Rheinpfalz Wer suchet, der findet ...
... vor allem das, was er gar nicht braucht. Für Schnäppchenjäger (meist Damen), ist er ein Paradies. Für jene, die Gedränge und Gefeilsche scheuen (meist Herren), ist er die Hölle in Bunt: der Kinderkleiderbasar. Zweimal jährlich herrscht Gebrauchtklamottenhysterie. Unser Experiment: ein Tag, ein Paar und so viele Flohmärkte wie möglich.
Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. (Matthäus 7, 7) Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert. (Volksweisheit) Im Alten muss man das Neue erhalten. (Anna Schmitt, Großmutter, pflegte dies oft und mit Nachdruck zu rezitieren) Unsere Älteste hat in ihren Jeans alle Knie durch. Die Mittlere braucht neue Oberteile. Und dem Jüngsten sind alle Jackenärmel zu kurz.“ Spricht die Hausherrin und blickt ein wenig hilfesuchend in den Kleiderschrank, den Hauch einer Anklage im Unterton. Der Befund setzt geschlechtsspezifische Denkprozesse in Gang. Bei ihr: Es ist wieder höchste Eisenbahn, Klamotten zu kaufen. Nur wann? Die Zeit, die Zeit! Bei ihm: Ist es schon wieder nötig, neue Klamotten zu kaufen? Die Brutpflege kostet ja ein Vermögen. Das Geld, das Geld! Ein Plan muss her. So sieht er aus:
Denn sie wissen, was sie tun
Zeit ist Geld, und beides ist knapp. Wir räumen genau einen Tag frei zum Beutezug. Jagdrevier: Kinderkleiderbasar. Da gibt’s alles (so Gott will), aber günstig (hoffentlich). Außer Tiernahrung. Und weil voraussichtlich ein Basar nicht ausreicht, um den Bedarf einer mehrköpfigen Rasselbande zu decken, versuchen wir, in der uns gegebenen Zeit so viele dieser Gebrauchtwaren-Tohuwabohus wie möglich abzugrasen. Heia, Safari!
Vorsprung durch Technik
Zunächst müssen wir wissen, wann wo welche Basare angesetzt sind. Wir gehen analytisch vor: analog (Zeitung, Amtsblatt) und digital (Online-Foren, Kleiderbasar-Portale – doch, gibt’s wirklich! – und Facebook). Als vielversprechender Termin schält sich ein Samstag Mitte des Monats heraus. Im Märzen die Mutter die Schränke entrümpelt. Der Frühling kommt. Alles muss raus. Das trifft sich gut. Bei uns muss alles rein. Wir machen eine Liste mit Standorten. Dann knobeln wir an der günstigsten Route. Vor allem brauchen wir einen Zeitplan, denn Basare dauern nicht ewig. Die einen sind vormittags, die anderen nachmittags. Neuester Trend: abends. Mit Sekt und Häppchen. Doch das lassen wir lieber. Denn Papa, fatalerweise zum Einkaufen abgeordnet, hatte beim letzten Nachtbasar zuerst einiges an Winzerbrause konsumiert, bevor er es danach an Durchblick vermissen ließ: Folge: Heimkehr beschwipst, doch beutelos. Also diesmal abstinent.
Der Weg ist das Ziel
Grob überschlagen: Wie lange dauert es von A nach B, wann können wir danach in C sein, wo wir unbedingt hinwollen? Immer der alten Schnäppchenjäger-Weisheit eingedenk: Entscheidend sind die ersten 30 Minuten. Danach kann es sein, dass das Fell des Bären weitgehend verteilt ist. Grübel. Wo könnte es sich besonders lohnen, zuzuschlagen? Sprich: In welchen Gemeinden ist am ehesten eine Klientel zu vermuten, die quasi neuwertige Kleidung wieder auf den Markt wirft, und wo nicht? Wir geraten in eine gesellschaftspolitische Grundlagendebatte, gespickt mit gefährlichem sozialtheoretischen Halbwissen, gepaart mit solider Unkenntnis der örtlichen Begebenheiten, fügen uns dann aber der rein normativen Kraft des Faktischen: Veranstaltungszeit und Veranstaltungsort. So, haben wir alles: Navi, Karte (zur Sicherheit), Proviant, Moneten (seufz), Taschen, eine Liste mit Dingen, die man sucht, ist die Karre getankt? Wir wählen einen Schlingerkurs dort, wo die Vorderpfalz am vordersten ist und das junge Gemüse nur so sprießt: Maxdorf, Böhl-Iggelheim, Limburgerhof, Frankenthal, Ludwigshafen. Abfahrt in Ludwigshafen-Friesenheim, 8.30 Uhr. Attacke.
Der Frühe Vogel fängt den Wurm
Maxdorf, 8.50 Uhr, evangelisches Gemeindehaus, Kirchenstraße. Überraschung: Eigentlich sollten die Pforten des Kleiderbasars der Kita Kirchenmäuse um 9 Uhr öffnen. So stand es geschrieben. Doch die Tür ist bereits hoch, das Tor weit. Drinnen drängen sich Leute. Meine Begleiterin, ebenso kleiderbasarerfahren wie kostensensibel, klappert bereits die einzelnen Stände ab. Ich klappere angesichts der entschlossenen Sammlerinnengesichter mit den Zähnen. Also, wie war das gleich: Hosen für die Älteste, Jacken für den Jüngsten? Oder Oberteile für den Junior und die Hosen für die Mittlere? Welche Größe hat die nochmal? Mist. „Oh, Mann.“ Ja, genau, Mann o Mann. Da steht ein Bonanza-Laufrad! Melanie Rothert hat es mitgebracht und will es loswerden. Brauchen täten wir’s nicht, aber ... Ratlosigkeit. Schnell, denk nach: Was passiert, wenn du als Clanchef erneut ohne Klamottennachschub, dafür aber mit Krimskrams dastehst? Kurz mit sich gerungen, für den Familienfrieden entschieden, weitergegangen. Vernunft ist ein Dämon. „Schnäppchenjäger sind früh unterwegs“, sagt Kathrin Stuhlfauth vom Elternausschuss der Kirchenmäuse auf die Frage, warum sie den Basar zu solch unchristlicher Zeit angesetzt hat. Wobei das so nicht stimmt: Eltern sind meist Frühaufsteher. Wenn auch nicht immer freiwillig. „Wir haben mit der Uhrzeit gute Erfahrungen gemacht. Es sollen ja auch nicht alle Basare gleichzeitig sein“, schiebt Kathrin Stuhlfauth hinterher, während neben ihr ein Vater seiner von ihm sicher innig geliebten, textilhortenden Frau pflichtschuldigst den Kinderwagen hinterherschiebt. Halte durch, Freund! Wir müssen weiter. Noch schnell eine Kindermütze bei Vanessa Link erstanden. Die 16-Jährige aus Ludwigshafen schneidert und näht Mode für die Kleinen selbst. Damit habe ich wenigstens etwas zum Vorzeigen, auch wenn es Neuware ist. Das Prinzip Kleiderbasar habe ich offenkundig noch nicht ganz verinnerlicht.
Und führe mich nicht in Versuchung
Iggelheim, 9.55 Uhr, evangelisches Gemeindezentrum, Langgasse Jetzt ist es passiert. Aber ich kann nichts dafür, ehrlich. Habe auch ein ganz schlechtes Gewissen. ABER ICH MUSSTE ES EINFACH TUN. Ich musste diese Fähre von Playmobil kaufen. Sie ist mir am Stand von Nicole Hass sofort ins Auge gesprungen. Ihr neunjähriger Sohn hatte daran kein Interesse mehr, „der spielt bloß mit Lego“, sagt sie. Ich bin’s zufrieden. Autofähre, habe die Ehre. Mein Junior wird sich freuen – sofern er das Teil überhaupt zu sehen bekommt, hehe. Nicht ganz so zufrieden ist Kristina Rehmus vom Förderverein der Kita Windrose. Die Resonanz dürfte etwas besser sein, meint sie. Bei früheren Veranstaltungen habe es mitunter kaum ein Durchkommen gegeben zwischen den Ständen. Was andernorts mit der Grund dafür ist, dass sich Schwangere oft früher ins Getümmel stürzen dürfen, berichtet eine ausgebuffte Basarkundin. Kontrolliert wird dann per Augenschein und Mutterpass (wobei der Augenschein meist ausreicht). Täuschungsversuche gibt es dennoch. Einmal habe sie an der Einlasskontrolle eine Frau ertappt, die sich ein Kissen unter den Pulli geschoben hatte, um als werdende Mama durchzugehen. Die Welt ist schlecht. Meine Begleiterin hat derweil wieder eine Tasche mit Klamotten abgegriffen und wirft mir einen dieser triumphierend-herablassenden Blicke zu, die nur Väter und Ehegatten zu deuten wissen. Was mache ich falsch?
Die Nadel im Heuhaufen
10.50 Uhr, Limburgerhof, Albert-Schweitzer-Haus, Albert-Schweitzer-Straße O Gott, sind wir zu spät? Es soll doch erst um 11 Uhr losgehen. Eine Menschentraube. Kein Parkplatz, nirgends. „Lass mich mal aussteigen, du kannst ja in Ruhe suchen“, sagt meine Begleiterin mit einer souveränen Gelassenheit, die die Möglichkeit eines Widerspruchs nicht in Betracht zieht. Lieber länger warten, dann kannste früher starten. Weibliche Intuition. Wenn es heute so etwas wie ein Paradies der Pfennigfuchser geben sollte, dann liegt es wohl hier. Was diesen Ort aus Sicht vieler so begehrenswert macht: Die Ware ist sortiert. Säuberlich nach Größe und innerhalb einer Größe nochmal: Junge – Mädchen, Hose lang – kurz, Shirt Langarm – Kurzarm, Pulli, Rock, Unterwäsche, wasauchimmer. Garderobenständer mit Jacken, Kleidern, Hemden. Wahrlich der Garten Eden – sofern es dort ebenso wimmelt, wuselt und quengelt. Sollte in der Bibel nachschlagen. Immerhin: genaue Zielkoordinaten, wo was zu finden ist, erlauben selbst Basar-Primaten wie mir exaktes Suchen. Aber kein Vergleich zu meiner Begleiterin: Geschulte Augen scannen die Auslage, nie ermüdende Hände raffen in Taschen, was passend erscheint. Das sorgsam geschichtete Angebot wird mehrfach gewendet. Augen verengen sich, Münder werden schmaler. Ich habe Angst. Aua! Verflixt! Eine Stecknadel. Wo kommt die her? „Jedes Teil bekommt die Nummer des Verkäufers. Der Zettel wird mit einer Nadel angeheftet“, klärt mich Helena Pfaff-Vanecek auf. Sie organisiert dieses Konsumscharmützel generalstabsmäßig. Wer Gebrauchtes loswerden will, meldet sich an, erhält eine Nummer, markiert seine Habe, gibt sie am Vortag ab, ein 20-köpfiges Helferteam sortiert, verkauft und tütet die unveräußerte Ware wieder ein. Dafür wird eine Provision zwischen zehn und 20 Prozent zugunsten der Kirchengemeinde fällig. Bequem für alle, aber aufwändig. Und irgendwann trotz allem chaotisch, weil viele noch im Saal ihre Bündel sichten und einen Teil zurück auf die dann schon Wühltische packen. Männer sind dafür nicht geschaffen. Die treffen sich draußen und erproben sich im Bändigen ungeduldiger Zöglinge. Ich unterdrücke den Schreireflex und eile von dannen. Dabei treffe ich Renate Gleich aus Ludwigshafen, die als Oma ihrer Schwiegertochter erstmals auf der Schnäppchenjagd assistiert. „Es waren ein paar nette Sachen dabei“, sagt sie. „Aber dennoch nicht unbedingt mein Fall.“ Väter und Omas haben mehr gemein, als man glaubt.
Andere Mütter haben auch schöne Töchter
Frankenthal-Stadt, 12.45 Uhr, Autohaus Henzel, Vierlingstraße Endlich: Ich habe was ergattert. Zwar keine Hose für die Große, aber ein Kleid für die Maid. Bin beglückt. Und die Mutter, die es mir verkauft hat, ist es ebenfalls. Zudem ist das endlich mal ein Umfeld, das auch dem Mann etwas bietet: ein Autohaus. „Och, wir sind immer offen für neue Ideen“, sagt Inhaber Peter Henzel. Mit dem Erlös unterstützt er die Bibliothek der Frankenthaler Lessing-Grundschule. Passend dazu hat meine Begleiterin ein paar Schulbücher eingesackt. Aber was den Playmo-Kran angeht, der im Kofferraum liegt: den hat sie mir hingequatscht. Echt.
Es ist alles Jacke wie Hose
Frankenthal-Mörsch, 14 Uhr, Hof der Grundschule, Roxheimer Straße „Dich sieht man auch überall“, sagt Luzie Engelhardt. Sie meint meine unverdrossen-alles-mit-Kleidung-füllende Begleiterin. Luzie Engelhardt ist gleichfalls auf Basar-Tournee. Die Neuhofenerin war zuerst in Ludwigshafen-Rheingönheim, dann in Gerolsheim („sehr gut“), in Maxdorf (aber anderer Basar) und in Bobenheim-Roxheim. Jetzt also Frankenthal-Mörsch. Zwischenzeitlich hat sie zweimal Geld nachgeladen, und auch wir haben unser Budget überschritten. Eigentlich. Ein Kind strampelt stolz auf einem neuen gebrauchten Rad vorbei, auf dem Rücken ein neuer gebrauchter Schulranzen. Wir schauen uns an. Okay, einen noch.
Kindermund tut Wahrheit kund
Ludwigshafen-Süd, 16.15 Uhr, Kirchen Herz Jesu, Mundenheimer Straße „Das nächste Mal ohne Kind“, sagt eine genervte Mutter und versucht, den missmutigen Sohnemann wieder einzunorden. Guter Plan. Vor allem, wenn es so voll ist wie in der Unterkirche von Herz Jesu. Im Garten schmurgelt der Grill, drinnen herrscht babylonisches Sprachgewirr. Yvonne Daumann vom Organisationsteam versucht, von ihrem Verkaufsstand aus den Überblick zu behalten. „Bei uns ist immer viel los, schon wegen der Uhrzeit“, sagt sie. Mag sein. Ist auch echt nett hier. Aber ich kann nicht mehr. Lass uns gehen. Jetzt. Sofort.
Entscheidend ist, was hinten rauskommt
Bilanz: ein voller Kofferraum, rund 60 Einzelstücke, 120 Kilometer, knapp 200 Euro, brummende Köpfe. Hat sich gelohnt. Machen wir wieder. Aber erst 2017.