Karlsruhe RHEINPFALZ Plus Artikel Zum Abschluss eine Rückkehr zu den Anfängen

Ulrich Peters wird für drei Jahre die Leitung des Karlsruher Theaterhauses übernehmen.
Ulrich Peters wird für drei Jahre die Leitung des Karlsruher Theaterhauses übernehmen.

Am Badischen Staatstheater Karlsruhe bahnt sich nach monatelangen Querelen eine Zwischenlösung an. Dabei hingen die Probleme durchaus nicht nur mit den Folgen der überall wirkenden Pandemie zusammen, sondern mehr noch mit den Turbulenzen um die desaströse Amtsführung des Hausherrn.

Zum Ende der laufenden Spielzeit wurde der eben erst verlängerte Vertrag des Generalintendanten Peter Spuhler vorzeitig beendet, und jetzt steht auch schon sein Nachfolger fest: Ab September 2021 wird mit Ulrich Peters ein erfahrener Theatermann für drei Jahre die Leitung des schlingernden Hauses übernehmen.

Die Spatzen pfiffen es schon seit Tagen von den Dächern, und nun ist das sorgsam gehütete, freilich alsbald löchrige Geheimnis gelüftet: Als Interimsintendant soll Ulrich Peters die Scherben der hausinternen Krise auffegen und einen Prozess der Neuorientierung moderieren, der auch die aktuelle, keineswegs auf Karlsruhe beschränkte Grundsatzdiskussion um ein Ende der alten, längst problematischen Intendantenherrlichkeit reflektiert.

Eklatantes menschliches Versagen

Am Staatstheater der Fächerstadt allerdings lagen die Gründe für den heftigen Theaterkrach nicht so sehr bei der bekannten Fragwürdigkeit der geltenden Betriebsstrukturen als vielmehr im eklatanten menschlichen Versagen des Intendanten selbst und überdies beim skandalösen Fehlverhalten der politischen Aufsichtsgremien von Ministerium und Stadt. Sie nämlich verharrten wider besseres Wissen in ihrer willfährigen Nibelungentreue zu Spuhler, wobei sie durch trotzige Ignoranz und fadenscheinigen Parteienschacher den Schaden mehrten, statt ihn einzudämmen.

Damit soll nun Schluss sein. Zwar wahren die desavouierten Politiker über die Modalitäten der Kündigung für den im Vorjahr beurlaubten Intendanten diskretes Stillschweigen – über eine Abfindung jenseits der Millionengrenze wird gemunkelt. Aber mit dem ausgeguckten Nachfolger steht ein Hoffnungsträger ins Haus, von dem der zuständige Verwaltungsrat aus Land und Kommune sich nun endlich einen Aufbruch in bessere Zeiten verspricht – nicht im Sinne einer Rückkehr zu veralteten Führungsmustern, sondern als Kopf eines Leitungstrios, zu dem auch der geschäftsführende Direktor des Staatstheaters Johannes Graf-Hauber sowie die Betriebsdirektorin (und umstrittene Spuhler-Getreue) Uta-Christine Deppermann gehören.

Mehr Freiheiten für die einzelnen Sparten?

Längst ist im Staatstheater eine Diskussion im Gange, in der interessierte Gruppen mehr Freiheiten für die einzelnen Sparten und ihre Entkoppelung von hierarchischen Machtmustern fordern – bis hin zur möglichen Abschaffung einer autoritären Generalintendanz. Da trifft es sich gut, dass Ulrich Peters schon vor Jahren für eine gestärkte „künstlerische Eigenverantwortlichkeit der Sparten“ plädiert hat, in der er einen „wichtigen Motor für das kreative Potential“ eines Theaters sehe.

Erfahrener und erfolgreicher Theatermann

In Karlsruhe wird man das gerne zur Kenntnis genommen haben und ebenso gerne glauben wollen, auch wenn Peters' langjährige Karriere bislang in ganz konventionellen Bahnen verlaufen ist. Er ist beileibe kein System-Stürmer und hat sich auch als Sanierer keinen besonderer Namen gemacht. Aber er ist ein solider, erfahrener und durchaus erfolgreicher Theatermann, der als Intendant und Regisseur an allen Stätten seines Weges für wachsende Besucherzahlen gesorgt hat – kein geringes Verdienst angesichts der jüngeren Karlsruher Entwicklung, bei der namentlich im Schauspiel ein sinkender Publikumszuspruch zu beklagen ist.

Der 1955 in Stuttgart geborene Peters studierte in München nicht nur Literatur-, Theater- und Musikwissenschaft, sondern auch Betriebswirtschaft mit Schwerpunkt Unternehmenskultur und Marketing. Seine Doktorarbeit über „Die Oper des 16. und frühen 17. Jahrhunderts auf der modernen Opernbühne“ berührt bereits ein wichtiges Feld seiner künstlerischen Arbeit: die Anfänge des Musiktheaters im Barock.

Station auch am Pfalztheater

Seine ersten Festengagements hatte er in Freiburg (1981) und in Bremen (1987), wo er sich ebenso wie bei zahlreichen Gast-Inszenierungen mit gelungenen Opern-Produktionen einen guten Namen machte. 1991 berief ihn Pavel Fieber als Oberspielleiter ans Pfalztheater Kaiserslautern, wo er sechs Jahre lang das Musiktheater so erfolgreich leitete, dass das Haus wegen seines breit gestreuten Repertoires gleich zweimal von der Fachzeitschrift „Opernwelt“ als „Opernhaus des Jahres“ gerühmt wurde.

Fieber war es auch, der Peters 1997 als Oberspielleiter des Musiktheaters nach Karlsruhe berief. Dem Publikum der Fächerstadt sind Peters Inszenierungen in nachhaltiger Erinnerung. Vor allem seine „Zauberflöte“ (1998) erwies sich als Renner und hielt sich mit weit über 100 Aufführungen über Jahrzehnte im Programm des Staatstheaters: Zuletzt sollte das Stück im Mai 2020 wiederaufgenommen werden – und fiel dann Corona zum Opfer.

Mögliche Rolle bei den Händel-Festspielen?

Während seiner Karlsruher Zeit, die leider auf nur zwei Jahre begrenzt blieb, war er außerdem als Leiter der „Händel-Festspiele“ tätig, wo er auch in den folgenden Jahren mehrfach als Gast mit Inszenierungen präsent blieb. Als Interimsintendant könnte Peters mithin auch für die kommenden „Händel-Festspiele“ eine prägende Rolle spielen, zumal der derzeitige Festival-Kopf Michael Fichtenholz nach jüngsten Vorwürfen des sexuellen Machtmissbrauchs bei seiner Tätigkeit am Opernhaus Zürich für diese Aufgabe nicht mehr in Frage kommen dürfte. Breit genug ausgewiesen ist Peters für diese Funktion als renommierter Regisseur zahlreicher Barockopern allemal.

Von Karlsruhe führte der Weg Peters auf seine erste Intendanz. Am Dreispartenhaus des Theaters Augsburg wirkte er 1990 bis 2007 so fruchtbar, dass er die Zuschauerzahlen markant erhöhte und sich für die nächste Stufe der Karriereleiter empfahl: ans renommierte Gärtnerplatztheater in München, dessen Auslastung er ebenfalls steigerte und durch Hinzugewinnung eines auch jugendlichen Publikum erweiterte. Aber sein durchaus erfolgreiches Engagement dort, das die ganze Breite des Musiktheater-Repertoires von Oper über Operette bis Musical und Tanz einschloss, endete reichlich abrupt, als das schöne alte Theater wegen notwendiger Sanierungen 2012 vorübergehend geschlossen wurde.

Jetzt Rückkehr nach Karlsruhe

Eine neue Aufgabe fand Peters als Generalintendant des Theaters Münster, das er seit 2012 leitet. Sein Vertrag dort hätte eigentlich bis 2022 laufen sollten. Danach wollte Peters sich als überregional stark nachgefragter „freier“ Regisseur mit auswärtigen Opern-Inszenierungen an anderen Häusern umtun. Daraus aber wird nun nichts, nachdem die Karlsruher ihm kurzfristig das anspruchsvolle Amt des Interimsintendanten angetragen haben – eine Herausforderung, die ihn gegen Ende seiner Theaterlaufbahn reizte: „Ich freue mich sehr auf die Rückkehr ans Badische Staatstheater und in eine Stadt, in der ich sehr gerne und leider viel zu kurz war.“

Es bleibt abzuwarten, wie weit er sich an seinem neuen/alten Haus und bei dessen heikler Gemengelage im Chor divergierender Meinungen und Ambitionen zurechtfindet. Immerhin hat er sich immer wieder bei Lehraufträgen unter anderem an der Universität Augsburg und mit einschlägigen Veröffentlichungen zu Fragen des Theater-Management und der Bühnenpraxis als engagierter Kenner ausgewiesen und könnte wertvolle Erfahrungen einbringen. Auch das dürfte ein Gewinn sein für die Ein- und Ausrichtung des moussierenden Theaters in der Fächerstadt, dessen künstlerische und programmatische Zukunft sich in den kommenden drei Jahren entscheiden muss.

Auf die kommende Spielzeit und deren gerade publiziertes Programm konnte Peters nicht einwirken. Ob sein Verständnis von Theater und Regie sich in den verbleibenden Jahren seiner Amtszeit auswirken kann, steht angesichts ehrgeiziger Pläne in den einzelnen Sparten dahin. Eine richtungweisende Äußerung des neuen Hausherrn dürfte dabei schnell zu Diskussionen führen: „Von außen an einen Text herangetragene Regiekonzepte sind meine Sache nicht. Spannend ist eine Verlebendigung des Geschriebenen, das Auffinden des ,Schmerzes’, aus dem heraus der Autor das Werk geschaffen hat. Gelingt es, kommt das Werk automatisch im Hier und Jetzt an und zeigt seine zeitlose Aktualität.“ Ein Credo, das am Staatstheater vermutlich aufmerksam gelesen wird.

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