Rheinpfalz Vorne Pferd, hinten Fisch
St. Julian. In die Mauer am Treppenaufgang zur Kirche in St. Julian ist der Abguss eines römischen Reliefs eingefügt, auf dem ein Fabelwesen dargestellt ist. Das Original gehört zu einem der bedeutendsten archäologischen Funde im Kreis Kusel.
Das Sandsteinrelief mit den Maßen 195 mal 89 Zentimeter zeigt im Mittelbild ein Mischwesen aus Pferd und Fisch. Der vordere Teil ist ein Pferd, erkennbar am Kopf, an den Ohren, der Mähne und den beiden angewinkelten Vorderbeinen mit Hufen. Der Pferdekörper geht über in einen langen, geringelten Schwanz, der sich verjüngt und in einer breiten Flosse endet. Das Fabelwesen ist ein Hippokamp (Seepferd), wie es seit der griechischen Antike dargestellt wurde. Das Mittelbild ist von einem breiten Rahmen umgeben. Auf beiden Seiten sieht man jeweils einen „Krater“, ein Mischgefäß mit zwei Henkeln, aus dem Weinreben mit Trauben herausragen. Auf der Unterseite umranken Akanthuszweige vier verschiedene Blüten. Von dem Relief fehlt der Abschluss des Mittelbildes und der obere Rahmen, so dass etwa ein Drittel des ursprünglichen Werkes nicht erhalten ist. Außerdem gibt es zwei senkrecht verlaufende Fugen. Diese Beschädigungen stammen aus der abenteuerlichen Geschichte des Steines. Als im Jahr 1879 das mittelalterliche Kirchenschiff in St. Julian abgebrochen wurde, entdeckte man im Fundament mehrere römische Sandsteinquader, die man beim Bau verwendet hatte („Spolien“). Damit sie in die Kirche eingebaut werden konnten, wurden sie auf die passende Größe zugeschnitten. Die meisten Spolien wurden dem Historischen Museum der Pfalz überlassen und befinden sich heute im Depot des Museums. Dort hat man sie so aufgestellt, dass die ursprüngliche Anlage sichtbar ist. Der Stein mit dem Hippocamp gehörte zu dem Fundament eines Grabaltars, der eine Grundfläche von etwa 360 mal 190 Zentimeter hatte und vier Meter hoch gewesen sein dürfte. Mit diesen Dimensionen war es eines der größten Monumente seiner Art, die in Deutschland gefunden wurden. Es muss zu einem Heiligtum gehört haben, das in oder bei St. Julian stand, vielleicht sogar an der Stelle der späteren Kirche. Von einer weiteren Seite des Fundaments ist nur ein Bruchstück erhalten. Dort zeigt das Mittelbild einen Triton und zwei Delfine. In der antiken Mythologie war der Triton ein Sohn des Poseidon und einer Nymphe, der den Oberkörper eines Menschen und den Unterleib eines Fisches besaß. Die Darstellung von Meereswesen auf Grabsteinen war in der antiken Kunst nicht selten. Hippokamp und Triton dienten den Meeresgöttern als Reittier oder zogen ihren Wagen. Deshalb glaubte man auch, dass sie die Seelen von Verstorbenen ins Jenseits brachten. Die Kirche von St Julian hat nicht nur einen Abguss, sondern noch einige originale Spolien, die in den Turm eingebaut sind. Wer aufmerksam sucht, kann dort ein Sonnenrad mit einem Stil, ein kleines Pferd, das auf dem Kopf steht, und ein springendes Pferd mit Reiter entdecken. (dhb)