Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel BASF treibt Elektrocracker-Entwicklung voran

Der elektrisch betriebene Steamcracker-Ofen soll in die bestehenden Anlagen integriert werden.
Der elektrisch betriebene Steamcracker-Ofen soll in die bestehenden Anlagen integriert werden.

Die BASF, der saudi-arabische Ölkonzern Sabic und der deutsche Industriegase- und Anlagenbau-Spezialist Linde haben eine Vereinbarung zur Entwicklung und dem Bau einer „Multi-Megawatt-Demonstrationsanlage“ für einen elektrisch beheizten Steamcracker-Ofen im Stammwerk in Ludwigshafen unterzeichnet.

Das teilte die BASF am Mittwoch mit. Alle drei Partner hätten bereits gemeinsam an Konzepten gearbeitet, um die im Heizprozess eingesetzten fossilen Brennstoffe durch erneuerbaren Strom zu ersetzen. „Dieser Technologiesprung markiert einen Meilenstein auf dem Weg zu einer emissionsarmen Chemieindustrie. Wir haben nicht nur die weltweit ersten elektrischen Heizkonzepte für Steamcracker entwickelt, sondern wollen auch die Zuverlässigkeit von Schlüsselkomponenten für den Einsatz in dieser Art von Hochtemperatur-Reaktoren nachweisen“, sagte BASF-Vorstandsvorsitzender Martin Brudermüller. Voraussetzungen für die Realisierung des Ofens, der in die bestehenden Cracker-Anlagen am Standort Ludwigshafen integriert werden soll, seien eine Investitionsförderung und wettbewerbsfähige Preise für erneuerbare Energien. Die BASF nennt dafür 4 bis 5 Cent pro Kilowattstunde Ökostrom. Der aktuelle Preis liegt, nicht zuletzt aufgrund zahlreicher Abgaben wie etwa die EEG-Abgabe, um ein Mehrfaches darüber.

Förderanträge sind gestellt

Anträge auf eine Förderung des technologisch für die gesamte chemische Industrie wegweisenden Projekts seien bereits gestellt: beim EU-Innovationsfonds und im Programm Dekarbonisierung in der Industrie, einem neuen Mitteltopf des Bundesumweltministerium. Eine Angabe zur Größenordnung der Investition machte die BASF auch auf Nachfrage aber nicht.

Laut Brudermüller wird die geplante Anlage „in den Produktionsmaßstab“ gehen – das bedeutet, dass der kommerzielle Einsatz damit erprobt werden soll und man sich nicht mehr im Entwicklungsstadium von Pilotanlagen befindet. Ob die Technologie auch für den seit knapp einem Jahr im Aufbau befindlichen Verbundstandort Zhanjiang in der südchinesischen Provinz Guangdong vorgesehen oder zumindest eine Option ist, dazu könne derzeit keine Aussage getroffen werden, so ein BASF-Sprecher. Die BASF investiert in das neue Verbundwerk 10 Milliarden Dollar (9 Mrd Euro).

Herzstücke petrochemischer Anlagen

Steam-Cracker sind die Herzstücke von petrochemischen Produktionsanlagen. Denn der Cracker-Prozess ist einer der Kernprozesse der petrochemischen Industrie. Die Anlagen spielen eine zentrale Rolle bei der Herstellung von Basischemikalien, die darin mit Hilfe hoher Temperaturen und unter Einsatz von großen Energiemengen gewonnen werden. Da die Crackeröfen bisher mit fossilen Brennstoffen geheizt werden – im Fall der BASF mit Gas – entsteht dabei eine große Menge klimaschädliches CO2. Elektrisch betriebene Cracker-Öfen, die mit Ökostrom angetrieben werden, wären sehr viel klimafreundlicher: Die Technologie besitze unter diesen Voraussetzungen das Potenzial, die CO2-Emissionen um bis zu 90 Prozent zu reduzieren, so die BASF. Das Projekt ist ein wesentlicher Baustein des Carbon Management Forschungs- und Entwicklungsprogramms der BASF, mit dem das Unternehmen seine CO2-Emissionen nach 2030 noch weiter deutlich reduzieren will.

Linde-Chef: Projekt mit „signifikanter Wirkung“

„Mit diesem Projekt greifen wir Steamcracking-Öfen als eine der größten CO2-Emissionsquellen in der gesamten petrochemischen Wertschöpfungskette heraus. Diese Öfen verwenden eine bewährte und ausgereifte Technologie, die wir jetzt auf eine völlig neue Basis stellen; nicht im Labor, sondern im großen industriellen Maßstab. Dieses Projekt wird eine signifikante Wirkung haben“, sagte dazu Jürgen Nowicki, der Vorstandsvorsitzende von Linde Engineering, der Anlagenbau-Sparte des Konzerns. Als wichtigen Beitrag zu drängenden globalen Herausforderungen wie Ressourceneffizienz und der Reduktion von CO2 bezeichnet Sabic-Chef Yousef Al-Benyan das Projekt: „Diese Nachhaltigkeitsinitiative hat Vorbildcharakter und ist Teil der langfristigen Vision und Klimaschutzstrategie von Sabic, um unser Geschäft am Ziel der CO2-Neutralität auszurichten.“

Die BASF und Sabic hätten für das Projekt neben langjähriger Erfahrung und Kenntnissen im Betreiben von Steamcrackern ihr umfangreiches Fachwissen und geistiges Eigentum auf dem Gebiet der Entwicklung chemischer Prozesse gebündelt, so die BASF weiter. Linde habe seine spezielle Expertise und geistiges Eigentum im Bereich der Entwicklung und dem Bau von Steamcracker-Öfen beigesteuert. Linde solle zudem die industrieweite Vermarktung vorantreiben.

BASF informiert am Freitag zu globalen Klimazielen

Die Roadmap Chemie 2050 des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI) geht vom Nachweis des erfolgreichen Einsatzes der neuen Elektroofen-Cracker-Technologie bis 2035 aus. Die BASF und ihre Partner haben angesichts dessen einen sehr ehrgeizigen Zeitplan: Sie wollen die „Multi-Megawatt-Demonstrationsanlage“ bis 2023 in Betrieb nehmen – sofern die dafür beantragten Fördermittel der EU und des Bundesumweltministeriums bewilligt werden.

Mehr zu ihren globalen Klimazielen und der CO2-Reduktionsstrategie will die BASF an diesem Freitag anlässlich ihres Capital Markets Days bekanntgeben. Da ein wesentlicher Punkt die Nutzung von Ökostrom ist, könnten Neuigkeiten zur Produktion beziehungsweise zur Beschaffung von sehr großen Mengen Ökostrom dabei eine wichtige Rolle einnehmen.

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