Wirtschaft RHEINPFALZ Plus Artikel Ausbildung: In Teilzeit zum Berufsabschluss

Nicht nur wer Angehörige pflegt oder den Nachwuchs betreut, kann neuerdings eine Teilzeitausbildung machen.
Nicht nur wer Angehörige pflegt oder den Nachwuchs betreut, kann neuerdings eine Teilzeitausbildung machen.

Seine Ausbildung in Teilzeit absolvieren – das ist neuerdings auch ohne bislang geltende Einschränkungen möglich. Aber bei vielen angehenden Azubis und auch in zahlreichen Betrieben ist dieser Weg noch wenig bekannt.

„Es lohnt sich auf jeden Fall“ – die Art, wie Tahira Rana das sagt, zeigt, dass sie es ernst meint. Ihr ist es wichtig zu betonen, dass das Unterfangen, auf das sie sich vor gut einem Jahr eingelassen hat, alle Mühen und Anstrengungen wert ist.

Seit vergangenen September absolviert Tahira Rana eine Ausbildung zur Fachangestellten für Arbeitsmarktdienstleistungen bei der Agentur für Arbeit in Ludwigshafen. So weit, so normal. Allerdings ist der Weg, den die 35-Jährige eingeschlagen hat, ein besonderer: Sie macht eine Teilzeitausbildung. In ganz Rheinland-Pfalz wurden im vergangenen Jahr lediglich 96 Verträge für diese Art der Berufsausbildung abgeschlossen. Angesichts solcher Zahlen sieht Brigitte Bertram, Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt bei der Ludwigshafener Arbeitsagentur, in Sachen Teilzeitausbildung noch viel Luft nach oben. Diese Form der Ausbildung, die es seit 15 Jahren gibt, sei bislang „meistens weiblich“, sagt Bertram. Das liegt sicher auch daran, dass dafür ein „berechtigtes Interesse“ bestehen musste, beispielsweise weil Angehörige zu pflegen oder Kinder zu betreuen sind.

Vorbereitung mit „Comeback Anne“

So ist es auch bei Tahira Rana. Die 35-Jährige hat nach dem Abitur studiert, musste ihr Studium ab aus gesundheitlichen Gründen abbrechen. Sie heiratete, bekam Kinder, die heute zwischen vier und neun Jahre alt sind. Dann starb ihr Mann. „Für mich ist ein sicherer Arbeitsplatz wichtig“, betont sie – und dafür, das war ihr bewusst, braucht es eine abgeschlossene Berufsausbildung.

Tahira Rana hörte von „Comeback Anne“, einem Projekt der Ludwigshafener Arbeitsagentur und des Jobcenters Vorderpfalz-Ludwigshafen. „Comeback Anne“ bereitet die Teilnehmer ein halbes Jahr lang fachlich wie auch mental gezielt auf eine Ausbildung und die dabei möglicherweise auftretenden Probleme vor und unterstützt sie dann auch während der Ausbildung.

Der Lernstoff ist der gleiche

Tahira Rana findet zudem großen Rückhalt in ihrer Familie, „allein hätte ich es nicht geschafft“. „Ich muss lernen ohne Ende“, ist sie sichtlich beeindruckt vom Lernpensum. Sie räumt ein, dass sie am Anfang unterschätzt habe, wie viel Zeit sie ins Lernen investieren müsse. Das Problem dabei: Wegen der Kinder kann sie tagsüber kaum am Schreibtisch sitzen, „ich lerne immer nachts“. „Es gehört schon eine ordentliche Portion Mut dazu, diesen Weg zu gehen“, weiß Florian Schmitt um die Schwierigkeiten, den Berufsabschluss auf diesem Weg und unter diesen Bedingungen zu machen. Schmitt ist Fachausbilder bei der Arbeitsagentur in Ludwigshafen.

Denn der zu lernende Stoff ist der gleiche wie in Vollzeit. Unterschiedlich sind hingegen die Arbeitszeiten im Büro. Dort arbeitet Tahira Rana 25 Stunden pro Woche, Azubis in Vollzeit kommen auf 39 Wochenstunden. Unterm Strich verlängert sich dadurch die Dauer der Teilzeitausbildung.

Keine Beschränkungen mehr

Tahira Rana hat die Herausforderung angenommen – und Florian Schmitt hat für sie gute Nachrichten: Das erste Ausbildungsjahr, das sie nun hinter sich hat, sei besonders lernintensiv. Sie selbst hat in ihrem Freundeskreis bereits von „Comeback Anne“ erzählt – was nicht ohne Folgen blieb: Eine Freundin mache jetzt eine Teilzeitausbildung zur Erzieherin.

Auch bei der Arbeitsagentur ist man vom Sinn und der Notwendigkeit des Projekts, das 2018 ins Leben gerufen wurde, überzeugt und verweist darauf, dass in diesem Jahr trotz Corona nur drei von insgesamt 19 Teilnehmern aufgrund äußerer Umstände nicht bis zum Ende dabeigeblieben seien. Durch eine gesetzliche Änderung ist eine Teilzeitausbildung seit diesem Jahr auch möglich, ohne dass bestimmte Voraussetzungen wie etwa Kinderbetreuung vorliegen müssen. Möglicherweise wählen deshalb künftig mehr Menschen diesen Weg zum Berufsabschluss. 2018, heißt es beim Bundesinstitut für Berufsbildung, wurden lediglich 0,4 Prozent aller neuen Abschlüsse in Teilzeitform erreicht.

Bedenken, diese Art der Ausbildung sei möglicherweise weniger „wert“ als eine Ausbildung in Vollzeit, kann Tim Stemmler zerstreuen: Da gebe es keine Qualitätsunterschiede, sagt Stemmler, der bei der Industrie- und Handelskammer für die Pfalz Ausbildungsleiter für Pirmasens, Zweibrücken und die Südwestpfalz ist. Auch Stemmler sieht in der Teilzeitausbildung noch „Potenzial“, auch, weil diese Variante bei Auszubildenden wie bei Betrieben noch nicht so bekannt sei.

Info

Nähere Informationen zur Teilzeitausbildung und zu „Comeback Anne“ gibt es unter Ludwigshafen.Anne@arbeitsagentur.de und 0800/4555500. Interessierte Arbeitgeber können sich unter 0800/4555520 informieren.

Tahira Rana macht eine Ausbildung zur Fachangestellten für Arbeitsmarktdienstleistung.
Tahira Rana macht eine Ausbildung zur Fachangestellten für Arbeitsmarktdienstleistung.
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