Landau RHEINPFALZ Plus Artikel Wladimir Kaminer zu Gast bei der Uni Landau

Der deutsch-russische Autor Wladimir Kaminer war Gast der Landauer Uni in der Reihe „Große Begegnungen“.
Der deutsch-russische Autor Wladimir Kaminer war Gast der Landauer Uni in der Reihe »Große Begegnungen«.

Entweder gibt es an der Uni Landau sehr viele spätberufene Studenten. Oder die Lehramtsaspiranten waren definitiv in der Unterzahl beim Auftritt des Schriftsteller Wladimir Kaminer am Donnerstag im Universum. Das Publikum unterschied sich jedenfalls nicht wesentlich von dem seiner regelmäßigen Gastspiele etwa im Karlsruher Tollhaus.

Anja Ohmer vom Zentrum für Kultur- und Wissensdialog der Uni hatte Wladimir Kaminer in der Reihe der „Großen Begegnungen“ nach Landau eingeladen – wie zuvor schon andere herausragende Persönlichkeiten aus Kultur, Gesellschaft und Wirtschaft, etwa Martin Walser, Reinhold Messner, Günter Wallraff und Henry Maske. Das Programm war so vergnüglich wie nicht unbedingt zu erwarten war angesichts der weltpolitischen Lage. Wird doch der russisch-deutsche Autor dieser Tage vielfach interviewt zum Angriffskrieg Putins auf die Ukraine. Das kommt nicht von ungefähr, befasst Kaminer sich doch in seinen Büchern gerne mit der Seelenlandschaft seiner Landsleute.

Sein Rezept für das Überleben in wechselnden Autokratien, die über Jahrhunderte Menschen entwurzelt und umsiedelt hätten: das „Einfrieren der eigenen Identität“ in Form von Pelmeni, gefüllten Teigtaschen, die im gesamten Osten beliebt sind. Auch seine eigene Mutter besitze neben ihrem Kühlschrank eine eigene Tiefkühltruhe für die Mahlzeit, die im Fall eines spontanen Besuchs schnell zubereitet ist. Etwa wenn zum 90. der Oma eine Abgesandte der Berliner Bezirksverwaltung mit einem Porzellanhäschen gratuliert.

Teigkneten für die Selbstvergewisserung

Die Stromverschwendung von zwei Kühlgeräten für eine alleinstehende Dame freilich sei ihren Enkelkindern, die sich leidenschaftlich der Weltenrettung verschrieben hätten, ein steter Dorn im Auge, kolportiert Kaminer. Sie gehörten einer globalisierten Leitkultur an, in der sich Leute ohne Migrationshintergrund schon fast benachteiligt fühlen müssten. Teigkneten zur Selbstvergewisserung sei ihnen fremd. Für ihr Uni-Fach Genderstudies scheint Tochter Nicole, vorgeschickt wie Rotkäppchen, bei der Oma jedenfalls einigen Anschauungsunterricht zu bekommen.

Wobei wir bei Kaminers eigentlichem Lieblingsthema wären: der eigenen Familie samt Haustieren wie dem kleinen Nager, der seinen Namen Magneto einem Missgeschick verdankt. Nachdem er auf dem Küchenboden einen kleinen Magneten mit Venedig-Motiv fand, wurde er abends selbst in misslicher Lage gefunden – mit der Backe am Kühlschrank festklebend.

Auch die abgelegten Smartphones der Kinder, die irgendwann bei der Oma landen, sind ein Quell der Inspiration. Etwa wenn sich die Generationenverhältnisse umkehren, als die vor Jahren eingerichtete Kindersicherung beim Vater Alarm schlägt, weil die Oma eine Spiele-App installiert.

Corona-Trilogie im Mittelpunkt

Neben Passagen aus bislang unveröffentlichten Büchern stand Kaminers Corona-Trilogie im Mittelpunkt, die er nach „Rotkäppchen raucht auf dem Balkon“ und „Deutschland raucht auf dem Balkon“ im vergangenen Jahr mit „Die Wellenreiter“ vollendet hat. Den Beginn der Pandemie habe er mit seiner Familie in einem Dorf nahe der brandenburgischen Kleinstadt Lindow verbracht. Dort seien die Bundesverordnungen zur Corona-Bekämpfung selbstverständlich auf Unverständnis gestoßen: Ausgangssperre nach 22 Uhr – wo soll man denn um diese Zeit auch hin? Und als in seinem Stammcafé ein Schild aufgetaucht sei, dass zwei Personen der Zutritt erlaubt sei, deutete Kaminer das als heimlichen Wunsch des Wirts, es möge doch jemals ein weiterer Gast hinzustoßen.

Der Witz von Kaminers verschlungenen Episoden speist sich vor allem aus der völlig logisch sich ergebenden Begegnung eigentlich weit entfernter Themen: etwa Omas lange geplanter Besuch bei den Berliner Philharmonikern und Putins nicht minder lange vorbereiteter Angriff auf das Nachbarland just an einem Mittwoch. Die Banalität des Grauens halt. Gerne würde man Kaminer folgen, wenn er sagt: „Es wird alles gut.“ Wären da nicht die vielen Toten.

Es war ein angesichts der Weltlage überraschend vergnüglicher Abend mit Wladimir Kaminer im Landauer Universum.
Es war ein angesichts der Weltlage überraschend vergnüglicher Abend mit Wladimir Kaminer im Landauer Universum.
x