Seltene Berufe RHEINPFALZ Plus Artikel Vor 100 Jahren wurden bei Mohrbacher die ersten Kaffeebohnen geröstet

Der Duft der großen weiten Kaffeewelt: Mohrbacher-Co-Chef Jörg Bischof öffnet die Rösttrommel.
Der Duft der großen weiten Kaffeewelt: Mohrbacher-Co-Chef Jörg Bischof öffnet die Rösttrommel.

1924 musste Hans Mohrbacher sich entscheiden: Kaffee oder Kohle? Er wählte Bohnen statt Briketts. Davon zehrt heute die dritte Generation an Kaffeeröstern in Süd. Katja Müller-Altmann und Jörg Bischof können sich auf treues Arbeitsgerät und Personal verlassen.

Eigentlich hat die Rösttrommel das Rentenalter vor Augen. So wie Jörg Bischof, der wenige Monate jünger ist als sein zuverlässiges Arbeitsgerät. Weil der 64-jährige Röstmeister und sein mechanischer Assistent aber keine Amtsmüdigkeit erkennen lassen, setzen sie ihre Arbeit in der Mundenheimer Straße unermüdlich fort. Kilo um Kilo blassgelber Bohnen, Kaffeekirschen aus aller Welt entnommen, füllt Bischof in den gusseisernen Behälter ein. Wenn er nach einer Viertelstunde die Klappe öffnet, prasseln sie hellbraun und duftend aus dem Röster auf das Kühlsieb.

„Die Trommel ist ein Unikat“, weiß der Mann, der seit gut 20 Jahren unzählige Stunden mit ihr verbringt. „Sie wird so heute gar nicht mehr gebaut.“ Über die Organisation von Ersatzteilen muss Bischof sich dennoch nicht den Kopf zerbrechen. Die Wertarbeit aus deutscher Produktion röstet und röstet und röstet, braucht höchstens mal einen neuen Riemen oder ein Lager.

Dass die Digitalisierung in den Betriebsabläufen bei der Privat-Kaffeerösterei Mohrbacher eine untergeordnete Rolle spielt, ist bezeichnend für ein aus der Zeit gefallenes Handwerk. Ein Handwerk, das Hans Mohrbacher vor exakt 100 Jahren, am 1. Mai 1924, mit seiner aus Mannheim stammenden Frau Lisa am Rand der Innenstadt begründet hat. Die heutige Geschäftsführerin, Mohrbachers Enkelin Katja Müller-Altmann, möchte den Standort ebenso wenig eintauschen wie die zuverlässige Trommel oder die noch ältere Registrierkasse mit Sichtfenster aus dem Jahr 1954. „Nah an der Innenstadt und komfortabel zu erreichen, mit Parkplätzen vor der Ladentür“, allein schon für solche Standortvorteile gibt sie den Mohrbacher-Stammsitz nicht auf.

Start-up mit 21 Jahren

Die Schwester des Röstmeisters – landesweit eine der wenigen Frauen in der Branche – war genauso alt wie der Firmengründer, als der den Schritt in die Selbstständigkeit wagte. Gerade mal 21 Jahre war Hans Mohrbacher alt, als der Ludwigshafener in der Weimarer Republik seinen Kolonialwarenladen eröffnete. Im selben Jahr sollte ein gewisser Eduard Schopf erstmals Röstkaffee von Bremen aus per Post versenden, der in Päckchen mit der Aufschrift „Eduscho“ (gebildet aus seinem Namen) beim Verbraucher ankam.

Qualitätskontrolle von Hand: Jürgen Kölpin sortiert minderwertige oder verfärbte Bohnen akribisch aus.
Qualitätskontrolle von Hand: Jürgen Kölpin sortiert minderwertige oder verfärbte Bohnen akribisch aus.
Katja Müller-Altmann teilt sich die Leitung mit ihrem Bruder.
Katja Müller-Altmann teilt sich die Leitung mit ihrem Bruder.
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Nostalgie prägt das Ladengeschäft in der Mundenheimer Straße, aus dem es vor 100 Jahren erstmals duftete.
Nostalgie prägt das Ladengeschäft in der Mundenheimer Straße, aus dem es vor 100 Jahren erstmals duftete.

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Mohrbachers Vorfahren stammten aus dem gleichnamigen Dorf in der Westpfalz. Über sein Wortspiel, das zum bekannten Firmenlogo führte, hat er sich vor 100 Jahren keine tiefschürfenden Gedanken gemacht: ein dunkelhäutiger Mensch, der an einem Gewässer eine Tasse Kaffee genießt. Der Entwurf der charakteristischen Silhouette, die behutsam durch einen abstrahierten Umriss abgelöst wird, stammt von Hans Mohrbachers Bruder Carl, der Grafiklehrer an der benachbarten Rheinschule war. Müller-Altmann redet Diskriminierung und Rassismus nicht klein. Zu denken geben ihr aber Reaktionen von Kleinbauern aus Ruanda, denen Gäste der katholischen Kirchengemeinde aus Maudach Kaffeepäckchen mit dem Mohrbacher-Logo mitbringen: „Sie sind stolz darauf, ein vertrautes Konterfei auf der Verpackung zu sehen.“

Blick für Herkunft der Bohne

Zwischen der Gründer- und der heutigen Generation haben Tochter und Mutter Felicitas und deren Mann Winfried Bischof jahrzehntelang eines der ältesten Geschäfte in Ludwigshafen geprägt. Neben Mayerbier aus Oggersheim (und lange dem Weizenbier aus Rheingönheim) ist es das bekannteste Genussmittel aus Ludwigshafener Produktion, ist auch im Begrüßungspaket der Stadt für Neubürger zu finden.

Ausschließlich Arabica-Sorten lagern in prall gefüllten, zentnerschweren Jute-Säcken im Keller unterm Verkaufsraum. Vom Tresen aus haben Kunden einen freien Blick auf die Rösttrommel, in der Bischof sie rund 15 Minuten lang bei 190 Grad ausrösten lässt. Der gelernte Zahntechniker kann aus einem Blick auf die Rohbohne ableiten, aus welchem Herkunftsland sie stammt, aus Lateinamerika, aus Afrika oder aus Ostasien. Gerade hält er eine Spezialität in der Hand: äthiopischen Mokka. „Die kleine Bohne ist ein bisschen knorrig und verträgt etwas mehr Hitze.“

Dann bleibt sie nicht mehr lange schrumplig. Nach dem First Crack, wenn ein Gutteil der Feuchtigkeit verdunstet ist, verdoppelt sie sich in ihrer Größe. Verliert aber dennoch an Gewicht. Aus einem Kilo Rohkaffee prasseln nach der Röstung im Haus Mohrbacher 850 Gramm knackig braune Bohnen ins Sieb. Industriell verarbeiteter Kaffee wird schneller geröstet und behält eine von der Verordnung zugelassene Restfeuchte.

„Natürlich schwarz“

Die Mohrbacher-Geschwister bleiben dabei: Beim Rösten sparen nicht an der Qualität. Sie halten auch an den Prüfern fest, die hinter der Trommel Bohne um Bohne auf einem Laufband inspizieren und minderwertige oder verfärbte Resultate aussortieren. „Das erkennt keine Maschine“, weiß Müller-Altmann, die ihren Kaffee „selbstverständlich schwarz“ trinkt.

Kaffeeliebhaber zahlen seit 100 Jahren den Preis für diese Handarbeit. Und den Service in einem Ambiente, das sich den Charme eines Tante-Emma-Ladens erhalten hat, dessen Sortiment behutsam um Schokoladen oder Gebäck erweitert worden ist. Die älteste Verkäuferin in der gestärkten Schürze heißt zwar nicht Emma, sondern Doris Steuerwald. Aber sie kommt immer noch gern zum Bedienen in die Mundenheimer Straße, beteuert die 78-Jährige.

Mit 48 Jahren ist das für Katja Müller-Altmann, die sich zwischenzeitlich zur Physiotherapeutin weitergebildet hat, Ansporn, auch das 125. Mohrbacher-Jubiläum im aktiven Dienst zu erleben. Womöglich als Röstmeisterin in Nachfolge ihres Bruders. Das Handwerk hat sie gelernt, als sie vor 28 Jahren in den Familienbetrieb einstieg. Ob eines ihrer beiden Kinder im Teenageralter dann die vierte Mohrbacher-Generation begründen wird, ist noch nicht entschieden. Die Kundschaft – dank des vor 20 Jahren eingerichteten Online-Versands mittlerweile aus aller Welt – würden es ihnen danken.

Die Serie

Schmuckeremiten, die englische Adlige zur Belebung ihrer großflächig angelegten Landschaftsgärten angeheuert hatten; Kaffeeriecher, die im Auftrag von Friedrich dem Großen illegale Röstereien in Hinterhöfen aufspüren sollten; Uhrzeitverkäufer im England des frühen 20. Jahrhunderts – solche Berufsbilder gehören der Vergangenheit an. Aber es gibt immer noch eine Menge außergewöhnlicher, kurioser und aus der Zeit gefallener Beschäftigungen, auch in Ludwigshafen. Zuletzt stellten wir einen Baumkontrolleur vor.

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