Wirtschaft
Berliner Start-up in der Kurpfalz: Refueat bringt Streetfood per Lastenfahrrad
Nein, Essen rettet Amer Barkoumi mit seinem Streetfood-Stand Refueat nicht. Dienstags und freitags steht er am Mannheimer Hauptbahnhof und rettet sich gewissermaßen selbst: vor Job- und Perspektivlosigkeit. Der Syrer, der in Weisenheim am Sand eine neue Heimat gefunden hat, hat eine Berliner Start-up-Idee in die Kurpfalz gebracht.
Aymann Azzawi ist kaum zu bremsen. Wenn er anfängt zu erzählen, schwappt sein Temperament fast über, selbst am Telefon. Der 33-jährige Berliner, Sohn syrischer Eltern, schwärmt von seiner Geschäftsidee: Refueat. Refugee, das englische Wort für Flüchtling, steckt da drin. Denn Aymann beschäftigt Flüchtlinge aus arabischen Ländern. Und eat, essen. „Ich wollte meine Landsleute unterstützen – und der deutschen Community etwas zurückgeben“, berichtet er. „We speak Food“, wir sprechen Essen: Der Refueat-Slogan klingt ungelenk, aber das ist trendy und weckt Aufmerksamkeit.
„Danke Deutschland – wir haben euch etwas mitgebracht.“Seit 2015 lebe er in Berlin, nachdem er einige Jahre in der syrischen Heimat gewesen sei, erzählt Aymann. Zurück in Deutschland, fing er in einer Kellerküche in der Hauptstadt an, syrisches Essen zu produzieren und es in der Stadt zu verkaufen. Transportiert auf einem quietschbunten Lastenrad. Auf das erste, graffitibemusterte Gefährt folgten bald die nächsten. Acht Stück sind es inzwischen, alle individuell in Streetart-Design und zwischen 6000 und 12.000 Euro in der Anschaffung teuer. Und obwohl alle Räder anders aussehen, haben sie so etwas wie ein Corporate Design, einen Wiedererkennungswert. Die Marke Refueat ist inzwischen geschützt. So lässig Refueat daherkommt: Das Geschäft, das sein Inhaber als Start-up bezeichnet, stellte dieser auf professionelle Füße.
Jedes Refueat-Lastenrad kann 250 Kilogramm ziehen
An jedem der Gefährte, die bis zu 250 Kilogramm Gewicht ziehen und die des leichteren Transports wegen inzwischen teils motorisiert sind, hängen zwei Arbeitsplätze für Flüchtlinge. Bis zu drei auf sechs Meter groß seien die Pavillons, die so mobil und (auch) unter Einsatz von Muskelkraft an ihre Einsatzorte gebracht werden. Ziel von Refueat sei die Eingliederung der Menschen in Arbeit und Kommunikation, betont Aymann – und Sport sei die Zugabe. Es ist eine anstrengende Arbeit bei Wind und Wetter, die hungrige Menschen glücklich macht und seit gut einem Jahr auch in der Kurpfalz angekommen ist. Dienstags und freitags steht normalerweise ein Refueat-Rad am Mannheimer Hauptbahnhof, nur jetzt vor Weihnachten nicht: Da sind Märkte noch lukrativer. Bei vielen Stadtfesten und Märkten in der Region sind die fahrbaren Oriental-Streetfood-Stände inzwischen präsent. Auch bei einer Veranstaltung in der Innenstadt von Bad Dürkheim war Refueat im Herbst dabei.
Am Kurpfälzer Refueat-Stand gibt es Haluomi, einen festen Käse, in Streifen, und Falafel, Kichererbsenmehl-Bällchen, beides frisch frittiert, in einen Brotfladen eingewickelt mit Salat, Minze, Zitrone, einer delikaten Soße, Gewürzen und als süß-knusprige Überraschung Granatapfelkerne – ein Stück kulinarischer Orient frisch zubereitet auf die Hand für hungrige Passanten. Ein mühsames Geschäft, aber eines, das sich in vielerlei Hinsicht lohnt, nicht nur wirtschaftlich.
Amer Bakoumi ist ein Bruder von Aymanns Frau
Amer Barkoumi aus Weisenheim am Sand, mit dem Refueat in die Pfalz kam, ist ein Bruder von Aymanns Frau – und der erste Franchise-Nehmer des jungen Berliners, sicher aber nicht der letzte. Inzwischen fahren zwei Räder in Mannheim – obwohl das Franchise-Geschäft ursprünglich eigentlich nicht das Ziel der Geschäftsgründung gewesen sei, betont Aymann. „Wir wollen, dass es wirtschaftlich funktioniert. Wir sind kein klassisches Franchise-Unternehmen, da sind wir noch sehr unprofessionell“, räumt Aymann ein. Der Schwager kaufe die Grundprodukte für die Sandwiches von den Berlinern, alles beste Qualität, wie der Unternehmensgründer versichert. Das Rad sei gegen Gebühr an den Neu-Weisenheimer verliehen, für die Marke werde eine geringe Gebühr erhoben. Das Ganze sei „Low Budget“, also zu geringen Kosten gemacht, dazu in Zeiten von Klimawandel und Erderwärmung umweltfreundlich. Aymann: „Nachhaltigkeit ist wichtig.“
In der Hauptstadt verkauft Refueat auch Gerichte mit Fleisch
In der Hauptstadt gibt es bei Refueat auch Hot Dogs und Fleischgerichte. Auch da ist Qualität Trumpf: „Aus Freilandhaltung in Luckenwalde“, unterstreicht Aymann. Ein Fachabi in Sozialwesen habe er abgelegt, erzählt er über sich, Mediengestaltung studiert mit Fachrichtung Neuro-Marketing. „Beim Verkaufen kommt es auf das Design an und die Haptik“, erläutert der Verkaufsprofi. Die Optik der Refueat-Räder sei ein Teil des Geschäftserfolgs. Die Idee mit dem Fahrrad-Laden sei im Orient weit verbreitet, aber darauf gebracht habe ihn aber letztlich sein deutscher Teilhaber, berichtet Aymann schmunzelnd. Der ist Unternehmensberater und im Rentenalter.
Anfangs sei das Geschäft ein Knochenjob gewesen, erinnert sich Aymann. Im ersten halben Jahr habe er 15-, 16-Stunden-Tage gehabt, auch bei Minusgraden. Drei Jahre habe es gedauert, bis er von seiner Geschäftsidee habe leben können. „Aber egal, wie schwer oder kompliziert etwas ist: Erfolgreich wird man nur, wenn man durchhält.“
In Berlin wurde inzwischen investiert, das Unternehmen in eine GmbH umgewandelt. Einen Aufsichtsrat gibt es auch: ein Rechtsanwalt sowie der Vermieter der neuen, größeren Küche. Sieben Vollzeitangestellte arbeiten seit gut einem halben Jahr dort, 200.000 Euro wurden in die Einrichtung investiert. Eine Verwaltungsangestellte leistet sich Refueat auch. Außerdem gibt es bei der Küche inzwischen einen Imbiss. Der laufe so gut, dass alle Sozialabgaben, die für die Angestellten anfielen, mit den Gewinnen aus dem dortigen Sandwich-Verkauf bezahlt werden könnten, berichtet der Sohn eines syrischen Einwanderers und einer in Frankfurt geborenen Syrerin mit Stolz in der Stimme. Demnächst soll es noch einen Online-Bestellshop geben – und die Lieferung natürlich per Rad erfolgen.
Refueat ist auch Caterer
und kocht bei Veranstaltungen Als Caterer ist Refueat auch auf Firmenveranstaltungen, Kulturevents, Familienfeiern, Messen und anderen Veranstaltungen vertreten. Mit ihren Foodbikes grillen, braten und kochen die Refueater vor Ort. Zudem liefern sie vorbereitetes Essen inklusive biologisch abbaubarem Einweggeschirr. Eine in Deutsch, Englisch und Arabisch gestaltete Homepage (refueat.de) ist Aushängeschild des Start-ups mit sozialem Anspruch.