Rheinpfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Vor dem Untergang bewahrt

Kreisheimatpfleger Dieter Zenglein verwhrt auch die Heimatblätter im Kreisarchiv. Foto: m. hoffmann
Kreisheimatpfleger Dieter Zenglein verwhrt auch die Heimatblätter im Kreisarchiv.

KUSEL. Die „Westricher Heimatblätter“ waren fast schon untergegangen. Da ließ der Kreisausschuss sie im Jahr 1970 wieder auferstehen. Zum 50. Jahrgang befasst sich das erste Quartalsheft 2019 mit der regionalen Wirtschaftsgeschichte – und am 21. März gibt es eine Veranstaltung mit Kreisheimatpfleger Dieter Zenglein in der Kuseler Kreis- und Stadtbücherei.

Heimat hat Konjunktur. Der rheinland-pfälzische Kultursommer schreibt sich heuer „heimat/en“ holprig als Motto auf die Fahne. Und schon länger wogt in Feuilletons eine kontroverse Debatte über Identität und einen als toxisch geltenden Heimatbegriff, der mit Gartenzwergen, Jägerzaun und Trachtenanzügen assoziiert wird.

Nun – zu den Vorreitern für ein postmodernes Verständnis von Heimat lässt sich der Kreis Kusel kaum zählen. Doch mit Heimat gefremdelt hat der Westrich, gerade mal eine knappe Autostunde von den Drehorten entfernt, an denen Edgar Reitz’ entkrampfende Familiensaga „Heimat“ entstand, eher nicht. Ein Beleg dafür sind die „Westricher Heimatblätter“, die 2019 in den 50. Jahrgang starten.

Themen von Heimatgeschichte bis Numismatik

Von der Geschichte des Lauterdorfes Rutsweiler und dessen Zweikirche bis zur US-amerikanischen Militärverwaltung 1945 im Kreis Kusel reicht das Themenspektrum, das in der Vierteljahresschrift während der zurückliegenden fünf Jahrzehnte zur Sprache kam. Regionalgeschichte, Volkskunde, Kirchengeschichte, Naturkunde, Archäologie, Architektur, Wirtschaftsgeschichte und Numismatik sind einige der Themen der Beiträge, die Autoren aus nah und fern beigesteuert haben.

Darunter finden sich auch Arbeiten, die an Universitäten entstanden. In diese Kategorie gehört etwa die Magisterarbeit, in der die Kunsthistorikerin Isolde Schmidt die Baugeschichte der Zweikirche in einem Sonderheft umfassend darstellt. Sonderhefte sind überdies den ehemaligen Verbandsgemeinden gewidmet. Als Beitrag zur Erfassung aller pfälzischen Ortschaften enthalten diese Hefte zu allen Gemeinden im Landkreis Kusel straffe Porträts, die Auskunft etwa über historische Entwicklung, politische und religiöse Verhältnisse, Schulwesen und Wirtschaft geben.

Von Musikanten und Auswanderern

Mit einem Doppelheft wird in den Heimatblättern etwa die Geschichte des Gymnasiums Kusel beleuchtet. Weitere Beiträge handeln vom Weinbau im Glantal, der Mostbirnenkultur in der Westpfalz, der Verkehrsentwicklung und Industrialisierung Kusels im ausgehenden 19. Jahrhundert sowie Auswandererschicksalen und Wandermusikantentum. An Stoff für die nächsten Hefte fehle es nicht, sagt Dieter Zenglein, bei dem die Schriftleitung liegt. Vor allem zur jüngeren Zeitgeschichte seien weitere Beiträge wünschenswert, ebenso zu den für die Region prägenden Industriellenfamilien.

Nach Hans Matzenbacher, Lehrer aus Wolfstein, und Ernst Schworm aus Niederalben ist Kreisheimatpfleger Zenglein erst der dritte Schriftleiter der Publikation, die nach einem Relaunch im Layout derzeit in einer Auflage von 450 Exemplaren erscheint. Den Schriftleiter unterstützt seit 1970 ein Redaktionsausschuss, dem neben dem jeweiligen Landrat Kenner der Regionalhistorie angehören. Auf eine lange Mitarbeit können darunter der frühere Kuseler Dekan Baldur Melchior, der vormalige Kreisbeigeordnete Volker Schlegel und Lehrer Hartmut Stepp aus Pfeffelbach zurückblicken.

Ernst Schworms große Verdienste

Zu den fleißigsten Autoren gehören zweifelsohne die verstorbenen Heimatforscher Daniel Hinkelmann und Ernst Schworm. Schworm ist es wohl auch zu verdanken, dass der Vorzeithistoriker und Rassetheoretiker Hermann Wirth, der im Schatten der Burg Lichtenberg sein fragwürdiges Gedankengut pflegte und verbreitete, in den Heimatblättern kein Forum fand. Ausgewiesene Kenner pfälzischer Kirchengeschichte wie Alfred Kuby und Bernhard Bonkhoff oder der frühere Leiter des Instituts für Pfälzische Geschichte, der Historiker Roland Paul, lieferten immer wieder Beiträge. Seltener als in der Vergangenheit fänden sich heute Lehrer und Pfarrer unter den Autoren, registriert Zenglein.

Vorläufer der Quartalsschrift mit dem Untertitel „Heimatkundliche Mitteilungen aus dem Kreis Kusel (n.F.)“ waren die „Heimatblätter des Remigiuslandes“, die seit 1922 erschienen. Ab 1936 trugen sie den Titel „Westricher Heimatblätter“ und wurden herausgegeben von den Historischen Vereinen Kusel und Zweibrücken. Damit sollte zum Ausdruck gebracht werden, dass die Geschichte des Westrichs maßgeblich vom früheren Herzogtum Zweibrücken geprägt ist.

Nazis instrumentalisieren die Heimatblätter

Doch bereits wenig später übernahmen die Nationalsozialisten in den Heimatblättern das Ruder. Der Kreisleiter der NSDAP war nunmehr Herausgeber und Albert Zink aus Erdesbach Schriftleiter. In der Schrift überwogen fortan neben beschaulichen Anekdoten völkisch-national gefärbte Beiträge. Im Heimatspiegel wurde aus den jeweiligen Orten der „Heldentod im Kampf gegen den Bolschewismus“ gefallener Soldaten, von Beförderungen und Auszeichnungen vermeldet, sowie über Parteiveranstaltungen im Propagandastil berichtet. Letztmals erschienen die braunen Heimatblätter mit einer Doppelnummer im Frühjahr 1944.

Ergänzung zum Westrichkalender

Ein Vierteljahrhundert später beschloss der Kreisausschuss des Landkreises 1970, die Westricher Heimatblätter in einer neuen Folge wieder herauszugeben – als fundierte Ergänzung zum „Westrichkalender“, der 1956 wieder begründet wurde. Eine Fusion des Landkreises Kusel, der Herausgeber ist, mit einem der Nachbarkreise, so darf allerdings vermutet werden, dürften die Westricher Heimatblätter wohl kaum überdauern.

Info

Die aktuelle Ausgabe 1/2019 aus dem 50. Jahrgang präsentiert Kreisheimatpfleger Dieter Zenglein am 21. März, 19 Uhr, in der Kreis- und Stadtbücherei. Das neue Heft dreht sich schwerpunktmäßig um Wirtschaftsgeschichte im Kreis Kusel.

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