Kultur Südpfalz Von Augenpaaren verfolgt
In der Ausstellung „Blickkontakt. Gesichter einer Sammlung“ in der Städtischen Galerie Karlsruhe scheinen den Betrachter manche Augenpaare mit ihrem Blick bis zum Ende des Raums zu folgen. Andere schauen in die Ferne oder betont züchtig zu Boden, wie die junge Braut, die sich um die Mitte des 19. Jahrhunderts porträtieren ließ und das Frauenbild ihrer Zeit widerspiegelt.
Die Ausstellung gibt einen Einblick in die Auswahl an Porträts, die die Galerie in ihrem Bestand hat, Kuratorin Hannah Schreiber konnte aus dem Vollen schöpfen. Und sie zeigt, wie sich Rolle und Darstellung beziehungsweise Selbstdarstellung im Porträt im Lauf der Zeit wandeln. Zu sehen sind die vielfältigen Spielarten von Porträts von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis heute. Gleich im Entree der erste, offensichtliche Kontrast. Auf der einen Seite schauen Kaiser Wilhelm II, der Großherzog und die Großherzogen von Baden staatstragend aus ihren schweren Bilderahmen. Die Uniformen, das herrschaftliche Dekor im Hintergrund, sorgen für Distanz zum Betrachter. Auf der anderen Seite kleinere bürgerliche Porträts, gedacht als Erinnerungsstücke und deutlich persönlicher im Ausdruck. Am lebendigsten wirkt ausgerechnet das Bildnis des Wilhelm Nokk. Mit angeregtem Gesichtsausdruck scheint er direkt den Kontakt zum Publikum zu suchen. Dabei war der badische Minister für Justiz, Kultus und Bildung schon verstorben, als sein Porträt 1904 gemalt wurde. Viele Künstler spielten in Selbstbildnissen und den Darstellungen von Menschen aus ihrem Umfeld mit Ausdrucksformen, die sie bei zahlenden Kunden weniger offensiv eingesetzt hätten. Das macht die Auswahl dieser Stücke so interessant. Beginnend im Jahr 1842, relativ dicht gehängt, offenbaren sich erstaunliche An- und Einsichten. Die werden noch unterstrichen durch den Trick, einige Werke aus der Menge heraus zu nehmen und einzeln zu beleuchten. Eine grau umrandete Markierung im jeweiligen Originalformat zeigt, wo das Bild eigentlich zwischen den anderen hängen würde. Wie immer legt die Städtische Galerie einen Schwerpunkt auf die Karlsruher Kunstszene. Dora von Sibelius hatte 1897 ihr Studium an der Karlsruher Kunstakademie begonnen und demonstriert in ihrem Selbstporträt alle Attribute einer damals emanzipierten Frau. Wilhelm Trübner, Professor an der Karlsruher Kunstakademie, stellte sich als beladenen Esel dar, sah er sich selbst doch als „lebenslänglichen Angestellten einer Malanstalt“. Emil Firnrohr schuf 1952 ein Selbstporträt in Bewegung, das ihn gleich zwei Mal zeigt, einmal frontal dem Betrachter zugewandt, daneben seitlich an der Staffelei malend. Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts brachte munteres Experimentieren. Von Timm Ulrich sieht man nur eine leere Fläche zwischen den Messern, eine Fotoserie am rechten Rand dokumentiert, wie der Künstler sich tatsächlich einem Messerwerfer stellte, um dieses eigenwillige Porträt zu schaffen. Man begegnet auch bekannten Gesichtern, aber auf eine andere Art. Thomas Bayrle setzte ein ikonenhaftes Porträt von Marilyn Monroe aus blauen, roten und gelben Kuhköpfen der Marke „La vache qui rit“ zusammen – Pop Art vom Feinsten. Gerhard Richter ließ die Konturen des Fotos von Verleger Johannes Wasmuth gekonnt verschwimmen. Daneben hängt das „Porträt Fräulein Monika Würtenberger“ der Karlsruher Malerin Waltraud Kriss. Das 1981 entstandene Bild scheint aus der Zeit gefallen, denn die Porträtierte trägt ein historisches Kleid und hält sich an einer altertümlichen Kaffeekanne fest. Keines der insgesamt 140 Gemälde, Grafiken und Zeichnungen gleicht den anderen, so wenig wie ein Gesicht oder ein Charakter dem anderen gleicht. Alle Porträts laden dazu ein, sich Geschichten über die dargestellten Menschen auszudenken, sagt Brigitte Baumgart, die Leiterin der Städtischen Galerie. Info „Blickkontakt. Gesichter einer Sammlung“, Städtische Galerie Karlsruhe, bis 20. Januar 2019, Mittwoch bis Freitag, 10 bis 18 Uhr, samstags und sonntags 11 bis 18 Uhr. Eintritt 5 Euro, im Internet: www.staedtische-galerie.de