Wirtschaft Ansturm auf Radläden

Das Wetter ist gut, der Urlaub fällt aus: also aufs Rad und raus. Das sagen auch viele Neueinsteiger und kaufen sich erst einmal
Das Wetter ist gut, der Urlaub fällt aus: also aufs Rad und raus. Das sagen auch viele Neueinsteiger und kaufen sich erst einmal ein Fahrrad.

Fahrradhändler erleben derzeit einen ungeahnten Boom. Die Branche kann nach einem vermiesten Saisonstart Boden gut machen. Auch bei Pfälzer Radverkäufern speisen besonders zwei Gründe diesen Trend.

Für die Branche sind der März und April die wichtigsten Monate, vergleichbar mit dem Weihnachtsgeschäft im übrigen Handel. Dieses Jahr aber verdarb die Corona-Krise den Saisonstart: Die unmittelbaren Auswirkungen durch gestörte Lieferketten und geschlossene Läden während des Shutdown seien auch in der Radbranche heftig gewesen, teilt der Verband des Deutschen Zweiradhandels mit. Die Umsatzeinbußen lagen demnach coronabedingt bei 30 bis 60 Prozent. Nun sei aber überall eine Aufholjagd zu beobachten.

Pfälzer Fahrradhändler bestätigen den Trend. Das Geschäft floriert. Der Boom sei seit Wiedereröffnung seines Geschäfts am 20. April nicht abgerissen, sagt beispielsweise Thomas Gebhard, Inhaber von Zweirad Stocker in Pirmasens. Das besonders wichtige Ostergeschäft sei zwar komplett ausgefallen und die Befürchtungen seien groß gewesen, erläutert er. Aber dann sei diese Riesenwelle bei der Nachfrage gekommen. Auch bei der Con Rad der Fahrradladen in KL GmbH läuft es. Die Nachfrage sei „sehr, sehr gut“, sagt ein Mitarbeiter.

Das Fahrrad erlebt „einen besonderen Moment“

„Wir sehen derzeit einen enormen Run auf die Fahrradläden“, bestätigt David Eisenberger, Leiter Marketing und Kommunikation beim Zweirad-Industrie-Verband, der etwa 100 Unternehmen der Fahrradindustrie vertritt. Das Fahrrad erlebe gerade „einen besonderen Moment“. Neben denen, die ohnehin eine Neuanschaffung geplant hätten, gebe es auch viele Kunden, die das Rad für sich wieder entdeckten. Das zeige nicht zuletzt die gestiegene Nachfrage im Einsteigersegment ab 300 Euro.

Con Rad in Kaiserslautern und Zweirad Stocker bestätigen diesen Trend. Die Leute holten geplante Käufe nun nach, sagt Thomas Gebhard von Zweirad Stocker. Aber es gebe auch viele Wiedereinsteiger. „Die Leute haben Zeit, die Kinder sind zuhause, die Spielplätze gesperrt, da geht die Familie radfahren“, sagt er. Viele Kunden äußerten, dass sie dieses Jahr nicht mehr in Urlaub führen und von dem Geld stattdessen ein E-Bike kauften. Auch das sehr gute Wetter in den vergangenen Wochen spiele eine wichtige Rolle für die erhöhte Nachfrage, weiß ein Mitarbeiter von Con Rad in Kaiserslautern.

Wartezeit für Werkstatt-Termin

Auch in den Fahrradwerkstätten ist der Andrang der Kundschaft hoch. Pfälzer Händler berichten von vier bis sechs Wochen Wartezeit oder beschränken die Terminvergabe: Wer nicht bereits Kunde ist, hat keine Chance.

Die Branche hat schon länger Rückenwind. Im vergangenen Jahr erzielte sie mit Fahrrädern und vor allem den immer beliebteren E-Bikes gut 4,2 Milliarden Euro Umsatz – 34 Prozent mehr als im Vorjahr. Zudem tendieren die Verbraucher zu hochwertigeren Rädern. Der Durchschnittspreis lag 2019 über alle Vertriebskanäle bei 982 Euro und damit rund ein Drittel höher als 2018. Bundesweit arbeiten rund 280.000 Menschen in der Fahrradwirtschaft. Inwiefern die Fahrradhersteller den teilweisen Stillstand der Produktion über einen Zeitraum von bis zu acht Wochen ausgleichen könnten, sei nicht absehbar. Trotz der schmerzhaften Einbußen zum Saisonstart sei man inzwischen optimistisch, mit einem „blauen Auge“ davonzukommen. Ein Risiko bleibe jedoch eine zweite Infektionswelle und damit ein neuerlicher Shutdown für Produktion und Handel.

„Hält der Trend, dann ist alles super“

Auch die Händler sind deshalb vorsichtig mit ihrem Ausblick. Bei Con Rad hält ein Mitarbeit es für möglich, im Laufe des Jahres den Absatz von 2019 wieder zu erreichen. „Wir haben Nachholbedarf“, sagt Thomas Gebhard bei Zweirad Stocker. Wenn es so weitergeht, erreiche das Unternehmen sein Jahresziel, sagt er. Allerdings schaffe die Pandemie eine hohe Ungewissheit. Er gehe aber davon aus, dass die sehr hohe Nachfrage weit in die Saison erhalten bleibe. „Wenn der Trend hält, dann ist alles super“, sagt er.