Rheinpfalz Zwischen Hambacher Schloss und Gestapo-Zentrale

Neustadt. Neustadts Geschichte ist janusköpfig: Mit dem Hambacher Schloss hat die Stadt ein Symbol der Demokratiegeschichte auf ihrem Territorium. Doch Neustadt war auch die Stadt Josef Bürckels, des pfälzischen Gauleiters in der NS-Zeit. Was kann oder soll die Stadt mit diesem Erbe tun?
Seit knapp zwei Jahren gibt es an der Villa Böhm eine Tafel, die darauf hinweist, dass die Prachtvilla in der Zeit des Nationalsozialismus Sitz des Gauleiters Josef Bürckel war. SPD-Stadtratsmitglied Wolfgang Ressmann war schon damals der Meinung, dass so eine Tafel zu wenig sei. Die Aufarbeitung der NS- Vergangenheit, so forderte er damals, solle durch eine Historiker-Kommission begleitet werden. In diesem Jahr nun ist von anderer Seite Bewegung in das Thema gekommen. Im März fand im Saalbau eine ganztägige, wissenschaftliche Tagung über Bürckel statt. Und wieder wurde, von verschiedenen Seiten, die Forderung erhoben, dass die Stadt sich ihrer Verantwortung stärker stellen müsse. Ein erster kleiner Schritt ist jetzt gemacht. Im Haushalt für 2015 stehen 15.000 Euro als „Anschubfinanzierung“ für eine solche Aufarbeitung bereit. Die gleiche Summe solle auch in den beiden darauffolgenden Jahren zur Verfügung stehen, sagte Kulturdezernent Ingo Röthlingshöfer. Röthlingshöfer stellt sich wissenschaftliche Arbeiten vor. Ab Januar soll eine Arbeitsgruppe ein Konzept erstellen. Als mögliche Quellen nennt Röthlingshöfer die Gestapo-Akten, die im Landesarchiv in Speyer liegen und bisher kaum ausgewertet sind. „Dafür brauchen wir Historiker“, sagt er. Allerdings seien die Ressourcen begrenzt. Neben der Aufarbeitung der Geschichte stellt sich die Frage der Präsentation möglicher neuer und bereits vorhandener Erkenntnisse. Röthlingshöfer ist wie sein Amtsvorgänger Marc Weigel der Meinung, dass die Ausstellung im Stadtmuseum der Villa Böhm mittelfristig neu konzipiert werden muss. Sie wurde Ende der 90er Jahre entwickelt. Schon rein technisch betrachtet, ist sie also nicht auf dem neuesten Stand. Gerade der Teil, der die nationalsozialistische Zeit betrifft, erschließe sich zu einem großen Teil über Touch-Screens (Bildschirmberührung), sagt Weigel, doch die Firma, die das damals eingerichtet habe, existiere nicht mehr. Es gibt Stimmen, die darüber hinaus dafür plädieren, das Stadtmuseum aus der Villa Böhm herauszuholen und im Klemmhof unterzubringen. Der Vorsitzende des Fördervereins Gedenkstätte für NS-Opfer, Eberhard Dittus, ist beispielsweise ein Anhänger dieser Idee. Röthlingshöfer ist zurückhaltend: Den Klemmhof sieht er eher als Gewerbefläche, die Villa eigne sich wegen ihres besonderen Flairs als Museum. Ein anderes Gebäude, das während der NS-Diktatur eine Rolle spielte, steht ab Januar zum Verkauf: der große Verwaltungsbau in der Konrad-Adenauer-Straße 10. Vor 1945 war dort die regionale Zentrale der Geheimen Staatspolizei (Gestapo). Später wurde er Sitz französischer Militärbehörden, seit Anfang der 90er Jahre war ein Teil des Finanzamts darin untergebracht. Ende des Jahres nun wird das Gebäude leer: Das Finanzamt hat den Auszug schon fast abgeschlossen, Mitte Januar werden die letzten Mitarbeiter das Gebäude verlassen. Wolfgang Ressmann hält das Anwesen für einen „idealen Ort“, um in Neustadt ein neues Institut zu etablieren: ein Forschungsinstitut für „Europäische Demokratieentwicklung und deren Gefährdung“. Hier das Hambacher Schloss als Symbol des Kampfes für Demokratie, dort die Überbleibsel nationalsozialistischer Diktatur als Mahnung. Das Institut sollte Ressmanns Ideen zufolge an eine Universität angeschlossen sein und historische sowie politikwissenschaftliche Forschung betreiben. Ressmann stellt sich vor, die ehemaligen Gefangenenzellen im Keller des Gebäudes in das Institutskonzept zu integrieren. Allerdings sind die Denkmalbehörden von Stadt und Land der Meinung, dass eine Freilegung der Wände, auf denen sich unter späteren Farbschriften Inschriften von Gestapo-Opfern befinden, zu aufwendig wäre. Es seien auch „keine konkreten Ergebnisse zu erwarten“, sagt Petra Wriedt, stellvertretende Geschäftsführerin des Landesbetriebs Liegenschafts- und Baubetreuung (LBB). Der LBB hat diese Frage vor dem im kommenden Jahr geplanten Verkauf prüfen lassen. Denkbar sei eine Gedenktafel. Der LBB sei bereit, diese zu finanzieren.