Interview
Chef des Umweltbundesamtes: Bei Energiewende Ängste berücksichtigen
Herr Messner, bei der Diskussion über die klimafreundliche Umgestaltung des deutschen Energiesystems stehen zumeist technische Fragen im Vordergrund. Doch sind die gesellschaftlichen Probleme, die damit verbunden sind – oder auch das Mitnehmen der Menschen auf diesem Weg –, mittlerweile nicht die größere Herausforderung?
Wir haben lange gedacht, dass wir für die Bekämpfung des Klimawandels vor allem bessere Technologien und wirtschaftliche Anreizmechanismen bräuchten. Das brauchen wir alles auch tatsächlich. Aber wir haben unterschätzt, dass wir die Bürger und Bürgerinnen in diesem Prozess wirksamer mitnehmen müssen und ihre Sorgen vor finanziellen Überlastungen mitdenken müssen, weil wir ansonsten in unseren demokratischen Strukturen scheitern werden.
Ist der Wandel denn angesichts der politischen Gemengelage überhaupt noch zu erreichen? Verschiedene politische Akteure nutzen ja die damit verbundenden Ängste oder auch Belastungen für ihre Zwecke aus.
Ja, es ist machbar. Viele Bürger haben erkannt, dass wir beim Klima oder beim Artensterben große Probleme haben. In einer umfassenden Studie des Umweltbundesamtes kommt zum Ausdruck: Über 80 Prozent der befragten Menschen fordern angesichts der Herausforderungen einen klima- und umweltverträglichen Umbau der Wirtschaft. 40 Prozent sind jedoch gleichzeitig darüber besorgt, dass sie und ihre Familien in dem Umbauprozess – den sie ja einfordern – zu den wirtschaftlichen und sozialen Verlierern gehören werden. Hier muss die Politik ansetzen, denn wir können Klimaschutz und einen Ausgleich fair organisieren.
Viele Konflikte werden mit Geld entschärft. Jüngstes Beispiel: Hausbesitzer erhalten Zuschüsse, wenn sie sich eine Solarstromanlage aufs Dach montieren und mit dem Strom dann ihr E-Auto betanken. Was bedeutet: Eine in der Regel wohlhabende Gruppe bekommt Steuergeld zurück, während ärmere Schichten leer ausgehen. Sind solche Ansätze nicht fehlgeleitet, weil sie die Akzeptanz für die Energiewende unterhöhlen könnten?
Bei der sozialen Ausgestaltung des Klimaschutzes sollten wir vor allem auf jene schauen, die Unterstützung nötig haben. Rund ein Drittel in unserer Bevölkerung verfügt über keine oder über kaum Ersparnisse. Deswegen sehe ich Subventionen für diejenigen, die im Grunde für ihre Investitionen aus eigener Kraft aufkommen können, kritisch.
Gilt das auch für den CO2-Preis, der ja immer mehr Bereiche umfasst.
Der CO2-Preis ist ein wirksames Klimaschutzinstrument, dass wir gut sozial ausgestalten können. Eine höhere CO2-Bepreisung trifft zunächst Menschen mit einem kleinen Einkommen überproportional. Leute mit einem höheren Einkommen können damit leichter umgehen. Unser Vorschlag ist einfach und er steht im Koalitionsvertrag: Wir geben die Mittel pro Kopf zurück. Dann würde das untere Drittel der Gesellschaft durch die Rücküberweisung mehr zurückbekommen als sie bezahlen muss.
Das sogenannte Klimageld will die Ampel umsetzen. Das Ganze soll aber erst 2025 fertig sein ...
Das ist in der Tat spät. Da hätte rascher gehandelt werden können. Es muss im Bundesfinanzministerium ein Mechanismus entwickelt werden, wie die Auszahlung an die Bürger erfolgen soll. Was manche so nicht auf dem Radar haben: In der Europäischen Union wird ja derzeit eine zweite Säule des Handels mit Verschmutzungsrechten, also einem CO2-Preis für Verkehr und Gebäude, aufgebaut. Dafür brauchen wir allerspätestens 2027 in Deutschland, aber auch in anderen EU-Staaten, ein Entlastungssystem pro Kopf. Sonst werden sich noch mehr überfordert fühlen und Klimaschutz primär als finanzielle Belastung wahrnehmen.
Es werden Stimmen lauter, die fordern: Statt sich weiter darüber zu streiten, wie und wo man Treibhausgase einsparen kann, sollte man das dafür eingeplante Geld lieber in die Anpassung Deutschlands an den Klimawandel investieren.
Die Wahrheit ist: Wir werden beides brauchen. Wir sollten aber weiter dafür kämpfen, damit wir unter zwei Grad Celsius globaler Erwärmung bleiben. Ich sage absichtlich zwei Grad. Das Ziel 1,5 Grad Celsius ist theoretisch noch immer erreichbar, aber wenn man sich anschaut, wie sich Wirtschaft und Gesellschaft weltweit verändern, so ist das keine wirkliche Option mehr. Jenseits der zwei Grad Celsius aber werden wir auf eine andere Welt treffen. Es gibt nicht mehr „nur“ Hitzewellen, sondern ganze Ökosysteme brechen dann weg. Das grönländische Eisschild könnte komplett abschmelzen.
Nun ist in der deutschen Klimaschutzdiskussion immer wieder der Einwand zu vernehmen: Die Deutschen strengen sich besonders an, während andere wichtige Staaten kaltlächelnd abwarten. Was sind Ihre Erfahrungen?
Zunächst einmal: Wir gehören beim Klimagasausstoß zu den Top Ten. Richtig ist indes auch: Wir sind nur für zwei Prozent des jährlichen Klimagasausstoßes verantwortlich. China beispielsweise für ein Drittel. Pro Kopf betrachtet sind wir mit den Chinesen etwa auf einem Niveau; beide liegen aber weit über dem indischen Pro-Kopf-Ausstoß. Zugleich haben sich alle Staaten verpflichtet, bis 2050 auf null Emissionen zu kommen. Alle Staaten müssen Klimaneutralität umsetzen. Weil wir als Deutsche bereits in der Vergangenheit sehr viel emittiert haben, haben wir eine besondere Verantwortung. Es wird auch deswegen auf uns geschaut, weil wir die Möglichkeiten haben, es zu schaffen. Das ist zudem für uns als Exportnation wichtig.
Lesen Sie auch:
Karlsruher Forscherin: Geothermie ist heute sicherer
Batterieforscher Janek: Der „Super-Akku“ kommt nicht
Zur Sache: Die Experten im Interview
Welche Erkenntnisse ziehen Wissenschaftler aus dem bisherigen Verlauf beim Umbau der Energieversorgung? Woran forschen sie, um möglichst große Mengen an Klimagasen einzusparen? Worauf hoffen sie?
Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), der größten europäischen Forschungseinrichtung für erneuerbare Energien, haben sich kürzlich auf Einladung der Nationalen Akademie der Wissenschaften (Leopoldina) Experten und Medienschaffende ausgetauscht. Bei dieser Gelegenheit hat RHEINPFALZ-Redakteur Wolfgang Blatz Interviews mit drei Experten geführt. So soll versucht werden, zumindest drei Facetten dieses riesigen Themenfeldes, das gleichzeitig ein Problemfeld ist, zu beleuchten. Die Gesprächspartner waren:
Dirk Messner: Der Nachhaltigkeitsforscher wurde 2020 Präsident des Umweltbundesamtes, der wichtigsten deutschen Behörde in diesem Bereich. Zuvor war er unter anderem Institutsdirektor an der Universität der Vereinten Nationen in Bonn. Der Politikwissenschaftler leitete zudem als Ko-Vorsitzender den Wissenschaftlichen Beirat Globale Umweltveränderungen, der die Bundesregierung berät.
Eva Schill: Die Professorin für Geowissenschaften an der TU Darmstadt ist zugleich Ko-Sprecherin eines Forschungsbereichs am KIT, der sich mit Energiebereitstellung befasst. Dazu gehört die Wärmegewinnung aus tiefen Bodenschichten, aber auch das Speichern von Wärme oder die Lagerung von Klimagasen in der Tiefe. Um ein Projekt auf dem Gelände des KIT umzusetzen, hat sie intensiv mit Bürgerinitiativen aus den umliegenden Gemeinden verhandelt.
Jürgen Janek: Der Professor für Materialforschung an der Justus-Liebig-Universität in Gießen arbeitet an der Schnittstelle zwischen Chemie und Physik. Sein Wissen über Stoffe und die damit zusammenhängende Speicherung von Energie lässt er zudem in ein Gemeinschaftsprojekt des KIT mit dem Chemieunternehmen BASF SE einfließen.