Kultur Südpfalz Zaubermeister im feinen Zwirn

„Gas, Gas, Gas“: der Up-tempo-Titel mit dem zwingenden Balkanbrass steht wie kein anderer für den heißblütigen Polkasound, mit dem Goran Bregovic und sein Wedding and Funeral Orchestra auf den Bühnen Europas für Partylaune sorgt. Nach Hamburg und Berlin spielte er am Halloween-Montag im Karlsruher Tollhaus auf. Viel Mühe hatte der Bosniake nicht mit der tanzwütigen Menge. Er dankte mit einem zweistündigen Auftritt: ziemlich laut, beseelt von Sendungsbewusstsein, aber enttäuschend wenig innovativ.
Wie Eugene Hütz in New York ist Bregovic Frontmann der Balkanwelle in Europa, die neben den Klängen der Russendisko für eine Ostalgie der beschwingten Art sorgt. Das Karlsruher Konzert aber schien eher ein Heimspiel. Viele der 850 Zuhörer kamen wohl aus einem der früheren Teilrepubliken Jugoslawiens. Denn die spontanen Publikumschöre zeigten sich vor allem bei alten Volksliedern enorm textsicher. Bregovics in vielen Auftritten erprobter Anheizer – „Wer jetzt nicht ausflippt, ist nicht normal!“ – hätte es da gar nicht bedurft. Der Zaubermeister zelebrierte eine würdige Hexennacht. Enttäuscht musste nach dem Konzert allerdings vor allem sein, wer Goran Bregovic vor einigen Jahren im Tollhaus mit einer rund 50-köpfigen Mannschaft aus Streichern, Chören, Rockband und Blaskapelle gesehen hat. Seine aktuelle Tourband muss so tragende Bestandteile wie Schlagzeug und Perkussion vom Band einspielen. Was blieb: Bregovic selbst an der Gitarre, Sänger Alen Ademovic an der dicken Trommel, zwei Tubaspieler (Milos Mihajlovic und Aleksandar Rajkovic), die beiden Trompeter Bokan Stankovic und Dalibor Lukic, Stojan Dimov wahlweise an Saxofon oder Klarinette und der bulgarische Minichor aus den beiden Sängerinnen Ludmila Radkovatrajkova und Daniela Radkovaaleksandrova. Sie alle waren auch recht nett anzusehen in ihren Trachten, aus denen der Bandleader mit seinem weißen Glitzeranzug herausstach. Bregovic zelebriert nicht nur ein Balkan-Crossover, er ist der Vielvölkerstaat in Person: 1950 in Sarajevo geboren als Sohn eines kroatischen Vaters und einer serbischen Mutter und verheiratet mit einer Bosniakin, stemmt sich gegen die Folgen des Bürgerkriegs, indem er sich weiter selbst als Jugoslawen bezeichnet. Und vor allem nimmt er sich der Musik der Sinti und Roma an, würdigt ihren großen Beitrag zu vielen Folkloren Europas. Ihnen hat er auch sein neues Album „Champagne For Gypsies“ gewidmet. Zwar ist es insgesamt traditioneller als manches andere von Goran Bregovic, der ja auch die Musik zu Filmen seines Landsmanns Emir Kusturica komponiert hat. Doch Gastparts bringen Abwechslung rein. Der fast vergessene Gitarrensound der Gypsie Kings wird wach bei „Presidente“. „Balkaneros“ ist eine Überarbeitung ebenfalls mit spanischem Touch des Songs „Ovo je Balkan“ (Dies ist der Balkan), den Bregovic 2010 für den Eurovision Song Contest schrieb – für den serbischen Teilnehmer Milan Stankovic. Alpenländisch wird das Album mit dem Schweizer Chansonnier Stephan Eicher, der in „Fertig“ in einer ans Deutsche erinnernden Sprache der Sinti singt. Der rumänische Popbarde Florin Salam wirkt bei „Hopa Cupa“ mit. Und auch Bregovics New Yorker Kollege Eugene Hütz ist dabei. Beim Konzert aber wirkte ein Titel wie der andere – gespielt von einer Blaskapelle unter Volldampf. Selbst aus dem recht pathetischen italienischen Partisanenlied „Bella ciao“, das übrigens vom Abschied und Tod eines Kämpfers im Zweiten Weltkrieg handelt, wurde ein Partykracher. Da könnte er sich ebenso gut als Nächstes Alexandras „Mein Freund der Baum“ vornehmen. Allein das arabesk anmutende „Cajesuarije Cocek“ mit der prägnanten bulgarischen Polyphonie stach heraus. Was aber vor allem fehlte, war Bregovics rockige Seite auf der E-Gitarre oder unter Zugabe eines Keyboards wie in „Get the Money“. War er doch ein Gründungsmitglied von Bijelo Dugme, einer der erfolgreichsten Rockbands des ehemaligen Jugoslawien. Wer auf solch zeitgemäßen Balkanbrass gehofft hatte, konnte sich allenfalls mit einem Sliwowitz über die Trinklieder trösten und die euphorische Menge bestaunen.