsächlich. Unsere Daten zeigen, dass ein Großteil der Unternehmen bereits mitten in der Transformation zur Elektromobilität angekommen ist. Gleichzeitig gibt es durchaus Nachzügler – aber sie machen nur einen kleineren Teil der Unternehmen aus. In der öffentlichen Debatte wird die Branche dennoch häufig pauschal als blockierend dargestellt. Das greift zu kurz. Viele Unternehmen, gerade im Mittelstand, haben längst erhebliche Investitionen getätigt und ihre Innovations- und Produktionsstrategien auf die Elektromobilität ausgerichtet. Während politisch noch über den Verbrenner gestritten wird, arbeiten diese Firmen bereits an den Technologien von morgen. Was sie jetzt brauchen, sind vor allem stabile und verlässliche Rahmenbedingungen.

Sie schreiben sinngemäß, dass vor allem Nachzügler den politischen Diskurs prägen. Warum gelingt es vergleichsweise kleinen Gruppen oft, in Transformationsdebatten besonders laut und wirkmächtig zu erscheinen?
Das lässt sich aus zwei Perspektiven erklären. Erstens bekommen konfliktorientierte Positionen naturgemäß mehr Aufmerksamkeit als kontinuierliche Anpassungsprozesse. Zweitens fehlte bislang eine differenzierte Datengrundlage, um diese Unterschiede sichtbar zu machen. Unsere Studie zeigt nun klar, dass sich die Branche in Vorreiter und Nachzügler aufspaltet – mit deutlichen Unterschieden bei Innovationsaktivitäten, Produktionsanpassungen und politischen Präferenzen. Die Vorreiter sind bereits stark auf Elektromobilität ausgerichtet und wünschen sich vor allem Verlässlichkeit – also das Festhalten am Verbrennerausstieg. Nachzügler hingegen versuchen häufiger, Anpassungsdruck abzumildern und fordern eine Aufweichung oder Abschaffung des Verbrenner-Aus. Problematisch wird es, wenn diese Unterschiede im politischen Diskurs nicht berücksichtigt werden. Dann besteht die Gefahr, dass Maßnahmen an denjenigen vorbeigehen, die bereits in die Zukunft investieren. Und das wäre für die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Automobilindustrie in den Märkten der Zukunft fatal.

Viele Manager klagen über Regulierung, zugleich wünschen sie sich Planungssicherheit. Warum entsteht diese von Ihnen beschriebene „Hassliebe“ zur Politik?
Das erscheint widersprüchlich, ist es aber nicht. In Phasen tiefgreifenden technologischen Wandels braucht es klare politische Leitplanken, damit Unternehmen langfristige Investitionen treffen können. Diese Leitplanken erzeugen aber zugleich Anpassungsdruck, weil sie bestehende Geschäftsmodelle infrage stellen – und das führt naturgemäß auch zu Widerstand. Unsere Forschung zeigt jedoch sehr deutlich: Solche Vorgaben sind nicht nur Einschränkung, sondern bieten vor allem Orientierung in einer Phase großer Unsicherheit. Sie helfen Unternehmen, strategische Entscheidungen zu treffen und Ressourcen gezielt in Zukunftstechnologien zu lenken. Entscheidend ist dabei jedoch die Glaubwürdigkeit der Politik. Unternehmen investieren dann besonders konsequent in die Elektromobilität, wenn sie den politischen Kurs als verlässlich wahrnehmen. Wechselnde Signale, insbesondere beim Verbrennerausstieg, bremsen hingegen die Innovationsdynamik.

 Karoline Rogge ist Transformationsforscherin und Professorin für Nachhaltigkeitsinnovation an der University of Sussex in Großb
Karoline Rogge ist Transformationsforscherin und Professorin für Nachhaltigkeitsinnovation an der University of Sussex in Großbritannien. Zugleich leitet sie am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) in Karlsruhe eine Forschungsgruppe zu Transformationsprozessen in Wirtschaft und Industrie.

Ihre Studie bezeichnet das Verbrenner-Aus als besonders starken Innovationstreiber. Was passiert konkret in Unternehmen, wenn ein klares Enddatum gesetzt wird?
Ein klares Enddatum entfaltet mehrere Wirkungen gleichzeitig. Es lenkt die Aufmerksamkeit des Top-Managements auf die strategische Notwendigkeit der Transformation. Es schafft Fokussierung, weil alternative technologische Pfade an Bedeutung verlieren. Es erhöht die Planungssicherheit, da sich Investitionsentscheidungen an einem verlässlichen Zeithorizont ausrichten lassen. Und es erleichtert die Koordination entlang der gesamten Wertschöpfungskette, weil sich alle Akteure an einem gemeinsamen Zeitplan orientieren.

Wie gefährlich ist der politische Zickzackkurs aus Ankündigung, Abschwächung und neuer Debatte?
Ein solcher Zickzackkurs ist aus Sicht der Unternehmen – aber auch für die gesamte Volkswirtschaft – hochproblematisch. Wenn Zweifel an der Verlässlichkeit politischer Ziele entstehen, verlieren grundsätzlich sinnvolle Maßnahmen ihre Wirksamkeit. Besonders kritisch ist diese Unsicherheit, weil sich viele Investitionen erst mittel- bis langfristig auszahlen. Die Folge sind häufig Zurückhaltung bei neuen Projekten oder die Verlagerung von Aktivitäten in stabilere Märkte. Für den Standort Deutschland kann das spürbare Konsequenzen haben – für Wertschöpfung, Wettbewerbsfähigkeit und Arbeitsplätze. Verlässliche politische Rahmenbedingungen sind eine zentrale Voraussetzung, um im globalen Innovationswettlauf bestehen zu können.

Sie haben viele Unternehmen direkt befragt. Wird die Transformationsbereitschaft der deutschen Autoindustrie unterschätzt?
Ja, das kann man so sagen. Unsere Ergebnisse zeigen, dass viele Unternehmen in der Transformation zur Elektromobilität bereits weit fortgeschritten sind. Ein Teil hat sein Geschäftsmodell sogar vollständig auf Elektromobilität ausgerichtet. Diese Dynamik wird in der öffentlichen Wahrnehmung häufig unterschätzt. Gleichzeitig sehen die Unternehmen sehr klar den internationalen Wettbewerb und den daraus resultierenden Handlungsdruck. In vielen Fällen ist die Bereitschaft zur Transformation also vorhanden; entscheidend ist, dass die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen diese Entwicklung auch tragen.

wirtautoproduktion

Ist die deutsche Debatte über das Auto aus Ihrer Sicht inzwischen stärker von Angst vor Veränderung geprägt als von strategischer Zukunftsplanung?
Ich würde sagen: Beides ist vorhanden. Es gibt nachvollziehbare Sorgen, insbesondere mit Blick auf Beschäftigung und regionale Wertschöpfung. Gleichzeitig zeigt der internationale Kontext, dass sich der technologische Wandel weiter beschleunigt und die geopolitischen Rahmenbedingungen anspruchsvoller werden. In einer solchen Situation ist entscheidend, wie Unternehmen reagieren. Unsere Daten legen nahe, dass diejenigen, die den Wandel strategisch annehmen, stärker in Zukunftstechnologien investieren. Eine zukunftsorientierte Debatte sollte daher stärker darauf abzielen, wie Wettbewerbsfähigkeit und gute Arbeitsplätze unter veränderten technologischen und geopolitischen Bedingungen gesichert werden können. Denn eins ist klar: Es gibt kein Zurück in die alte Verbrennerwelt: Die Zukunft fährt elektrisch.

Wenn Sie heute einen industriepolitischen Rat an die Bundesregierung richten könnten: Was müsste sie jetzt tun – oder unterlassen –, um die Transformation nicht auszubremsen?
Der wichtigste industriepolitische Rat ist die Wiederherstellung von Verlässlichkeit. Unternehmen benötigen klare und glaubwürdige Rahmenbedingungen, um ihre Investitionen konsequent auf den Wandel zur Elektromobilität auszurichten. Dazu gehört, einmal getroffene politische Entscheidungen nicht ständig infrage zu stellen – also am Verbrennerausstieg festzuhalten und diesen gezielt zu flankieren. Dazu zählen insbesondere Maßnahmen zur Stärkung der Nachfrage nach Elektrofahrzeugen im heimischen Markt. Entscheidend ist, durch solche flankierenden Maßnahmen die bestehende Transformationsdynamik zu stabilisieren und den aktuellen Schwung gezielt zu nutzen. Das stärkt die Vorreiter und hilft zugleich, Nachzügler mitzunehmen. Denn eines muss uns klar sein: Der globale technologische Wandel zur Elektromobilität lässt sich in Europa zwar politisch verlangsamen, aber andere Regionen – insbesondere China – werden weiterhin mit hoher Geschwindigkeit vorangehen. Genau darin liegt das Risiko: Wer den Wandel hierzulande bremst, verschlechtert die eigenen Ausgangsbedingungen im internationalen Wettbewerb. Gelingt es nicht, jetzt konsequent und verlässlich voranzugehen, riskiert Deutschland, die Chance zu verspielen, eine Führungsposition im globalen Innovationsrennen hin zur Elektromobilität einzunehmen – und damit auch zentrale Grundlagen seiner industriellen Wettbewerbsfähigkeit dauerhaft zu schwächen.

Zur Person

Karoline Rogge ist Transformationsforscherin und Professorin für Nachhaltigkeitsinnovation an der University of Sussex in Großbritannien. Zugleich leitet sie am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) in Karlsruhe eine Forschungsgruppe zu Transformationsprozessen in Wirtschaft und Industrie. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit der Frage, wie politische Rahmenbedingungen Innovationen und technologische Umbrüche beeinflussen. Ein Schwerpunkt liegt auf der Transformation von Industrie und Energiesystemen im Zuge des Klimawandels. Rogge gilt als eine der profilierten Wissenschaftlerinnen auf dem Gebiet der Innovations- und Transformationsforschung und berät regelmäßig internationale Institutionen.

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