Kultur Südpfalz Zu alt fürs Singen im Chor?

Kai Koch ist mit 31 Jahren gewiss einer der jüngsten Lehrstuhl-Inhaber im deutschsprachigen Raum. Sein Fachgebiet indes ist – da
Kai Koch ist mit 31 Jahren gewiss einer der jüngsten Lehrstuhl-Inhaber im deutschsprachigen Raum. Sein Fachgebiet indes ist – das Alter. Er lebt mit seiner Familie nach wie vor in Neustadt.

„Zu alt fürs Singen? Nein!“ Der Flyer tut es kund: Ab Januar 2019 macht die Kirchenmusik an der Stiftskirche – Advent längst vorbei – ein neues Türchen auf. Die Kantorei bekommt eine kleine Schwester: die Landauer Seniorenkantorei. Auf Mittwoch, 9. Januar, 11 Uhr, hat Linß die Premierenprobe im Gemeindehaus am Johannes-Bader-Platz angesetzt. Im Fokus hat die Kantorin mit ihrem neuen Projekt „Menschen, die ihr Leben lang mit Freude in einem Chor mitgesungen haben, plötzlich aber merken, dass das lange Stehen im Konzert Mühe bereitet, sie bei schwierigen Werken nicht mehr so wie gewohnt mithalten können, die Höhen- oder Tiefenregister nicht mehr so verfügbar sind. Ach, es gibt mannigfaltige Gründe, warum das Wort ,Aufhören’ plötzlich im Kopf pocht“. Aber damit falle bei vielen auch ein Stück Lebensqualität, ein kreatives Elixier weg, „das doch erhalten bleiben könnte“. „Man sollte einfach wissen, wie eine Singstimme im Alter funktioniert. Sie wird nicht zwangsläufig schlechter, nur anders“, sagt Kai Koch, Professor an der Katholischen Stiftungshochschule München. „Die Höhen- und Tiefenregister sind nicht mehr ganz so abrufbar, der Atembogen verkürzt sich, das Timbre ist nicht mehr ganz so weich.“ Aber es gebe wunderbare Chorliteratur, die all das berücksichtige, dabei durchaus anspruchs- und eindrucksvoll klinge. Von Koch ließ sich Kantorin Linß in einem Workshop zu dem neuen Projekt inspirieren. Koch betont: „Für wen Singen im Chor jahrzehntelang Glück bedeutete, der mag nicht aufhören, nur weil die Hüfte schmerzt beim langen Stehen im Konzert. Oder die Konzentration für schwierige Chorliteratur nachlässt. Oder das schlechte Sehen die zu kleine Notenschrift in kryptische Ornamentik verschlüsselt.“ Mit seinen 31 Jahren ist Koch einer der jüngsten Lehrstuhl-Inhaber in Deutschland. Zuvor hat er Schulmusik studiert, hat nebenamtlich als Kirchenmusiker Basisarbeit geleistet und drei Jahre am Evangelischen Gymnasium in Annweiler unterrichtet. Viel beachtet wurde seine Forschungsarbeit „Stimmfeldmessungen im dritten Lebensalter“ und sein Promotionsthema „Seniorenchorleitung – Empirische Studien zur Chorarbeit mit älteren Erwachsenen“, für das er Summa cum Laude erhielt. Anspruchsvolle Chorliteratur, die die speziellen Eigenheiten der älteren Stimme berücksichtigt, gibt es mittlerweile – darunter auch ein Senioren-Chorbuch zum Advent, das Koch mit herausgegeben hat. Auch ist er Autor einer stattlichen Reihe von Praxishilfen und Aufsätzen zum Thema. Momentan transferiert er die Erkenntnisse seiner Doktorarbeit in ein praxisnahes Handbuch für Seniorenchorleiter. „Wenn weniger geht – erst recht!“ lautet denn auch einer von Kochs höchst ermunternden Vortragstiteln. Bei Kochs Lehrauftrag geht es nicht allein ums Chorsingen. Dennoch fokussiert dieses Gebiet, das er beackert – forschend, dokumentierend und unterrichtend –, quasi einen Aktivposten in der weit gespannten Gerontologie. Dazu gehören stimmlich-anatomische wie soziale Aspekte. Ein spannendes Thema. Denn die bundesweiten Seminare des in Neustadt wohnenden Musikers sind ausgebucht. Singen – das ist ein alter Hut und längst wissenschaftlich abgefedert - wirkt gerade im Alter wie eine Art Wunderwaffe: gegen Depression, Vereinsamung und sogar Demenz. Koch unterstreicht das mit Nachdruck. Und er hat – Professur hin oder her – einfach eine Menge praktische Erfahrung gesammelt. Im nordrhein-westfälischen Höxter geboren, hat sich Koch früh kirchenmusikalisch betätigt. Noch während der Schulzeit hat er seine C-Prüfung am Kirchenmusikalischen Fortbildungszentrum in Schlüchtern – bei Gunther Göttsche – abgelegt. Ab da hat er immer wieder teils deutlich überalterte Chöre betreut: vor allem während seines Studiums der Schulmusik und Erziehungswissenschaften in Detmold und beim Chemiestudium in Paderborn. Im Gymnasium Annweiler hatte er gerade einen Kammerchor ins Leben gerufen, als ihn Anfang 2018 der Ruf an die Münchener Hochschule ereilte. Hier trauert ihm die Schulgemeinschaft nach. „Und das beruht durchaus auf Gegenseitigkeit“, bekennt Koch leicht wehmütig. Stiftskantorin Linß, die im Sommer einen von Kochs Workshops zum Thema „Singen mit Senioren“ als höchst anregend erlebte, schwärmt vorbehaltlos. „Ich fühlte mich exakt auf die rechte Spur gesetzt.“ Sie freut sich auf den Start der Seniorenkantorei, die sich als ökumenisches Angebot nicht nur an die Stiftskirchengemeinde richtet. „Nicht Abstieg, sondern Alternative“ – mit der Maxime verknüpft Linß einen qualitativer Anspruch. Und sie ist überzeugt: Kantoren überall sollten, so wie in Landau, „die Seniorenformation zur Chefsache machen“. Sie will das neue Ensemble durchaus bei öffentlichen Auftritten einbeziehen: selbstbewusst, eigenständig. Im kirchlichen Kontext, etwa bei Gottesdienstmusiken. Ein erster Termin steht schon: die Feier der Goldenen Konfirmation am 16. Juni um 10 Uhr. Noch Fragen? Weitere Infos zu Koch unter www.koch-kai.de, zum Thema Singen für Senioren unter www.singen-im-alter.de. Probenbeginn in Landau ist am 9. Januar, 11 Uhr, im Gemeindehaus der Stiftskirche.

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