Rheinpfalz Wutzel auf dem Prüfstand
«Wachenheim.» Eine Million Euro hat der Kurpfalz-Park in Wachenheim in ein neues Fahrgeschäft investiert. Wochenlang wurde gewerkelt, jetzt hat es die Tüv-Plakette. An Pfingsten soll Wutzels Piratenflug starten. Ein Kettenkarussell-Test mit dem Technischen Überwachungsverein und eine Erinnerung an einen spektakulären Unfall.
Es tut sich erstmal – nichts. Der Tüv-Prüfer sitzt auf blauen Kunststoffsitzen, hat den Metallbügel an den vier Metallketten, die zur Sicherheit vor kleinen, bohrenden Fingern mit Plastikröhren umhüllt sind, heruntergelassen und ihn mit einem schwarzen Gurt gesichert. Kleinkindhände kriegen das nicht auf. Es könnte losgehen. Nur der Wind wirbelt Blütenstaub auf. Zwei Männer stehen am Bedienpult, einer schaut nach der Stromversorgung, einer auf den Laptop. Zielgruppe des Parks mit seinen jährlich rund 180.000 Besuchern sind vor allem junge Familien und Großeltern mit Enkeln, mitunter kommen auch junge Leute ohne Kinder. Dann, ein scheppernder Klingelton – als säße man auf einem kleinen Holzpferd und warte auf den Chip-Einsammler bei der Kerwe – los geht’s. „Typisch Vorführeffekt“, sagt der Ingenieur und grinst. Schon baumeln Beine in der Luft, Haare wehen, ein flaues Gefühl im Magen. Fein. Nur Musik gibt es keine, weil der Freizeitpark im Wald „schon seit Jahren nirgends mehr Beschallung hat“, erklärt Andreas Teipelmann (57), einer der beiden Geschäftsführer – auf Besucherwunsch. Fünf Din-A-4-Ordner mit Materialzertifikaten, Zeichnungen, der Elektrodokumentation, Angaben zu Statik, Profilen und Wandstärken, ein Laptop, zwei Ingenieure, eineinhalb Tage Knöpfe drücken, anfahren, stoppen, Schweißnähte inspizieren und 25 Kilogramm schwere Sandsäcke auf Testfahrt schicken – das alles braucht es, bis es das Okay gibt. Erst dann dürfen nach den Dummies, den Gewichten, Menschen mit im Piratenflug. Zwei Mann vom Tüv-Nord von der Essener Abteilung „Fliegende Bauten“ haben die Prüfung abgenommen. Karussell Wutzel, nach dem Park-Maskottchen benannt, ist auf dem Prüfstand: „Wir haben Fehler simuliert, Evakuierungen, die komplette elektrische und statische Prüfung gemacht“, sagt Stephan Krebs. Krebs und Kollege Sven Mlotek scheinen zwar keine Pedanten, aber es soll schon alles in Ordnung sein. Am Ende heißt es, „alles wie vom Hersteller versprochen“. Kleine Anmerkungen habe es gegeben, „nichts Sicherheitsrelevantes“. Tüv, Hersteller und Manager, alle vor Ort, sind zufrieden. Eine Tüv-Prüfung ist vorgeschrieben, aufwendig und teuer. Eine hohe fünfstellige Summe ist im Verkaufspreis einkalkuliert. Das größte Sicherheitsrisiko scheint bei Fahrgeschäften nicht die Technik, sondern unvernünftige Eltern zu sein, die ihre ganz Kleinen allein fahren lassen. Das Team vor Ort erinnert sich an „das Kind in der Zauberbude“. Im Juli 2011 war auf der Düsseldorfer Kirmes ein Vierjähriger aus dem Sitz geflogen und auf dem Teppich im Wohnwageneingang einer Wahrsagerin gelandet. Obwohl noch einmal glimpflich ausgegangen, verlor der Junge mehrere Milchzähne, hatte blutige Lippen und Schürfwunden. Der Vater hatte ihn allein fahren lassen, obwohl dies erst Sechsjährigen gestattet war. Dem Karussellbetreiber war es nicht aufgefallen. Der Junge hatte im Landeanflug den Sitz entriegelt. In Wachenheim soll das nicht passieren. In dem Häuschen neben dem Fahrgeschäft werde ein geschulter Mitarbeiter das Gerät bedienen. „Und alle 20 Sekunden geht ein Signalton an, den er quittieren muss“, sagt Geschäftsführer Teipelmann. Jedes Wildschwein-Wutzel am Dach der Konstruktion ein Unikat. „Schauen Sie mal“, sagt Ingenieur Mlotek und zeigt nach oben, „jede Schweineschnauze ist anders, die hier ist herzförmig, die nicht.“ Dem Auge des Prüfers entgeht offenbar nichts. Seine Spezialität sind Schweißnähte.