Porträt
Wilfried Happel: Stipendiat ohne Stipendium
„Ich bin jetzt 54 und immer noch auf der Suche nach meinem Thema“, sagt Wilfried Happel mit leichter Verwunderung über diese späte Erkenntnis und das, was er dabei über sich selbst erfährt. Bisher war dem gebürtigen Nürnberger, der in Köln und Frankfurt Germanistik und Philosophie studierte, sein Ego ziemlich klar.
Als Lyriker ist er in sein Schriftstellerleben gestartet, hat dann aber als Theater- und Hörbuchautor so große Erfolge gefeiert, dass er die Dichtung links liegen ließ und sich – bald auch als Regisseur – ganz und gar der Bühne verschrieb. Die Stücke aus seiner Feder führen Titel wie „Mordslust“ (1995), „Fressorgie oder Gott als Suppenfleisch (2000) und „Fischfutter“ (2005). Die Inhalte beschreibt der Autor als „sehr pointierte, auf Charaktere fixierte, klischeehaft überspitzte Gesellschaftskritik, die man trotz ihrer Verdichtung gut nacherzählen kann“.
Erinnerungsarbeit an die verstorbene Frau
Noch immer aktuell ist „Die Wortlose“ (2002) – ein Monolog, der sich aus einer geschundenen und geschändeten Frau heraus Bahn bricht. Rund 25 Jahre hat Happel deutsche und ausländische Bühnen mit solchen Dramen belebt, dann hat sein Leben eine dramatische Wendung erfahren. „Die Krebserkrankung und der Tod meiner Frau haben mich verwandelt, und ich hatte das Bedürfnis, der gemeinsamen Zeit ein Denkmal zu setzen. Um dem Stress und der Trauer den besten Ausdruck zu verleihen, fand ich zurück zur lyrischen Form.“
Das Stipendium im Künstlerhaus sollte der Arbeit an diesem „Requiem“ den dafür erforderlichen ruhigen Rahmen geben. Und Happel spürte tatsächlich, wie sehr die Zurückgezogenheit und „die ganze Region dem Schreiben entgegenkamen.“ Deshalb hat er sich hier nach Ausquartierung eine Privatunterkunft gesucht und die „Quarantäne“, die ihn ganz auf sich selbst (und seinen Hund Bruno) zurückwarf als besondere Gunst des Augenblicks genutzt.
50 Gedichte sind in der Südpfalz schon entstanden
So sind aus den 30 Gedichten, die er schon im Stipendiatengepäck hatte, mittlerweile 80 geworden. Auch das schriftstellerische Spektrum, ja sogar die Wahrnehmung der eigenen Person haben sich durch die besondere Situation erweitert. „Früher dachte ich: Ich muss doch Ich sein, als Autor mit einer Stimme reden. Jetzt erkenne ich in mir ein produktives Wir. Wenn ich beispielsweise denke, dass mein Text noch nicht rund ist, komme ich auf den Gedanken, dass ich vielleicht den Autor noch nicht so richtig kenne.“
Also begibt sich Happel schreibend auf die Suche nach sich selbst. „In der Lyrik bin ich nachdenklich, poetisch, vorsichtig tastend – bemüht, der Situation und Erinnerung gerecht zu werden. Ich trete mit meiner verstorbenen Frau in Kontakt, und sie schreibt eigentlich mit, überprüft, ob alles seine Richtigkeit hat. Diese Gedichte sind natürlich wenig zeitaktuell.“
Ganz anders sei das bei der Arbeit fürs Theater, die nun auch wieder aufgeflammt ist für ein neues Stück namens „There once was“ (Es war einmal). Es geht dabei um eine geflüchtete Frau und ihre Erinnerung an die Vergangenheit, um ein Kriegstrauma, das eine neue Katastrophe in der Gegenwart heraufbeschwört. „Hier herrscht eine Sprache der Gewalt und man spürt, wie man mit Worten verletzten kann. Trotzdem soll es unterhaltsam sein, sonst funktioniert es auf der Bühne nicht.“
Ende Juni geht’s zurück nach Berlin
Und dann ist da noch die Prosa, die nun plötzlich auch aus Happel herausbricht. Bei dem wachsenden Manuskript zu „Der Schlurz und andere grausame Geschichten“ überrascht sich der Autor selbst mit einem betont spielerischen Ansatz. „Es macht mir sehr viel Spaß, einen Helden in 16 verschiedene Abenteuer zu schicken und jedes Mal scheitern zu lassen.“ Ganz in der Tradition von Buster Keaton oder Dick und Doof muss auch Helmut Kühn die abstrusesten Situationen durchleiden, damit sich der Leser an „Komik, Drastik und Grausamkeit“ weiden kann.
Noch bis Ende Juni bleibt Wilfried Happel in Edenkoben, dann geht’s zurück nach Berlin, wo er die dreifache Südpfalz-Ernte weiterverarbeiten und sein dabei aufgekeimtes Schriftsteller-Wir mit Pseudonymen versorgen will.