Rheinpfalz Zauberhaft anziehendes Handwerk
Wollig, kleidsam, kreativ! Die neue Ausstellung „Leute machen Kleider“ im Haus der Nachhaltigkeit schlägt eine Brücke zwischen meisterlicher Handwerksarbeit, Liebe zu natürlichen Grundstoffen und tragbarer Kleidung der Extraklasse.
Hier ein Stuhl mit gefilzter Sitzfläche, da ein Kleid mit geklöppelter Spitze, dort eine gewebte Wanddecke in zauberhaften Farben – und dann fällt der Blick auf das in der Pfalz wahrlich vertraute, blaue Hemd. Das Winzerhemd. Eine alte Tradition, ein Stück Kultur und noch viel mehr, wie die versierten Hände der Schneiderin, Designerin und Modedozentin Stefanie Wiebelhaus aus Deidesheim beweisen. „Tradition erhalten, das hat für mich auch etwas von Nachhaltigkeit“, erklärt sie in Johanniskreuz, wofür das Winzerblau bei ihr steht. Preisgekrönt kommt es mit einem Mal als Wickelrock oder als Kapuzenjacke daher und zeigt, wie zauberhaft und anziehend Handwerk sein kann. Genau hier setzt die Ausstellung „Leute machen Kleider“ an. Denn sie wirft die Frage auf: Warum in ferne, meist unnahbare und zudem häufig untragbare Modewelten schielen, wenn daheim in kleinen feinen Manufakturen alles möglich ist? Diese Frage ist in Johanniskreuz mit einer klaren Aussage verknüpft: Ein Pfälzer Unikat Stil. Sigrid Bannier aus Albessen, beherrscht das filzige Handwerk. Wie fingerfertig sie in ihrer Filzwerkstatt in Kusel mit Schafwolle oder etwa Ziegenhaar umzugehen weiß, zeigen die in Johanniskreuz ausgestellten Stücke. Ein fast verschwundenes Handwerk beherrscht auf meisterliche Weise Barbara Corbet aus Frankweiler. Ihr Metier ist das Klöppeln. Raffinierte Spitzeneinsätze an Kleidern und Blusen zeigen, wozu geschickte Hände in der Lage sind. Der Ausstellungsraum ist klein, die Entdeckungen dagegen groß. „Das ist hochaktuell“, zeigt sich Brigitte Mannert, Präsidentin der Handwerkskammer Pfalz, bei ihrem Rundgang durch die Ausstellung angetan von der Kombination aus handwerklichem Können und Nachhaltigkeit. Sie verweist auf die Handwerksrolle – ein Verzeichnis der selbstständig ausgeübten Handwerke – und die dort rund 650 im Kammerbezirk Pfalz eingetragenen Betriebe, die alle mit dem Herstellen, Verwerten oder Reparieren von Leder, Stoff oder Bekleidung zu tun haben. „Bei insgesamt rund 17.800 Betrieben ist das eine Größenordnung von rund dreieinhalb Prozent. Das ist nicht wenig“, so die Präsidentin. Sie erinnert allerdings auch daran, dass die Bekleidungs-, Textil- und Lederhandwerke noch in den 1950er Jahren zu den größten Gewerbegruppen im Handwerk gehörten. Schafwolle ist auf dem hiesigen Markt nicht mehr als ein Abfallprodukt, Schaffelle sind sogar Sondermüll. Diese doch etwas überraschende Aussage stellte Helmut Schuler, Referent beim Biosphärenreservat, in den Ausstellungsraum. Er begrüße deshalb ausdrücklich, wenn Wolle regional wieder eine Bedeutung erhält, nicht nur weil das eine günstige CO2-Bilanz bringe. „Wiesentäler im Pfälzerwald werden auch durch weidende Schafherden offen gehalten. Die tierischen Rasenmäher machen aber nachhaltig nur Sinn, wenn für Fleisch und Wolle ein Markt besteht“, sagt Einrichtungsleiter Michael Leschnig. Nach dem Erfolg der Ausstellung „Holz ist Klang“ rücken die Veranstalter mit der Ausstellung „Leute machen Kleider“ erneut das Handwerk und seinen Zugriff auf natürliche Grundstoffe ins Zentrum. Nachhaltigkeit hin oder her, wer ein Stück sein eigen nennt, dessen Ursprung zunächst ein Schaf wärmte, dann am Spinnrad, später am Webrahmen einer Handwebermeisterin zur Vollendung reifte oder das von der Kürschnerin gearbeitet wurde, der besitzt schlicht und ergreifend ein echtes Einzel- und womöglich auch ein Lieblingsstück. Wie so ein Stück entsteht und wo es noch handwerkliche Juwelen in der Textilgestaltung gibt, zeigt diese Ausstellung. Info Die Ausstellung im Haus der Nachhaltigkeit ist bis zum 25. Juni zu sehen. Geöffnet ist an allen Tagen außer samstags jeweils von 10 bis 17 Uhr. Der Eintritt ist frei.